VonAndreas Steppanschließen
Es muss nicht alles gefahren werden, was möglich ist“: Dieses Bewusstsein will Hanspeter Mair vom Alpenverein bei den Mountainbikern stärker verbreiten.
Bad Tölz-Wolfratshausen – „ In dem Mountainbike-Konzept, das der Tölzer federführend beim Deutschen Alpenverein (DAV) betreut, geht es ihm unter anderem darum, aufzuklären und zu einer „gewissen Selbstbeschränkung“ zu motivieren: „Man sollte sich schon fragen: Wann fahre ich, und wo fahre ich?“
Zur Erinnerung: Eine Watschen, die ein Spaziergänger an der Gaißacher Sunntraten einem Fahrradfahrer verpasste, war vor einigen Jahren das zugespitzte Symbol für einen Konflikt in den heimischen Bergen: Wanderer und Mountainbiker kommen sich immer wieder in die Quere. Im Landkreis betrifft dieses Konfliktfeld zum Beispiel das Gemeindegebiet der Jachenau – Mair: „Könnte ein tolles Gebiet sein“ –, den Heilbrunner Bereich, Rechelkopf, Geierstein, das Vorkarwendel, aber etwa auch die Pupplinger Au.
Bad Tölz-Wolfratshausen ist Pilotregion
Während der Landkreis lange Zeit mit sich rang, ob eine teure „Mountainbike-Studie“ das Problem entschärfen könnte, hat sich kürzlich eine neue Lösung aufgetan: Der DAV nimmt es in Angriff, ein Konzept „für ein naturverträgliches und konfliktfreies Mountainbiken im Alpenraum“ zu entwickeln. Dieses Vorhaben, das anhand der Pilotregionen Bad Tölz-Wolfratshausen und Oberallgäu einen Modellcharakter für ganz Bayern haben soll, fördert das Bayerische Umweltministerium mit 250 000 Euro. Der DAV legt noch einmal 108 000 Euro drauf, um die Gesamtkosten abzudecken.
„Etwa die Hälfte unserer Mitglieder fährt Mountainbike“, erklärt Mair den Grund, warum der DAV sowohl ein Eigeninteresse als auch die nötige Expertise für das Projekt hat. Auch Mair selbst ist „begeisterter Mountainbiker“, spricht von einem „faszinierenden Sport“. Trotzdem wunderte er sich an einem sonnigen Oktobertag, als er am Schafreiter etlichen Mountainbikern begegnete. „Muss ich an einem schönen Wochenende, an dem ohnehin viele Menschen auf diesem Berg unterwegs sind, wirklich mit dem Mountainbike hinauf- und den Fußwegen wieder hinunterfahren?“ Dem 59-Jährigen ist es ein Anliegen zu sensibilisieren – gerade in Zeiten, da dank E-Bike immer mehr Bereiche der Bergwelt für immer mehr Menschen erreichbar werden. Das Thema Bildung und Aufklärung hin zu mehr „Genügsamkeit“ liegt Mair daher am Herzen. Um gerade Kinder und Jugendliche zu erreichen, wird unter anderem auf Instagram und Twitter oder auch die DAV-Mitgliederzeitschrift „Panorama“ gesetzt.
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Gleichzeitig ist dem Tölzer bewusst, wie schwierig es ist, solche Botschaften bei einem Gros der Zielgruppe anzubringen. „Vielleicht zehn Prozent der Mountainbiker sind in Verbänden organisiert“, stellt er fest. „Um auch die anderen zu erreichen, dazu bedarf es großer Anstrengungen.“ Am Ende des Projekts sollten nach Mairs Vorstellung ausgewiesene Mountainbike-Trails im Landkreis stehen – und zwar solche, mit denen möglichst alle Beteiligten leben können. „Uns liegt sehr viel an einem guten Miteinander, einer friedlichen Koexistenz“, sagt der Tölzer. Vorgesehen sind daher Runde Tische mit Vertretern aller Interessengruppen: Wanderer, Mountainbiker, Gemeinden, Grundbesitzer, Jagd, Forst, Almbauern und mehr.
Fachsymposium in Benediktbeuern geplant
Am 15. und 16. Dezember veranstaltet der DAV ein Fachsymposium in Benediktbeuern. Ein Prozess „von unten nach oben“ schwebt Mair vor. Ganz wichtig sei es auch, mit Hilfe des Umweltministeriums sicherzustellen, dass sich Gemeinden und Grundbesitzer keine Sorgen wegen möglicher Haftungsprobleme machen müssen. Insgesamt gehe es um eine „Entemotionalisierung“ der Debatte. So soll auch wissenschaftlich beleuchtet werden, welche Auswirkungen das Mountainbiken tatsächlich auf die Natur hat – und was vielleicht bloß „gefühlte“ Effekte sind.
Vermeiden möchte der DAV-Bereichsleiter Verbote und Sperrungen. Die Schilder, die die Gemeinden Gaißach und Jachenau aufgestellt haben, betrachtet Mair mit einer gewissen Skepsis. Darauf steht, dass gewisse Steige für Mountainbikes ungeeignet seien, das Befahren unzulässig und gefährlich. „Und trotzdem fahren dort einige, weil das Verständnis für die ,Nicht-Eignung’ fehlt“, hat Mair festgestellt. „Da müssen wir uns gemeinsam etwas einfallen lassen.“
