VonSabine Schörnerschließen
Am 1. Mai 1978 verlor Gelting seine Selbstständigkeit und wurde ein Stadtteil von Geretsried. Der 40. Hochzeitstag wird an diesem Sonntag gefeiert.
Geretsried/Gelting – Wir befinden uns im Jahre 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. „Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Ähnlich wie jeder Asterix-Band beginnt auch die Geschichte von Geltings Eingemeindung. Obwohl den Dorfbewohnern spätestens 1972, im Jahr der Landkreisreform, bewusst ist, dass ihr Single-Dasein nicht von Dauer sein kann, beschließt der Gemeinderat, „die Erhaltung der Selbstständigkeit als vorrangiges Ziel anzustreben“. Keinesfalls will man freiwillig einer vorzeitigen Eheschließung zustimmen. Die Geltinger klammern sich an den Strohhalm, dass Gemeinden mit über 1000 Einwohnern selbstständig bleiben sollen. Flink wird noch ein neues Baugebiet ausgewiesen. Bis Ende 1972 steigt die Bevölkerungszahl von 800 auf 1058. Die Gebietsreform abzuwenden ist damit jedoch nicht mehr.
Anfang 1973 führt Bürgermeister Johann Pfattrisch unter allen Geltingern eine Bürgerbefragung durch. In einem Rundschreiben werden die Vor- und Nachteile der drei Alternativen aufgelistet. Neben einer Zwangsehe mit Geretsried oder Wolfratshausen wäre auch ein Zusammenschluss mit den Gemeinden Beuerberg, Herrnhausen und Eurasburg möglich. Doch für diese Variante stimmen nur 35 Geltinger. 291 wollen zu Geretsried, nur 130 zu Wolfratshausen. Ein entscheidendes Argument: Durch die Nähe zur ehemaligen Kreisstadt sehen die Geltinger die Gefahr der „Verstädterung“ – bis nach Geretsried sind es beruhigende vier Kilometer.
In Wolfratshausen reagiert man auf das Ergebnis fassungslos. „Man hat uns einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen“, sagt der Wolfratshauser Bürgermeister Willy Thieme – zu diesem Zeitpunkt hat ihm auch die Gemeinde Dorfen einen Korb gegeben. Thiemes Amtskollege in Geretsried ist Heinz Schneider. Obwohl beide Rathauschefs der SPD angehören, sind sie grundverschieden. Während Thieme mit seinem ganzen Hofstaat in Gelting anrückt, zieht es Schneider vor, sich in der Dorfwirtschaft unters Volk zu mischen. „Das war auch eine ganz persönliche Sache“, sagt später der SPD-Kreisvorsitzende und Wolfratshauser Stadtrat Heinz-Werner John. Thieme habe erwartet, dass die Geltinger von sich aus „zum Königsthron kommen“. Schneider habe mit seiner „sehr verbindlichen, liebenswürdigen Art“ die Dorfbewohner für sich und Geretsried gewonnen.
Die Mutter kehrt zur Tochter heim
Und es gibt noch einen historischen Hintergrund: Von 1945 bis 1950 ist Gelting die Verwaltungsgemeinde von Geretsried. Die Einheimischen helfen den ankommenden Vertriebenen, wo sie nur können. Daran erinnert auch der Festzug im Jahr 1990, als Geretsried 40 Jahre Gemeindegründung feiert: Auf dem Festwagen der Geltinger steht ein beeindruckendes Modell der Kirche St. Benedikt. Der Schriftzug darunter weist Gelting als die „Muttergemeinde“ von Geretsried aus. „So gesehen ist die Mutter zur Tochter gekommen“, sagt Rudolf Mörtl. Mörtl ist in den 1970er Jahren Vize-Bürgermeister von Gelting und setzt sich von Anfang an für eine Familienzusammenführung ein. Aus Richtung Wolfratshausen muss er sich dafür „Paukermethoden“ vorwerfen lassen.
Im August 1975 flattert den Geltingern das Flugblatt einer „Bürgerinitiative zur Gemeindegebietsreform im Raum Wolfratshausen“ ins Haus – der letzte Versuch der Wolfratshauser CSU-Stadträte Karl Fuchs und Jakob Palmberger, das Blatt noch zu wenden. Sie führen ins Feld, dass Gelting zum Schul- und Kirchensprengel von Wolfratshausen gehört. In Anspielung auf Rudolf Mörtl schreiben sie, dass man „ein gewisses Verständnis“ dafür aufbringe, „dass sich ein Mann, selbst Heimatvertriebener, so leidenschaftlich für einen Anschluss an das immer noch als Heimatvertriebenenstadt geltende Geretsried einsetzt“. Man müsse aber auch Verständnis aufbringen „für die historisch gewachsenen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und familiären Verflechtungen der Altbürger Geltings mit Wolfratshausen“.
Das Flugblatt löst in Geretsried und Gelting Empörung aus. „Diese Sprache sollte es 30 Jahre nach Kriegsende nicht mehr geben“, sagt Bürgermeister Schneider und merkt an, dass 40 Prozent der Geretsrieder gebürtige Bayern seien. In einem geharnischten Brief an alle Haushalte weisen die Geltinger Gemeinderäte Georg Ambacher, Johann Hack und Rudolf Mörtl die „Unrichtigkeiten, Unterstellungen und Beeinflussungen“ aus Wolfratshausen zurück. Wollen „die Unterzeichner der Schrift“, so fragen sie, „30 Jahre nach der unmenschlichen Vertreibung längst verheilte Wunden aufreißen und die alteingesessene Bevölkerung von Gelting davor warnen, ja nicht mit einer Flüchtlingsgemeinde zusammenzugehen?“
14 Tage später lässt Bürgermeister Schneider die Geretsrieder Stadträte abstimmen. Einstimmig entscheiden sie sich für die Eingemeindung von Gelting. Im dortigen Gemeinderat geht es kurz darauf noch einmal kräftig zur Sache. Rudolf Mörtl liefert sich ein heftiges Wortgefecht mit dem Wolfratshauser Fürsprecher Josef Holzer. Bürgermeister Pfattrisch ruft die Herren zur Ordnung und verweist auf ein Schreiben der Regierung von Oberbayern, die einen Anschluss an Geretsried vorschlägt. Andernfalls werde Gelting geteilt, und der Norden Wolfratshausen und der Süden Geretsried zugeschlagen.
Am 1. Mai tritt Eingemeindungsvertrag in Kraft
Der Geltinger Rat ist sich einig: „Wenn schon das Unglück über uns hereinbricht, dann sollten wir geschlossen in eine Gemeinde gehen“, sagt Bürgermeister Pfattrisch. Gegen Geretsried stimmen nur Josef Holzer und Adolf Schüll. „Für mich war es einfach logisch, dass Gelting zu Wolfratshausen gehört“, sagt Holzer – wegen der räumlichen Nähe. Obwohl der Wolfratshauser Stadtrat die Regierung auffordert, ihren Beschluss zu revidieren, und Thieme auf eine zweite Bürgerbefragung drängt, bleibt es dabei: Im Spätsommer 1975 unterschreiben die Bürgermeister Schneider und Pfattrisch den Eingemeindungsvertrag. Am 1. Mai 1978 tritt er in Kraft.
Eine Rolle spielt auch die Mitgift: 1973 hat Wolfratshausen eine Pro-Kopf Verschuldung von 966 Mark, in Geretsried sind es nur 265 Mark. Die Geltinger bringen einen soliden Haushalt mit in die Ehe und ein Gebiet von 15 410 Hektar, eine Fläche, fast so groß wie Wolfratshausen und Geretsried zusammen. Geretsried revanchiert sich und baut den Geltingern eine Turnhalle und einen Kindergarten. 20 Millionen Mark werden in das neue Gewerbegebiet investiert, das schon der Geltinger Gemeinderat geplant hatte. „Allein“, so Rudolf Mörtl, „hätten wir das finanziell nie geschafft.“
Heute vertritt Franz Wirtensohn als heimlicher Bürgermeister von Gelting die Interessen seines Dorfes im Stadtrat. Rückblickend ist der Landwirt der Meinung, dass Gelting mit Geretsried „gut gefahren“ ist. „Wir sind auch verwöhnt worden.“
Die Feierlichkeiten
Zur Feier der 40-jährigen Zugehörigkeit Geltings zu Geretsried und des zehnjährigen Bestehens des Dorfladens sind alle Bürger für Sonntag, 9. September, zum zehnten Dorffest eingeladen. Es findet bei jedem Wetter statt. Das Programm: 10.30 Uhr: Standkonzert des Spielmannszugs Gelting am Pfarrheim mit Bürgermeister Michael Müller, Stadträten, Vertretern aus Politik und Wirtschaft sowie Geltinger Vereinen; 10.45 Uhr: Festzug zur Kirche St. Benedikt; 11 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst mit Dekan Gerhard Beham und Pfarrer Florian Gruber; 12 Uhr: Grußworte und Festreden sowie Bayernhymne auf dem Dorfplatz – im Anschluss Mittagessen und Musik von den Isarwinkler Spitzbuam; 12 bis 19 Uhr: Dorffest mit Livemusik, regionalen Schmankerl und Attraktionen für Kinder; 14 bis 17 Uhr: Vorführungen in der Schmiede und Führungen in der Kirche St. Benedikt im Rahmen des Tags des offenen Denkmals; Ausstellung „Gelting in alten Bildern und Ansichten“ und Präsentation der Vereine; Essen und Trinken: Dorfladen Gelting; Moderation: Franz Wirtensohn.
sas
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