Bürgermeisterin Verena Dietl spricht im Interview über ihren Alltag und ihre Ambitionen über 2026 hinaus.
Verena Dietl (44, SPD) ist seit 2020 als Dritte Bürgermeisterin in unserer Stadt im Einsatz. Mit unserer Redaktion spricht die Münchnerin über 15-Stunden-Arbeitstage, Familie, Revierkämpfe im Rathaus und persönliche Ambitionen.
Frau Dietl, erinnern Sie sich noch an dieses Bild?
Das ist jetzt knapp vier Jahre her, als ich Bürgermeisterin meiner Heimatstadt wurde. Das ist mir nach wie vor eine große Ehre. Es war Corona, alles passierte mit Abstand. Wir konnten nicht feiern. Und ich saß in meinem Büro am Marienplatz, der komplett leer war. Ich habe mir damals gesagt, es ist jetzt wichtig, den Menschen das Signal zu geben, dass wir sie in dieser schweren Zeit nicht im Stich lassen und gerade im Sozialbereich keine Angebote einsparen dürfen.
17 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, bei den unter 25-Jährigen sind es sogar 38 Prozent. Die Armutssituation ist alarmierend...
Wir wissen, dass um die 270 000 Menschen von Armut betroffen sind, das ist eine Aufgabe. Wir müssen besser werden in der Kommunikation. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Hilfen ihnen zustehen. Und andere lassen sich wegen vieler erforderlicher Nachweise und Unterlagen abschrecken. Ich bin da bereits in Gesprächen z. B. mit dem Jobcenter und halte die Mitarbeiter an, sich noch mehr in die Lebenswelt der Menschen hineinzudenken. Wir sind eine Stadt, in der über 50 Prozent der Menschen Migrationsgeschichte haben. 180 Nationen, da ist nicht jeder sprachlich in der Lage, jedes Behördenschreiben zu verstehen. Da müssen wir ran.
Aber es gibt doch Lücken im System.
Das war zum Beispiel bei den Nebenkosten ein Thema, wo wir mit dem Wärmefonds Geld zur Verfügung gestellt haben. Ich würde mir als Bürgermeisterin schon wünschen, dass mehr anerkannt wird, dass das Leben in einer Großstadt wie München teuer ist. Da tun wir viel auf freiwilliger Basis, helfen würde aber eine Änderung der Regelsatzhöhe durch den Bund. Klar ist, es wird nie gelingen, die Armut zu beheben, aber es kann gelingen, die Lebensumstände der Menschen zu verbessern.
Sie sind Aufsichtsratsvorsitzende im Tierpark, haben Sie privat auch Tiere?
Ich habe zwei Katzen.
Welche Tierchen sind denn pflegeleichter, die im Tierpark oder im Rathaus?
(Lacht.) In beiden gibt es Rudelbildung und Revierkämpfe. Ich habe aber den Anspruch, immer das Beste für die Menschen herauszuholen und gute Lösungen zu gestalten. Im Rathaus braucht es manchmal länger Zeit und viele Besprechungen.
Wie ist es mit Hund und Katz im Rathaus?
Da braucht es viel Empathie und Diplomatie. Ich finde schon, dass man merkt, dass ich jetzt die einzige Frau an der Stadtspitze bin. Ebenso bekomme ich jetzt mehr Themen, die vor allem die Frauen in München bewegen, immer verbunden mit dem Anspruch, mich dafür einzusetzen.
Dominik Krause hat unlängst im Interview mit unserer Redaktion gesagt, er sei auch ein Frauenbürgermeister.
Das mag sein, aber es wirklich zu leben und jeden Tag den Ausgleich zwischen Job und Familie zu schaffen, wie man das Leben tatsächlich als Frau empfindet, das ist schon ein Unterschied.
Knirscht es häufiger?
Ich komme mit Dieter Reiter und Dominik Krause gut zurecht. Man muss es in der Stadtspitze auch aushalten, wenn es zwischen den Koalitionspartnern mal knirscht. Grüne und SPD wollen gleichermaßen sichtbar sein nach außen. Das fällt schwerer, wenn nicht mehr so viel Geld da ist.
Wie hat sich denn Ihr Leben verändert, seit Sie Bürgermeisterin sind?
Ich war zuvor zwölf Jahre im Stadtrat und bin gleichzeitig meinem Beruf nachgegangen. Ich wusste also, wie es ist, wenn man gut durchgetaktet ist. Aber klar, es ist natürlich noch mal deutlich mehr Verantwortung geworden. Es gibt Arbeitstage mit 15 Stunden. Da muss ich sehen, dass ich als Mutter von zwei kleinen Kindern den Ausgleich schaffe.
Gelingt das?
Es ist mein Anspruch, dass ich mindestens an einem Tag in der Woche meine Kinder aus der Betreuung abhole. Dann bin ich meist um 17 Uhr da, fange dann aber auch viel früher an. Oder klappe den Laptop noch mal auf, wenn die Kinder schlafen. Ansonsten bin ich dankbar, dass ich mich auf meinen Partner und meine Familie verlassen kann. Ich sehe mich als Fürsprecherin berufstätiger Mütter, die es neben einem anspruchsvollen Job noch schaffen, für ihre Familie da zu sein. Das ist natürlich herausfordernd, aber ich gehe jeden Tag gerne ins Rathaus.
Ich bin immer noch sehr stolz darauf, Bürgermeisterin meiner Heimatstadt zu sein. Es gibt sicher nicht nur die angenehmen Themen, aber ich gehe jeden Tag voller Elan und Freude an. Und ich werde alles dafür tun, in der Stadtspitze zu bleiben. Das erfordert ein gutes Abschneiden der SPD bei der Kommunalwahl, und dafür werde ich kämpfen.
Wären Sie nicht gerne Oberbürgermeisterin?
Ich bin gewählte Bürgermeisterin, den Job habe ich angenommen. Es gibt einen Oberbürgermeister, der hat seine Aufgabe angenommen. Und Dieter Reiter will weitermachen und macht seinen Job gut.
Und wie sieht es für die Zukunft aus?
Natürlich nehme ich für mich in Anspruch, mit meiner Partei nach einer Nachfolge zu suchen, falls der Posten irgendwann zur Verfügung steht. Ich bin das weibliche Gesicht der Stadtspitze, trage die Verantwortung für viele wichtige Bereiche und habe klare Vorstellungen davon, wie wir die Stadt gestalten müssen.
Jetzt wird Christian Scharpf neuer Wirtschafsreferent, und es gibt die Spekulation, er könnte – wann auch immer – der nächste SPD-OB-Kandidat werden. Schmerzt das nicht, wenn man so lang an der Spitze der SPD ist, die Partei sich aber den OB aus Ingolstadt holt, weil man – überspitzt formuliert – hier keinen besseren Kandidaten gefunden hätte?
Wir wollen den Posten des Wirtschaftsreferenten kompetent besetzen. Genau dafür kommt Christian Scharpf nach München. Nicht mehr, nicht weniger. Eine OB-Kandidatur ist nicht an das Amt des Wirtschaftsreferenten geknüpft. Weder Thomas Wimmer, Hans-Jochen Vogel, Schorsch Kronawitter noch Christian Ude waren einst Wiesn-Chef, bevor sie Münchner Oberbürgermeister wurden.
Was ist mit Ihnen?
Wenn die Chance besteht, dann werde ich sie ergreifen. Die Münchnerinnen und Münchner wissen, dass sie sich auf mich verlassen können.
60er-Fan und Vize-Chefin der Münchner SPD
Verena Dietl, geboren am 24. Juni 1980, hat eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin absolviert und danach Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule studiert. Politisch engagiert sie sich seit 2002. Zunächst war sie Mitglied im Bezirksausschuss 25 (Laim), dann Vorsitzende der SPD Laim. 2008 wurde sie in den Stadtrat gewählt. Seit 2022 ist Verena Dietl stellvertretende Vorsitzende der Münchner SPD. Im Mai 2020 wurde die Münchnerin zur Dritten Bürgermeisterin gewählt. Dadurch ist sie auch Aufsichtsrätin der Münchener Tierpark Hellabrunn AG, der Münchenstift GmbH, der Olympiapark München GmbH, der Münchner Volkshochschule GmbH, der GEWOFAG Holding GmbH und der GWG Städtische Wohnungsgesellschaft München mbH. Verena Dietl hat zwei Söhne und lebt in fester Partnerschaft. Sie ist Mitglied bei den Münchner Löwen. Den 60ern ist sie auch weiterhin treu, das Amt im 1860-Verwaltungsrat legte sie aber nach ihrer Wahl zur Bürgermeisterin nieder.