Er schrieb einen ergreifenden Erfahrungsbericht

So erlebte der Gautinger Ernst Krebs den tödlichen Absturz von Matterhorn-Bezwinger Toni Schmid

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Ganz oben: Ernst Krebs und Toni Schmid liebten es, gemeinsam zu klettern. Hier rasten sie auf einem unbekannten Gipfel.
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Ernst Krebs war kein Berg zu hoch. Mit Toni Schmid, dem legendären Matterhorn-Bezwinger, ging der Gautinger Tour um Tour - bis zur Tragödie am Wiesbachhorn 1932.

Gauting – Die Pfingsttage 1932 sind wie gemacht zum Bergsteigen. Der Himmel ist klar und wolkenlos, Frühling liegt in der Luft. Die beiden Freunde Ernst Krebs, zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt, und Toni Schmid, 22 Jahre alt, brechen am 15. Mai um 5 Uhr morgens auf, um das Wiesbachhorn nahe dem Großglockner zu bezwingen. 3564 Meter ragt es in den Himmel, und die Freunde sind voller fast kindischer Vorfreude. Doch die Tour endet tragisch: Toni Schmid stürzt an der Westwand in den Tod und reißt seinen Freund 500 Meter mit in die Tiefe. Dieser überlebt schwer verletzt. „Oft und schlichtest habe ich mir gewünscht, es wäre dies alles nur ein hässlicher, böser Traum“, schreibt Krebs in seinem Erinnerungsbericht „Letzte Bergfahrt“, den er im Kapruner Krankenhaus zu Papier bringt (siehe Kasten). Doch es war die Wahrheit. Eine, die die Bergsteigerszene erschütterte.

Toni Schmid, Legende zu Lebzeiten

Toni Schmid und Ernst Krebs waren enge Freunde. Was sie verband, war die Liebe zum Sport, besonders zu den Bergen. Krebs hatte sich einen Namen als Skilangläufer gemacht, unter anderem gewann er 1929 einen FIS-Wettbewerb im polnischen Zakopane, der bei Experten als inoffizielle Weltmeisterschaft galt. Toni Schmid war zu jener Zeit eine echte Berühmtheit. Er wohnte zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder Franz in der Sendlinger Daiserstraße und erklomm Berg um Berg. Anfang August 1931 bezwangen die Brüder in einer waghalsigen Expedition das Matterhorn über die Nordwand. Das brachte ihnen europaweit Bewunderung ein – und wurde von den Nazis als deutsche Heldentat propagandistisch ausgeschlachtet.

All das war erst wenige Monate her, als sich Krebs und der jüngere Schmid-Bruder zum Wiesbachhorn aufmachen, mit dem Motorrad, über Kufstein und den Pass Thurn. Toni Schmid ist noch voll mit den Eindrücken vom Matterhorn und erzählt ausführlich davon. Dass er am Wiesbachhorn sein Leben lassen wird, ahnt Toni Schmid nicht. „Die geht!“ ruft der Münchner aus, als die Westwand hinter dem Pass Thurn sichtbar wird.

Der Haken löst sich aus der Wand - dann passiert es

Doch es kommt anders. Das Unglück geschieht in den Morgenstunden des Pfingstsonntag, in steilem, vereisten Gelände. „Ich hau einen Haken!“ ist der letzte Satz von Toni Schmid. Er ruft ihn dem 30 Meter unter ihm befindlichen Ernst Krebs zu. Als er den Karabiner einschnappen lassen möchte, löst sich der Haken aus der Wand. Schmid kommt aus dem Gleichgewicht, gerät ins Rutschen – und reißt schließlich seinen Begleiter in die Tiefe. „Kleine helle Kreise im Hirn, in rasender Geschwindigkeit sich drehend, irrsinnige Gedanken, Gefühl des Schwebens, zerstört durch neuen, harten Aufprall – und dann ohne Übergangsschwärze Nacht. Wie leicht ist das Sterben!“ So beschreibt Ernst Krebs den Moment des Unglücks.

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Toni Schmid ist nicht zu helfen. Um Ernst Krebs, der wie durch ein Wunder überlebt, kümmern sich Kletterer aus Graz. Wenige Tage später, im Krankenhaus von Kaprun, bringt der Gautinger in einem bemerkenswerten Akt von Traumabewältigung seine Erlebnisse in sechs maschinengeschriebenen Seiten auf Papier. Zäh und beharrlich arbeitet er sich zurück ins Leben, am Ende seines Krankenbetts steht in Großbuchstaben der Satz: „ICH WILL.“

Ein Jahr danach ist Krebs Europameister im Kajak

Ganz ohne Folgeschäden kommt der Gautinger freilich nicht davon: Die Schulter verheilt nicht, ihm sind nur noch kreisende Bewegungen möglich. Deshalb wendet er sich einer anderen Sportart zu, dem Rudern. Ein Jahr nach seinem Absturz wird er in Prag Europameister im Einer-Kajak über 10 000 Meter. Außenstehende vermuten einen Namensvetter, denn dass es der kürzlich erst Verunglückte ist, kann sich niemand vorstellen. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin holt Ernst Krebs in dieser Disziplin sogar Gold.

Aus Ernst Krebs‘ „Letzte Bergfahrt“ (1932)

„Schwer, bitter schwer wird es mir, Gedanken zurückzuzwingen zu jenem düsteren Pfingsttag des Jahres 1932, der mich in einer bangen Minute hinabstieß aus lachender Gipfelfreude in die Tiefen finsterster Verzweiflung... Wir haben zwar das steilste Stück hinter uns, aber unser Vordringen verlangsamt sich und bald müssen wir die langen Eishaken benutzen... „Ich haue einen Haken!“, ruft er zu mir herunter. Völlig frei steht Toni auf schmalgekerbter Stufe über mir, der ich zu notdürftiger Sicherung das Seil über die ungehauene Pickelspitze laufen lasse. Die unsichere Stellung zwingt Toni zu raschester Arbeit. Klirrend fährt der Hammer auf den stählernen Stift. Gottlob, er sitzt, wenigstens zur Hälfte. Schon will Toni den Karabiner einschnappen lassen und rüttelt noch einmal prüfend am Haken. Da bricht dieser mit einer tellergroßen Eisscholle aus der Wand und entgleitet seinen Händen... Lautlos gleitet Toni aus dem Stand. Immer rascher rutscht er auf mich zu. Einige Meter Seil ziehe ich noch ein. Nicht einmal erschrocken bin ich. Jetzt erreicht mich der Ruck! Erst jetzt fährt mir ein lähmender Schreck durch die Glieder. Das Seil zischt brennend durch meine Finger, dann reißt mich eine unwiderstehliche Gewalt im Bogen aus der Wand... Wieder ein furchtbarer Aufprall. Kleine helle Kreise im Hirn, in rasender Schnelligkeit sich drehend, irrsinnige Gedanken, Gefühl des Schwebens, zerstört durch neuen, harten Aufprall – und dann ohne Übergangsschwärze Nacht. Wie leicht ist das Sterben!“

Von nun an ist Ernst Krebs eine Persönlichkeit in Gauting. Die Gemeinde überlässt ihm wegen seiner Verdienste Baugrund zur Errichtung seines Hauses. Als er eine Familie gründet, berichtet die Zeitung selbstverständlich darüber. Auch eine Straße wird nach ihm benannt. 1943 übernimmt er die elterliche Spenglerei an der Münchner Straße, direkt neben der Polizeiinspektion. Das Unternehmen Krebs gibt es immer noch, als Meisterbetrieb für Sanitär, Heizung, Dach und Elektro.

Ernst Krebs verliert sein Leben am 20. Juli 1970 unter denkwürdigen Umständen. Als er das Dach der Gautinger Polizeiinspektion repariert, verliert er auf seiner Leiter den Halt. Wie einst sein Freund Toni Schmid am Wiesbachhorn, greift Ernst Krebs ins Leere und stürzt aus drei Metern auf den Brettervorbau. Seine Aorta wird verletzt. Er stirbt noch an der Unfallstelle.

Das Buch:
Stephan Limmer hat in seinem Buch aus dem Jahr 2018 „Gauting – mein Dorf an der Würm“ das Schicksal von Ernst Krebs mit vielen Dokumenten aus dem Archiv der Familie dargestellt. Es ist unter anderem in der Buchhandlung Kirchheim zum Preis von 19,90 Euro erhältlich.

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