Im Zentrum entsteht die Neue Mitte

Ein Jahr Baustelle am Karl-Lederer-Platz: Händler und Dienstleister ziehen Zwischenbilanz

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Freud und Leid liegen derzeit am Karl-Lederer-Platz eng beieinander. Daniela Waal versucht das Beste aus der Baustellen-Situation zu machen und macht es sich vor ihrer Boutique „Das kleine Schwarze“ gemütlich.

Ein schöner Platz, auf dem Männer und Frauen flanieren – das ist noch Zukunftsmusik. Am Karl-Lederer-Platz dominiert seit einem Jahr die Baustelle zur Zentrumsgestaltung. So gehen Händler und Dienstleister damit um.

Geretsried – Ein Fünftel ist geschafft: Vor einem Jahr haben die Bauarbeiten am Karl-Lederer-Platz begonnen. Innerhalb von fünf Jahren soll hier ein komplett neues Stadtzentrum entstehen. Nach dem Abriss der Häuserzeile aus den 1960er-Jahren begannen im Sommer 2017 die Arbeiten für die Gebäude Puls G und Centrum 20. Für die umliegenden Händler und Dienstleister bedeutete das Lärm, Schmutz und eine geänderte Verkehrsführung. Damals beklagten ein paar von ihnen zusätzlich die Kommunikation des Baustellenmanagements. „Wir fühlen uns allein gelassen“, sagte Buchhändlerin Sarah Ulbrich vor einem Jahr zum Beispiel. Und heute?

An die Großbaustelle hat man sich am Karl-Lederer-Platz im Großen und Ganzen gewöhnt. Die Auswirkungen für die Anlieger sind aber unterschiedlich. „Die Laufkundschaft fehlt“, urteilt Sarah Ulbrich im Gespräch mit unserer Zeitung. Aufgrund die Zentrumsgestaltung kämen deutlich weniger Kunden in ihr Geschäft – zwischen 15 und 20 Prozent. Für die Händlerin bedeutet das „im Umkehrschluss weniger Umsatz“.

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Kunden und Patienten können nicht mehr vor der Tür parken

Bevor die Bauarbeiten am Karl-Lederer-Platz begonnen haben, konnten die Kunden direkt vor der Tür parken. Seit einem Jahr müssen sie auf Rathausinnenhof, Egerlandstraße und Böhmwiese ausweichen. Das ist für die Patienten der Gemeinschaftspraxis „Dres. med. Kauschke und Werner“ oftmals ein Problem. Zu den Orthopäden kommen mitunter Männer und Frauen mit Gips oder auch ältere Menschen mit Rollator. „Da ist für viele der Weg zu weit, und die wenigen Parkplätze vor der Tür sind oft belegt“, erklärt Dr. Alexander Werner.

Die Ärzte weisen auf ihrer Internetseite auf den vorübergehenden Anfahrtsweg hin. „Es wird schnell gebaut, und es wird ein gutes Ergebnis“, so Werner. Die Bauzeit sei allerdings hart, was die Praxis nur durch Qualität wettmachen könnte. Immerhin: „Der Baulärm hält sich in Grenzen“, sagt Werner. Als die Spundwände platziert wurden, hatte Werner Angst um die teuren Röntgengeräte. „Aber es ist nichts passiert.“

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„Wenn man will, dass sich etwas verändert, muss man eben gewisse Beeinträchtigungen hinnehmen.“

Diese vibrierenden Arbeiten an der Baustelle empfand auch Dr. Jens Becker-Platen von der Kanzlei „Rechtsanwälte Luithlen & von Stackelberg“ als besonders störend. „Es gibt gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Erreichbarkeit und Ruhe“, sagt der Anwalt. Das würden auch seine Mandanten hin und wieder ansprechen. Becker-Platen blickt dennoch nicht mit Gram auf das vergangene Jahr. „Wenn man will, dass sich etwas verändert, muss man eben gewisse Beeinträchtigungen hinnehmen.“

Mit einer positiven Einstellung kehrt auch Daniela Waal von der Boutique „Das kleine Schwarze“ den Baustellenstaub aus ihrem Laden. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt sie. Die Arbeiten gegenüber beeinträchtigten ihr Geschäft – bis auf den Staub – nicht, da sie viel Werbung im Internet mache und viele Stammkunden habe. Und „wenn ich das alles geschafft habe, kann es nur noch besser werden“, schlussfolgert sie. Waal hat ihr Geschäft wenige Monate bevor die Baustelle eingerichtet wurde eröffnet. Vor Kurzem feierte sie den ersten Geburtstag. „Das Fest war ein reiner Erfolg und wir haben die Baustelle total vergessen.“

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„Waldmann’s Café Lounge“ hat vorübergehend geschlossen, weil die Sonnenterrasse der Baugrube gewichen ist. Der Termin für die Wiedereröffnung steht nicht fest. Aber: Waldmann’s bleibt am Karl-Lederer-Platz.

Ganz anders wirkte sich der Baustellenstaub im vergangenen Jahr auf „Waldmann’s Café Lounge“ am Karl-Lederer-Platz aus. „Bei gutem Wetter verlagert sich der Betrieb in unserer Lounge komplett nach draußen, auf unsere Sonnenterrasse“, sagt Jutta Waldmann. Aufgrund der Probleme mit Dreck sowie Lärm und weil die Baustelle immer näher an das Café heranrücke, ist der Laden seit April geschlossen. „Wir können noch nicht beurteilen, wann wir wieder eröffnen werden“, sagt die Gastronomin. Kursierenden Gerüchten will sie aber die Energie nehmen: „Waldmann’s bleibt auf alle Fälle Waldmann’s.“

Anfangs war die Beschilderung nicht optimal

Frederik Holthaus, Ortsvorsitzender des Handelsverbands, Vorstandsmitglied von ProCit und Chef des Isar-Kaufhauses an der Egerlandstraße, berichtet von schwierigen Zeiten, seit die Einfahrt von der B11 zum Rathaus gesperrt wurde und die letzten Parkplätze am Karl-Lederer-Platz wegfielen. Das habe er an den Kundenzahlen gemerkt. „Es ist aber besser, seit die Ersatzparkplätze an der Egerlandstraße eingerichtet sind“, sagt Holthaus.

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Auch die Beschilderung zur Verkehrsführung sei inzwischen in Ordnung. „Das war in der Anfangszeit nicht optimal“, sagt der Kaufhaus-Chef. Sarah Ulbrich hätte sich gewünscht, dass sich die Anpassung der Beschilderung zum Parkplatz im Rathausinnenhof nicht so lange hingezogen hätte.

Marketingbanner weisen auf Geschäfte im Zentrum hin

Dazu erklärt Wirtschaftsförderin Annette Hilpert, dass die Maßgabe für den beauftragten Verkehrsplaner zunächst war, so wenig Beschilderung wie möglich zu verwenden, „um keinen Schilderwald zu produzieren“. Schwachpunkte seien im Nachhinein ausgebessert worden. Hier habe es allerdings ein Missverständnis gegeben, wodurch der Verkehrsplaner eine Maßnahme nicht so schnell umgesetzt habe, „wie wir uns das gewünscht hätten“, so Hilpert. Zusätzlich dazu stellte die Stadt Marketingbanner auf – aufgrund von Erfahrungswerten und des Wunsches von Anliegern. „Das ging aber nicht von heute auf morgen, wir mussten zum Beispiel Rücksprache mit der Polizei halten“, erklärt die Wirtschaftsförderin.

Dr. Alexander Werner kritisiert zudem das Vorgehen, als die Komplett-Sperrung des Karl-Lederer-Platzes beschlossen wurde. „Wir sind nicht groß gefragt, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt worden“, berichtet er. Das habe zu Unmut geführt. „Man hätte sich vielleicht eine andere Variante der Verkehrsführung überlegen können.“

Stadt kann nur Gemeinschaftsaktionen unterstützen

Dass mit allen Beteiligten gesprochen wurde, betont Annette Hilpert. „Wir haben alle Bedenken und Vorschläge einbezogen und abgewogen, schließlich war das aber die einzige Lösung, die übrig geblieben ist“, erklärt die Wirtschaftsförderin.

Die Piktogramme, die auf die Geschäfte hinweisen, und das Parkleitsystem seien gut, ebenso die zwei geplanten Veranstaltungen, sagt Ulbrich. „Über mehr Unterstützung würden wir uns natürlich freuen.“ Sie habe etwa um Hilfe für eine Aktion des Buchladens gebeten – es sei aber gesetzlich nicht möglich, einem einzelnen Geschäft unter die Arme zu greifen.

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Das bestätigt Hilpert. „Da sind uns rechtlich die Hände gebunden“, sagt sie. Die Stadt habe aber vermehrt Haushaltsmittel bereitgestellt, um Marketingmaßnahmen zu unterstützen. Dazu müssten sich mehrere Händler zusammenschließen. „Es müssen Gemeinschaftsaktionen sein“, so Hilpert.

Baustellenfest und Baustellenparty ist geplant

Die Türen stehen immer offen, ergänzt Zweiter Bürgermeister Hans Hopfner. Außerdem arbeite die Stadt derzeit zusammen mit ProCit und den Investoren an einem Baustellenfest und einer Baustellenparty. Die Stadt versuche, die Beeinträchtigungen der Baustelle mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nach Möglichkeit abzumildern. Dem stimmt Frederik Holthaus zu. Die Stadt gehe gut auf die Händler ein, findet der Kaufmann. „Wenn man anruft, kümmern sie sich darum.“

Unbestritten ist aber nach einem Jahr, dass die Großbaustelle Einschränkungen mit sich bringt. „Viele Menschen arbeiten mit Hochdruck an unserer Neuen Mitte und das merkt man, jeden Tag“, bilanziert Hopfner.

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