VonAndrea Hermannschließen
In einer Woche endet für Jakob Hartl die Amtszeit als langjähriger Bürgermeister von Nandlstadt. Im großen Abschiedsinterview zieht er Bilanz und blickt auch nach vorne.
Nandlstadt – „Ich finde es schön, wenn man für seine Gemeinde arbeiten und etwas bewegen kann.“ Genau das hat Nandlstadts Bürgermeister Jakob Hartl 30 Jahre lang gemacht. Nun heißt es Abschied nehmen: Am 30. April endet die Amtszeit des 65-Jährigen. Im FT-Interview spricht er über die vielen Projekte in seiner Amtszeit, künftige Aufgaben und darüber, was er im Ruhestand machen möchte.
Freisinger Tagblatt: Zählen Sie schon die Tage bis zum letzten Arbeitstag?
Jakob Hartl: Nein, eigentlich nicht. Die Arbeit geht weiter – und ich werde mir da nichts nachsagen lassen.
Wenn Sie auf die vergangenen 30 Jahre zurückschauen: Was bleibt Ihnen positiv in Erinnerung?
Ich finde es schön, wenn man für seine Heimatgemeinde arbeiten und etwas bewegen kann – in Zusammenarbeit mit der Verwaltung und dem Marktgemeinderat. Schöne Sachen hat es in der Zeit viele gegeben: Für mich waren zum Beispiel die Erweiterung des Rathauses und der Schule schöne Momente. In der Zeit sind auch die Feuerwehrhäuser in Nandlstadt und Baumgarten gebaut worden und zahlreiche neue Einrichtungen entstanden. Als ich angefangen habe, gab’s bei uns zwei oder drei Kindergartengruppen. Jetzt haben wir zwei Kindergärten und denken intensiv über einen Standort für einen dritten Kindergarten nach. Es hat sich hier unwahrscheinlich viel getan. Es hat viele schöne Momente gegeben. Eine ganz tolle Geschichte war auch, dass wir für die Schule einst einen riesen Zuschuss – über 90 Prozent – für die energetische Sanierung bekommen haben. Dadurch haben wir die Schule auf einen Neubau-Zustand bringen können. Auch mit den Mitarbeitern im Rathaus war es immer ein angenehmes und tolles Zusammenarbeiten.
An was erinnern Sie sich nicht gerne?
Das Schlimmste für mich war 1999 das Maibaum-Unglück mit einem tragischen Todesfall. Das war das schlimmste Ereignis in meiner Amtszeit.
„Realschule in Au und Erhalt der Mittelschule in Nandlstadt ganz großer Erfolg“
Sie haben sich für viele Projekte eingesetzt – etwa die Errichtung einer Realschule in Au und somit den Erhalt der Mittelschule in Nandlstadt. Hat sich der Einsatz gelohnt?
Ja, das war ein ganz großer Erfolg – nicht nur für die vier beteiligten Nord-Bürgermeister, sondern auch für die Region. Aus dieser Zusammenarbeit ist erfolgreich die Realschule Au entstanden sowie die Aufwertung und hoffentlich der dauerhafte Erhalt der Mittelschule in Nandlstadt. Das war eine spannende und sehr interessante Zeit.
Und es hat ziemlichen Gegenwind gegeben...
Der war ordentlich. Anfangs wurden wir belächelt. Aber der dauerhafte Einsatz und die Zusammenarbeit der vier Gemeinden haben am Schluss dann doch zu einem schönen Erfolg geführt. Und die Belegung der Schule in Au zeigt, dass es eine sinnvolle Einrichtung ist und der Bedarf fast nicht gedeckt werden kann. Die zweizügige Realschule ist voll ausgelastet. Für die Kinder und Eltern ist das eine ganz tolle Geschichte, wenn man mit kurzen Fahrzeiten so eine Schulmöglichkeit hat.
Und wie geht’s der Mittelschule Nandlstadt?
Gut! Wir fahren da jetzt auch wieder zweizügig, und ich gehe schon davon aus, dass das – angesichts der steigenden Schülerzahlen – auch in Zukunft so sein wird. Wir sind am überlegen, wie wir zusätzliche Räumlichkeiten, die die Rektorin wünscht, auch ermöglichen können. Das zeigt schon: Wenn Raumbedarf in der Schule besteht, geht es aufwärts und die Schule ist gut belegt.
Enorme Nachfrage nach Baugrundstücken
Wie sieht’s aktuell mit den Betreuungsangeboten für Schulkinder aus?
Wir haben eine Mittagsbetreuung für Grundschüler, und ab der fünften Klasse gibt’s für die Schüler im Schulverband eine offene Ganztagsschule. Beide Einrichtungen sind sehr gut belegt – die Tendenz geht nach oben. Auch da gibt es seitens des Schulverbands Überlegungen, ob man neue Räumlichkeiten auf dem Schulareal errichtet.
Und bei der Betreuung der Kleinsten gehen die Überlegungen hin zu einem dritten Kindergarten...
Ja. Wobei nicht der Kindergarten-Bau selbst das große Problem ist. Es gibt immer Zuschüsse für Kindergarten-Neubauten, aber die Schwierigkeit ist, dass man gutes Personal bekommt. Bislang haben wir immer sehr gute Leute bekommen, aber es wird zunehmend schwierig. Wenn man sieht, dass die Stadt München die doppelte Ballungsraumzulage zahlt, die Grenze aber an der Amper aufhört und wir diese nicht einmal einfach zahlen dürfen, ist das schon ein Nachteil bei der Personalgewinnung. Bislang ist es immer gut gegangen – mal schauen, wie es in Zukunft weitergeht. Wir haben jetzt auch Ausbildungsplätze im Kindergarten geschaffen, und da hoffen wir, dass von den Auszubildenden vielleicht auch mal jemand bleibt.
Ist Nandlstadt ein attraktiver Ort für junge Leute?
Ja! Wir haben eine enorme Nachfrage nach Baugrundstücken. Wir weisen zur Zeit auch ein neues Baugebiet aus. Wir haben sehr, sehr viele Anfragen sowohl von ortsansässigen jungen Bürgern als auch von Leuten aus dem Umland – vor allem aus dem südlichen Landkreis München. Wir haben mit 59 Vereinen ein großes kulturelles Angebot. Und auch mit dem Wald- und dem Hallenbad haben wir zwei attraktive Einrichtungen, auch wenn wir speziell beim Waldbad gerade vor großen Investitionen stehen.
Corona-Krise wird finanzielle Schwerpunkte verlagern
Apropos: Wie steht die Gemeinde finanziell da?
Wir haben zwar deutlich mehr Gewerbesteuer als noch vor 30 Jahren, aber wir sind immer noch eine der finanzschwächsten Gemeinden im Landkreis. Aber mit unseren Möglichkeiten haben wir relativ viel geschaffen und schaffen auch weiterhin sehr viel. Wir möchten jetzt auch ins Städtebauförderungsprogramm reinkommen, um vielleicht noch attraktiver zu werden. Ich gehe aber davon aus, dass sich durch die Corona-Krise die finanziellen Schwerpunkte und Prioritäten verändern werden und nicht alles wie geplant und in Kürze umgesetzt werden kann.
Wo hat sich denn Nandlstadt in den vergangenen 30 Jahren am prägendsten entwickelt?
Nandlstadt ist in der Zeit sehr stark gewachsen. Unser Wachstumsschub war am Anfang der 90er Jahre – mit den ganzen Herausforderungen, die im Rahmen der Flughafen-Eröffnung auf uns zugekommen sind. Da haben wir enorme Zuwächse gehabt. Dazwischen hat es sich beruhigt, aber in den letzten Jahren nehmen wir wieder deutlich zu. Wir haben mittlerweile fünfeinhalbtausend Einwohner, und das ist gegenüber von 1990 eine deutliche Einwohnererhöhung.
Das stellt die Gemeinde natürlich vor Herausforderungen...
Wir haben immer versucht, dass wir die Infrastruktur und die Einrichtungen – nicht nur Kindergärten und Schulen, sondern auch die Kläranlage usw. – dem Bedarf anpassen. Die Kläranlage wird aktuell ja wieder aufgewertet und erweitert.
„Windrad-Standort nicht geeignet“
Ein Thema, das in letzter Zeit für Schlagzeilen gesorgt hat, ist das Thema Erneuerbare Energien – und in Nandlstadt speziell das Windrad...
Das Windrad hat für ordentlich Wind gesorgt. Wir haben grundsätzlich nichts gegen Windkraft an sich, wir finden nur den Standort, wo die zwei Anlagen errichtet werden sollen, für die Bürger der anliegenden Ortsteile und des Nachbarorts Haslach (Markt Au; Anm. d. Red.) für nicht geeignet. Es würde sicherlich andere Möglichkeiten geben. Es ist auch bekannt, dass der Markt Nandlstadt und der Markt Au gegen die Genehmigung des ersten von zwei Windrädern geklagt haben. Jetzt warten wir die Entscheidung des Landgerichts ab. Ich gehe davon aus, dass es zügig vorangeht.
Die Gemeinde setzt jetzt mehr auf Photovoltaik.
Ja – wir haben gerade im Bereich der Solarenergie unseren Schwerpunkt gesetzt. Wir haben bereits auf dem Rathaus, der Schule und der Hopfenhalle Photovoltaik drauf. Wir sind gerade dabei, etwas auf dem Feuerwehrhaus zu installieren. Es gibt auch viele Dachflächen von Privatleuten in Nandlstadt. Zudem gibt’s eine Freiflächenanlage Richtung Großgründling, und es ist gerade eine größere Anlage bei Airischwand in Planung. Da hat der Gemeinderat bereits die Zustimmung gegeben.
Das Thema Erneuerbare Energien wird auch Ihren Nachfolger noch beschäftigen.
Ja sicher. Das wird weiterhin ein Thema bleiben.
Das waren die Herzensprojekte von Jakob Hartl
Welche größeren Themen werden noch anstehen?
Es steht vieles an: natürlich der dritte Kindergarten und das Waldbad, aber auch der Abschluss der Bauarbeiten an der Kläranlage. Zudem gibt es immer auch viele Sachen, die plötzlich und unerwartet kommen, wie man gerade an der Corona-Krise sieht. Diese weltweite Epidemie, die uns auch in Nandlstadt schwer trifft, stellt uns vor ganz neue Herausforderungen.
Hatten Sie in all den Jahren, in denen Sie Bürgermeister waren, ein Herzensprojekt?
Mit ganzem Herzen war ich bei der Erweiterung des Rathauses beteiligt, weil es für mich ganz wichtig war, dass wir endlich einen Sitzungssaal und Trauungsraum im Rathaus haben. Was mir auch ganz wichtig war: dass wir unsere Hopfenhalle erhalten haben. Wir haben ja die Festhalle mittlerweile toll hergerichtet. Und es ist toll, dass der alte, historische Backsteinbau nicht abgebrochen wurde und erhalten worden ist. Es wäre schön, wenn wir die alte Hopfenhalle über die Möglichkeiten der Städtebauförderung doch noch zu einem schönen Abschluss bekommen.
Ein Herzensprojekt war und ist die Partnerschaft zu Újszilvás in Ungarn...
Die liegt mir wirklich sehr am Herzen. Ich würde mich freuen, wenn diese Partnerschaft weiter bestehen bleibt. Es gibt einige Leute, die weitermachen werden – sowohl im Marktrat, als auch in der Verwaltung. Es wäre schade, wenn diese herzliche, zwischenmenschliche Beziehung, die da in der Zeit aufgebaut worden ist, nicht weitergeführt würde. Ich selbst werde mit Sicherheit die Kontakte weiter pflegen.
Hatten Sie in den vergangenen 30 Jahren ein politisches Vorbild?
Nein.
Hartl gibt Nachfolger Tipp - und verrät seine Pläne für den Ruhestand
Wenn Sie an Ihren Nachfolger denken: Welche Eigenschaften muss dieser mitbringen?
Mein Nachfolger braucht jeden Fall ein dickes Fell – aber das bekommt man mit der Zeit. Und das braucht man auch, sonst geht man zugrunde. Was mir persönlich immer wichtig war: dass ich immer ich selbst geblieben bin – obwohl man sich natürlich verändert.
Wenn Sie an Ihren letzten Arbeitstag denken: Was werden Sie am meisten vermissen?
Mit am meisten vermissen werde ich meine Kolleginnen und Kollegen im Rathaus, weil ich mit ganz vielen eine unwahrscheinlich gute Zusammenarbeit und menschlich ein gutes Verhältnis gehabt habe. Der Abschied von ihnen wird mir am letzten Tag am schwersten fallen.
Was werden Sie nicht vermissen?
Das weiß ich noch nicht.
Und was werden Sie mit Ihrer neu gewonnen Freizeit machen?
Ich bin seit meiner Jugend immer schon leidenschaftlich gerne im Garten gewesen – ich hatte ja mal viele Erdbeeren. Ich hab vor, dass ich mich im Garten beschäftigen werde. Außerdem habe ich zwei Enkel, denen ich mich mehr widmen möchte. Und gibt es einige Länder, die ich gerne sehen würde. Allerdings nur solche, wo ich mit dem Auto oder dem Zug hinkomme – ich fliege nicht. Aber es gibt auch bei uns in Bayern wunderschöne Orte und Städte, die ich gerne (wieder-)sehen würde.
Vervollständigen Sie abschließend bitte noch den Satz: Meine Zeit als Bürgermeister war...
...für mich eine unwahrscheinlich interessante und erfüllte Zeit, aber auch eine Zeit großer Herausforderungen. Für mich war das Bürgermeister-Amt ein Traumjob. Ich finde es wahnsinnig toll, wenn man als geborener Nandlstädter für seine Gemeinde tätig sein kann. Ich möchte mich bei den Gemeindemitarbeitern, den Markträten und den Bürgern für ihre Arbeit zum Wohl der Gemeinde sowie die Zusammenarbeit mit mir bedankten und wünsche den künftig Verantwortlichen eine glückliche Hand.


