Auch für die Bewohner der Freisinger Lebenshilfe-Einrichtung heißt es daheim bleiben. Doch durch das unglaubliche Engagement der Mitarbeiter gelingt trotz mancher Träne ein kleines Kunststück.
Freising – Seit der Schließung der Isar Sempt Werkstätten Mitte März heißt es auch für die Bewohner der Lebenshilfe-Einrichtung in der Johannisstraße Freising: Bleib dahoam! Durch ein unglaublich hohes Engagement des Betreuungspersonals unter der Leitung von Lisa Hinrainer gelingt trotz mancher Träne ein kleines Kunststück – für die insgesamt 26 Menschen mit Behinderung zwischen 33 und 82 Jahren läuft das Leben trotz Corona beinahe so wie immer.
Besuchsverbot ist größte Herausforderung
Die größte Herausforderung: Das verhängte Besuchsverbot – kein „Externer“ darf mehr das Wohnhaus betreten, um die Bewohner vor einer Corona-Infektion zu schützen. Stellen Getränke- oder Lebensmittellieferanten beispielsweise die Ware einfach vor die Tür ab, müssen Termine mit therapeutischem Personal wie Logopäden allerdings ausfallen. Am schmerzlichsten für die Bewohner in der Johannisstraße ist natürlich das Kontakt-Verbot zu Angehörigen. Die langjährige Lebenshilfe-Mitarbeiterin und ausgebildete Heilerziehungspflegerin Verena Schuhbauer erzählt im FT-Gespräch von Eltern, die bei Geburtstagen ihrer Kinder Kuchen oder auch Pakete vor die Tür stellen.
Trösten ist angesagt
Natürlich gibt es auch manche Tränen bei den Menschen mit Behinderung. Wenn dann doch alles zu viel wird – dann ist für das Betreuungspersonal ganz viel Trösten angesagt. „Ich will heim zur Mama“, sagen dann vor allem jene, die regelmäßig von Eltern oder anderen Angehörigen abgeholt werden. Der Glücksfall hierbei: Therapeutische und pflegende Mitarbeiter, die für ihren Beruf brennen und damit auch kompetent den Alltag mit all seinen Gefühlslagen meistern. „Die Bewohner sind recht robust“, weiß die Heilerziehungspflegerin. Und auch: „Sie haben alle verstanden, dass etwas im Argen liegt und man aufpassen muss.“
Umso wichtiger also, den Alltag im Wohnheim strukturiert zu gestalten. Es werde zurzeit mehr gespielt, „Mensch-Ärger-Dich-Nicht“ oder „Memory“, und manch Bewohner hat sogar seine Leidenschaft für Lego-Bausteine entdeckt. Sieht man vom Besuchsverbot ab, sei alles eigentlich wie vorher, beinahe so wie im Werkstätten-Urlaub. Auch ein riesiger Pluspunkt der Belegschaft: Jeder der 31 Kollegen bringt eigene Ideen mit in die Tagesfreizeit-Struktur: Da wird Ziehharmonika gespielt und gesungen, gemalt, getöpfert oder gebastelt.
Langweilig wird es den Bewohnern somit nicht – aber auch das Anschauen der Nachrichten steht bei einigen auf dem Programm, um Neues über die Krise zu erfahren. Über die Schreckens-Bilder aus Italien beispielsweise, so Verena Schuhbauer, müsse man dann natürlich reden. Die Heilerziehungspflegerin hält inne: Selbstverständlich hat sie auch Angst um ihre Bewohner – einige von ihnen kennt sie schon sehr lange. „Sie gehören zu einem.“
Seit März mit Maske
Seit Mitte März tragen die Mitarbeiter der Lebenshilfe im Wohnheim Nasen-Mund-Schutzmasken und achten besonders penibel auf Hygiene-Maßnahmen. Schwierig sind die Masken aber eigentlich nur für die Schwerhörigen, hier muss man dann öfters mal noch lauter sprechen als gewohnt.
Natürlich gibt es auch Highlights: Nach einer gemeinsamen Reinigungsaktion der Gartenmöbel wurde ein Lagerfeuer entfacht. Dabei, so Verena Schuhbauer, seien einige Spaziergänger am Wohnheim vorbeigekommen – im gebührenden Abstand kam es schließlich zum „Ratsch“ und dem lang vermissten Kontakt zur Außenwelt. Einige Passanten winkten oder streckten die Daumen nach oben. Sogar Beifall gab es für die Menschen mit Behinderung für ihre positive Art, mit der Corona-Krise umzugehen.
Ein sehr trauriges Ereignis hingegen war der Tod eines Bewohners eines anderen Wohnheims: „Die Leute kannten den Verstorbenen gut und wollten sich auf der Beerdigung von ihm verabschieden, aber das ging halt nicht.“
Mit großem Herzen
Es geht sehr familiär und gleichzeitig sehr professionell zu im Lebenshilfe-Wohnhaus der Johannisstraße. Die Werkstätten-Mitarbeiter müssen daheim bleiben, die Senioren-Gruppe muss auf Einkäufe und Unternehmungen außerhalb verzichten. Um dennoch das Glück in den „eigenen vier Wänden“ zu finden, braucht es Menschen mit großen Herzen. Einer davon ist ohne Zweifel Verena Schuhbauer.
Richard Lorenz
Monika Haslberger, Vorsitzende der Lebenshilfe, zum Tag der Menschen mit Behinderung
Jedes Jahr wird der Europatag am 5. Mai auch als Europäischer Tag für die Rechte von Menschen mit Behinderung begangen. Heuer ist es dennoch ein ganz anderer Tag: Die Corona-P
andemie hat uns fest im Griff und bestimmt den Alltag auch für Menschen mit Behinderung hier bei uns daheim.
Die Lebenshilfe Freising ist mit 1200 betreuten Menschen und 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte Sachwalterin von Menschen mit Behinderung im Landkreis Freising. Die Corona-Krise betrifft alle davon. Seit Wochen sind die meisten unserer Einrichtungen geschlossen, vom Kindergarten bis zu unseren Isar Sempt Werkstätten. Manche halten einen Notbetrieb bereit, andere sind jetzt besonders gefordert: In unseren Wohneinrichtungen in Freising, Moosburg, Sünzhausen, Marzling und Zolling muss eine 24-Stunden-Betreuung aufrechterhalten werden. Der gewohnte Tagesablauf mit dem Gang zur Arbeit oder Therapien kann nicht stattfinden. Besonders belastend: Besucher können nicht empfangen werden, denn Menschen mit Behinderungen gehören zur Risikogruppe für Covid-19.
Nur großen Respekt, Anerkennung und höchstes Lob kann ich daher unseren Beschäftigten aussprechen, die diese schwierige Situation mit gegenseitiger Aushilfe, Engagement, Herzblut und mit einer positiven Grundstimmung hervorragend meistern!
Dank an die Freisinger Bürger
Vor allem zu Anfang der Krise war die Situation für Menschen mit Behinderung sehr schwierig. Sie waren zunächst nicht im Blickfeld des Krisenmanagements der Politiker. Nach und nach besserte sich das aber, nicht zuletzt durch den Einsatz unseres Landesverbands und durch unsere Bundesvereinigung Lebenshilfe in Berlin, die auf die besonderen Probleme beeinträchtigter Menschen aufmerksam machten.
Danken möchte ich aber heute vor allem den Bürgerinnen und Bürgern im Landkreis Freising. Als Eltern von Kindergartenkindern oder Angehörige unserer betreuten Menschen wurden Sie plötzlich vor viele Probleme gestellt und haben Hervorragendes geleistet: Betreuungen organisiert, Hilfen entwickelt oder sind einfach ruhig und geduldig geblieben. Das hat unseren Beschäftigten bei der professionellen Arbeit sehr geholfen! Bleiben Sie der Lebenshilfe Freising weiterhin so gewogen, dann werden wir gemeinsam diese schwierige Zeit meistern und danach vielleicht ein neues Miteinander erleben!
Aktuelles aus dem Landkreis Freising
Nach sechs Wochen wieder ein Stück Normalität: Friseurläden dürfen wieder öffnen. Die Freude in Freising ist groß – und die Terminbücher sind voll.
Nach Angaben der Freisinger Polizei sind die Verstöße gegen die Kontaktsperren leicht gestiegen. Auch das Aggressionspotenzial nimmt offenbar zu.
