Rückblick auf drei Jahre Corona

Gesundheitsamtsleiter über Corona-Pandemie: „Die Politik müsste sich für Vieles entschuldigen“

+
Zutritt nur für Geimpfte oder Genesene hieß es für einige Monate während der Pandemie.
  • schließen

Deutliche Worte finden Dr. Stefan Günther, Leiter des Gesundheitsamtes in Weilheim, und seine Stellvertreterin Petra Vogl: Lauterbach habe „politisch motivierte Polemik“ betrieben und es habe „ganz klar eine Ausgrenzung von Ungeimpften stattgefunden“.

Drei Jahre ist es her, dass das Coronavirus die Welt auf den Kopf gestellt hat. Wie lief die Anfangsphase der Pandemie im Gesundheitsamt in Weilheim?

Günther: Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge. Ende Januar 2020 wurde der erste offizielle Coronafall in Deutschland gemeldet. Die Person kam aus der Region Starnberg, sieben oder acht Kontaktpersonen lebten bei uns im Landkreis. Unsere Mitarbeiter telefonierten täglich mit den betroffenen Kontaktpersonen. Alle waren sehr besorgt, wir wussten zu dem Zeitpunkt noch sehr wenig über die Krankheit. Zusammen mit der Krankenhaus GmbH gab es eine Krisenstabssitzung, um innerhalb von 24 Stunden eine Isolierstation zu errichten. Das hat auch geklappt. Zum Glück erkrankte von den Kontaktpersonen niemand. Den ersten Coronafall im Landkreis gab es dann am 5. März.

Vogl: Ich bin erst im Frühjahr 2021 zum Gesundheitsamt in Weilheim gestoßen und habe die Anfangszeit im Haus deshalb nicht erlebt.

War Ihnen im Frühjahr 2020 ansatzweise klar, was da für die nächsten Jahre auf uns zukommen könnte?

Günther: Nein, das war überhaupt nicht vorstellbar. Es wurden relativ schnell viele Fälle gemeldet. Um die Nachverfolgung stemmen zu können, mussten alle Mitarbeiter des Gesundheitsamtes mit anpacken. Zu Beginn waren wir ein Team aus 26 Mitarbeitern, später hatten wir bis zu 130 Kräfte, darunter Mitarbeiter aus anderen Ämtern und Soldaten. Für die Pandemie mussten wir aber erst passende Strukturen im Amt aufbauen. Was erschwerend hinzukam: Uns fehlte die technische Infrastruktur. Anfangs verschickten wir die Bescheide noch per Fax und Brief. Erst durch die Pandemie ist die Digitalisierung im Amt vorangetrieben worden.

Anfangs verschickten wir die Bescheide noch per Fax und Brief. Erst durch die Pandemie ist die Digitalisierung im Amt vorangetrieben worden.

Dr. Stefan Günther, Leiter Gesundheitsamt Weilheim

Wie ging es dann weiter?

Günther: Wir hatten ab März 2020 bei uns im Haus einmal, manchmal auch zweimal pro Tag eine Krisensitzung. Mit dabei waren Vertreter der Krankenhaus GmbH, der niedergelassenen Ärzte, des Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks, der Feuerwehr, der Polizei und auch die Landrätin. Es hat uns damals sehr geholfen, dass bayernweit der Katastrophenfall ausgerufen wurde. So bekamen wir mehr personelle Unterstützung und konnten uns besser vernetzen.

Hat das Bayerische Gesundheitsministerium konkrete Vorgaben geliefert, wie die Gesundheitsämter zu verfahren haben?

Günther: Natürlich hatten wir Vorgaben hinsichtlich der Dauer der Isolation und der Quarantäne, wie sich Kontaktpersonen zu testen haben und so weiter. Aber die genaue Umsetzung vor Ort war uns überlassen. Es gab damals auch noch kein gemeinsames Meldeportal oder eine Software zur Bearbeitung der Coronafälle. Das fehlte die ersten Monate. Wir haben uns selber Lösungen ausgedacht und mit Excel-Tabellen gearbeitet.

Vogl: Später mussten wir Isolations- und Quarantänebescheide immer wieder händisch umarbeiten und an neue Ministerialschreiben anpassen – davon gab es manchmal mehrere pro Woche, zum Teil mit widersprüchlichen Inhalten.

Dr. Stefan Günther, Leiter des Gesundheitsamts Weilheim, und seine Stellvertreterin Petra Vogl lassen die vergangenen drei Pandemie-Jahre Revue passieren.

Neue Bestimmungen wurden immer wieder sehr kurzfristig verkündet...

Günther: Ja, zum Teil über Nacht. Es gab Situationen, in denen wir die aktuelle Rechtslage aus den Medien erfahren haben.

Vogl: Der rechtliche Rahmen konnte dann aber auch völlig anders aussehen, als das in der Presse dargestellt wurde. Und juristisch waren die Regelungen zum Teil nicht mehr nachvollziehbar. Auch hatte Vieles medizinisch keinen Sinn.

Das hört sich sehr herausfordernd an. Es wurde immer wieder Kritik laut, dass das Gesundheitsamt zu langsam sei.

Vogl: In der Omikronwelle im März waren wir ungefähr vier Wochen mit der Bearbeitung hintendran. Die Unterstützung der Bundeswehr konnten wir erst ab einer bestimmten Inzidenz anfordern und natürlich benötigen neue Kräfte immer eine gewisse Zeit, um sich in die komplexen Vorgänge einzuarbeiten.

Günther: Wir waren sieben Tage die Woche besetzt und haben unser Möglichstes getan. Unser Dank geht an alle die, die mitgeholfen haben.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: „Das schaffen wir nicht?“

Günther: Nein. Es gab keine Panik. Wir hatten ein sehr motiviertes Team. Hinsichtlich der Struktur hatten wir ab Herbst 2020 die sogenannte Corona-Sondereinheit. Sie agierte als eigene Gesundheitsamtseinheit mit flexiblen Teams. Eigentlich waren so gut wie alle Mitarbeiter des Amtes im Bereich Corona beschäftigt. Nur ganz wenige andere Themen konnten wir während der Pandemie weiter betreuen. Dazu zählten die Trinkwasserüberwachung, die Schwangerenberatung und die Erfassung anderer Infektionskrankheiten.

Welche Aufgaben musste das Gesundheitsamt während der Pandemie hinten anstellen?

Günther: Über lange Zeit sind die amtsärztlichen Gutachten weggefallen, dazu fanden keine Schuleingangsuntersuchungen statt. Die Netzwerke im sozialen Bereich, wie auch hinsichtlich psychischer Gesundheit und Prävention, wurden zurückgefahren, und auch alles um die Gesundheitsregion Plus stand erst einmal still. Im Rückblick hätte man generell mit mehr Bedacht agieren müssen. Manche Geschehnisse hätten mit Sicherheit verhindert werden können, so auch die Lockdowns oder die Schulschließungen. Das wurde einfach nicht zu Ende gedacht, was das mit den Familien und den Kindern macht. Es gibt Vieles, wofür sich die Politik entschuldigen müsste.

Wie läuft es jetzt?

Günther: Nach der großen Omikron-Welle haben wir die Corona-Sondereinheit in Regelstrukturen des Gesundheitsamtes überführt. Ab April hatte ja schon keine Quarantänepflicht mehr für Kontaktpersonen bestanden. Dadurch wurde uns viel Arbeit erspart. Heute ist Corona ein Thema von vielen anderen.

Am 14. März 2020 stand die erste Teststation im Landkreis. Im Bild Gesundheitsamtsmitarbeiter Wolfgang Tilgner (re.) mit zwei Kolleginnen.

Es gibt aber immer noch Stimmen, die warnen, die Pandemie sei noch nicht vorbei. Wie bewerten Sie die Lage – aus China erreichen uns aktuell ja besorgniserregende Nachrichten.

Günther: Die Pandemie in Europa ist vorbei. Wir sind schon lange in der endemischen Phase. China hat jetzt mit den Folgen der Zero-Covid-Politik zu kämpfen. Dort konnte sich, anders als in den westlichen Ländern, keine Grundimmunität entwickeln. 95 Prozent unserer Bevölkerung hat Antikörper, das macht das Risiko überschaubar. Und wir könnten in kürzester Zeit unsere Strukturen im Amt wieder hochfahren. Ich hatte viel früher damit gerechnet, dass die Maßnahmen zurückgefahren werden, so wie in vielen anderen europäischen Ländern auch. Stattdessen hat sich Deutschland als Insel in Sachen Schärfe der Maßnahmen entpuppt.

Ich werfe Karl Lauterbach politisch motivierte Polemik vor.

Dr. Stefan Günther

Dass die Maßnahmen erst so langsam zurückgenommen wurden, liegt nicht zuletzt an unserem Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach.

Günther: Ihm werfe ich politisch motivierte Polemik vor. Epidemiologen wissen, dass Pandemien die Tendenz haben, sich von Welle zu Welle abzuschwächen. Ab Omikron habe ich keine Verschlimmerung mehr befürchtet. Wir sahen sehr hohe Fallzahlen – gleichzeitig aber keinen vergleichbaren Anstieg bei den Todesfällen.

War die Aufhebung der Isolationspflicht für Infizierte längst überfällig?

Günther: Ja, absolut. Es ist nur richtig und konsequent, wieder auf die Eigenverantwortung der Menschen zu setzen. Wer krank ist, bleibt zu Hause. Wer eine Maske tragen möchte, trägt eine Maske. Aber wir brauchen keine staatlichen Vorgaben mehr.

Wie stehen Sie zum Ende der einrichtungsbezogenen Impfpflicht?

Günther: Das Gesetz kam eigentlich ein Jahr zu spät. Die Einführung am 15. März 2022 hätte es nicht mehr gebraucht. Zu diesem Zeitpunkt wusste man bereits, dass die Impfung nicht vor Ansteckung und Übertragung schützt. Wir haben die Füße still gehalten und kein einziges Bußgeldverfahren eingeleitet, geschweige denn ein Betretungsverbot ausgesprochen.

Vogl: Trotzdem hat uns das Gesetz einen immensen Arbeitsaufwand gekostet. Viel Arbeit um nichts. Ich begrüße die Entscheidung, dass die Teilimpfpflicht nicht verlängert wurde.

Worin bestand der immense Arbeitsaufwand?

Vogl: Alle Arbeitgeber medizinischer Einrichtungen mussten bis Mitte März Arbeitnehmer melden, die bis dato noch keinen entsprechenden Nachweis vorgelegt hatten. Das waren im Landkreis circa 700 Personen. Wir mussten alle Meldungen aufnehmen und die betroffenen Arbeitnehmer anschreiben und zur Nachweiserbringung auffordern. Dann galt es, die Rückmeldungen im Blick zu behalten und die eingegangenen Atteste und Stellungnahmen zu prüfen. Viele haben den Nachweis nachträglich erbracht, einige haben sich impfen lassen. Manche von ihnen haben sich mit Genesennachweisen über ein paar Monate gerettet.

Wie verliefen die Beratungsgespräche mit Nicht-Immunisierten?

Günther: Die Argumente, die vorgebracht wurden, waren im Einzelfall nachvollziehbar. Ich habe viele der Menschen als hochreflektiert erlebt, die sehr gut das Für und Wider für sich abgewogen haben, die vielleicht unter Grunderkrankungen und Allergien litten. Wer bin ich, dass ich mich über diese Menschen stelle?

Gab es darunter auch sogenannte Querdenker?

Vogl: Ja, aber eine Minderheit. Ungefähr 15 bis 20 Personen.

Es hat ganz klar eine Ausgrenzung von Ungeimpften stattgefunden.

Dr. Stefan Günther

Vor einem Jahr durften Ungeimpfte nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, nicht mehr ins Restaurant gehen oder in bestimmten Geschäften einkaufen. Ungeimpften Jugendlichen wurde die Möglichkeit genommen, die Fahrschule zu besuchen – obwohl sie mehrfach die Woche in der Schule getestet wurden. War das gerechtfertigt?

Günther: Es hat ganz klar eine Ausgrenzung von Ungeimpften stattgefunden. Nach dem Anlaufen der Impfung im Dezember 2020 hat sich relativ schnell die Hoffnung zerschlagen, dass mit der Impfung alles gut werden würde. Denn die Impfung war ja für den Wildtypus konzipiert. Mit jeder weiteren Virusvariante traten nach und nach immer mehr Impfdurchbrüche auf, die wir im Gesundheitsamt auch dokumentiert und weitergeleitet haben. Ich hielt 2G (Anm. d. Red.: Zutritt nur für Geimpfte und Genesene) für überzogen. Man weiß, dass eine FFP2-Maske einen effektiven Schutz vor Übertragung bieten kann, wenn sie richtig getragen wird.

Gibt es eine Anlaufstelle für Menschen mit Impfschäden im Landkreis?

Günther: Wir sind nach dem Infektionsschutzgesetz dazu verpflichtet, Verdachtsmeldungen über Impfschäden aufzunehmen, die Menschen zu beraten und das Paul-Ehrlich-Institut zu informieren. Wir klären dann einerseits über Hilfsmöglichkeiten, wie z.B. spezielle Sprechstunden an spezialisierten Kliniken, auf, aber auch über die Möglichkeit, beim Versorgungsamt eine Entschädigung zu beantragen.

Wenn Sie auf die gesamte Pandemiezeit blicken – was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Günther: Der erste Corona-Todesfall bei uns im Landkreis ist mir sehr nahe gegangen. Ich habe mich gefragt: Was hätte man besser machen können? Das muss Ende März, Anfang April 2020 gewesen sein. Bei dem Verstorbenen handelte es sich um einen relativ fitten Senior, der ehrenamtlich aktiv war. Sein Schicksal hat mich und das gesamte Team sehr bewegt.

Sind wir für kommende Pandemien besser gerüstet?

Günther: Auf jeden Fall. Aber hoffentlich kommt die nächste erst, wenn ich schon im Ruhestand bin.

Unser Weilheim-Penzberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an. 

Kommentare