VonPatrick Staarschließen
Die Stiftung Nantesbuch hatte am vergangenen Wochenende erstmals zum Medienkunstfestival mit dem Titel „Stilles Rauschen“ eingeladen. Dabei waren ungewöhnliche Aktionen zu sehen.
Bad Heilbrunn – Im Eingangsbereich des Langen Hauses auf Gut Nantesbuch hängt an Kleiderhaken ein gutes Dutzend Gummistiefel sauber aufgereiht. Der durchschnittliche Besucher geht achtlos vorbei. Für Thomas Klein sind die Stiefel kein banaler Gegenstand, mit dem man durch Pfützen watet. Für ihn sind Gummistiefel die Inspiration zu einem Kunstwerk. Der Düsseldorfer stellte sieben Gummistiefel im Kreis auf und bestückte sie mit Mini-Lautsprechern, die Geräusche aussenden. Mal das Knirschen von Kies auf einem Fußweg, mal das Summen von Bienen. Dazu blinken in den Stiefeln abwechselnd fünf Lampen.
Zu sehen war diese ungewöhnliche Installation drei Tage lang beim Medienkunstfest „stilles rauschen“ auf Gut Nantesbuch. Wie kommt man auf die Idee, aus Gummistiefeln Kunst zu machen? „Zunächst ging es mir nur darum, eine Collage mit Klängen aus der Umgebung zu machen“, entgegnet Klein. „Ich finde es aber schade, wenn die Klänge nur über das Ohr verortbar sind. Und so wollte ich sie auf irgendeine Weise sichtbar machen.“ Der Düsseldorfer Musiker erinnerte sich an kleine Disco-Lämpchen, die auf Ton-Signale reagieren – ein Geschenk seiner Nachbarin. „Und die visualisieren nun den Sound durch das Flackern“, sagt Klein. Beim Medienkunstfest gab es noch etliche weitere Hingucker. Beispielsweise die Videoprojektion in der Galerie, erstellt von den beiden Düsseldorfern Nils Kemmerling und Christina Karababa. Ein Beamer zauberte ein zweiteiliges Bild auf eine Plexiglascheibe. Auf der einen Seite jagt – wie bei einem Videospiel – ein Gipskopf ein Brennnessel-Blatt. Auf der rechten Seite des Bildes ist eine Waage zu sehen. Auf einer Waagschale befinden sich zwei Brennnessel-Blätter, auf der anderen fingergroße Gipsköpfe. Eine Hand entfernt die Köpfe von der Waagschale und fügt sie dann wieder hinzu. Mal senkt sich die Waagschale mit den Brennnesseln nach unten, mal die Waagschale mit den Köpfen. „Bei diesem Experiment geht es darum, die Natur mit der Gesellschaft in Einklang zu bringen“, erläutert Kemmerling, der als freier Künstler in den Bereichen Video, Fotografie und Installation arbeitet. Die Brennnessel-Blätter stehen für die Natur, die anonymen Gipsköpfe für die Gesellschaft. Die Idee lieferte die Tagespolitik, etwa der Austritt der USA aus dem Klimaschutz-Abkommen im vergangenen Jahr.
Lesen Sie auch: Zerstörung der Natur: So kämpfen Sepp Holzer und die Stiftung Nantesbuch dagegen an
Bei dem Medienkunstfest ging es aber um weit mehr als eine Ausstellung. Klein, Kemmerling, die Autorin Anne Schülke und der Medienkunst-Professor Mischa Kuball leiteten zugleich einen Kunst-Workshop mit 30 Teilnehmern aus Augsburg, München und Bad Tölz. Schülke philosophierte mit den jungen Leuten über ökologische Themen. Dann hatten die Teilnehmer vier Stunden Zeit, Texte zu schreiben und in einem Tonstudio einzusprechen. Einige Texte waren am Samstag im Langen Haus zu hören. Beispielsweise der Text der Münchnerin Charlee Kober, die Gedanken zum Umweltschutz aneinanderreihte: „Frau im Supermarkt mit sieben Plastiktüten für zehn Lebensmittel. Junger Mann auf der Straße, ein Zigarettenpäckchen auf den Boden schmeißend“. Der Text sei 20 Minuten vor Workshop-Ende entstanden, sagt Kober. „Ich bin rausgegangen und hab’ Erlebnisse aus dem Alltag aufgeschrieben, die mir im Kopf geblieben sind. Ich will darauf aufmerksam machen, wie unnötig Plastik ist.“
Lesen Sie auch: „Moosbrand“-Festival spielt mit den Elementen
Zu einem ganz anderen Ergebnis kamen in ihrem Workshop die Augsburger Raphael Ziegler, Marco Petz und Niclas Adame. Sie filmten das Lagerfeuer im Eingangsbereich des Langen Hauses, projizierten es auf einen Hackschnitzel-Haufen auf dem Hof und bearbeiteten die Bilder mit einem speziellen Programm. „Die Zeit im Workshop war sehr knapp bemessen – aber dadurch besinnt man sich auf das Wesentliche“, sagt Ziegler.
Anke Michaelis beobachtete mit Freude, wie an fast jeder Wand im Langen Haus plötzlich Bilder und Filme erschienen: „Wir wussten überhaupt nicht, was beim Workshop rauskommt. Ich bin erstaunt und überwältigt“, sagt die Pressesprecherin.
Die Workshop-Leiter hätten bewusst ganz wenige Vorgaben gemacht, sagt Mischa Kuball: „Je mehr eigene Vorstellung ich habe, desto weniger Platz ist für was anderes. Wir haben den Workshop offen gehalten, dass sich jeder mit seinen Ideen andocken kann.“ Dies habe „sehr, sehr gut funktioniert“.

