VonCarl-Christian Eickschließen
Ein Jahr nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine berichtet Dolmetscherin Halyna Basok aus Brody, der Partnerstadt Wolfratshausens.
Wolfratshausen/Brody – Am 9. Juli 2009 unterzeichneten die zwei damaligen Bürgermeister Helmut Forster und Bogdan Semtschuk den Vertrag: Seither sind die Städte Wolfratshausen und Brody in der Ukraine freundschaftlich verbunden. Niemand ahnte oder fürchtete damals, dass die Freundschaft einmal von einem blutigen Krieg überschattet wird. Bis zum 24. Februar vergangenen Jahres. Dem Tag, an dem Russlands Präsident Wladimir Putin den Überfall auf das Nachbarland befahl. Die Folgen: abertausende Tote und Millionen Geflüchtete. Frieden ist nicht in Sicht. Erst vor wenigen Tagen schlug im Stadtgebiet von Brody erneut eine Rakete ein.
„Luftalarm fast jeden Tag“ – Wolfratshausens Partnerstadt Brody steckt seit einem Jahr im Krieg
Die Deutschlehrerin Halyna Basok lebt in Brody und steht der Wolfratshauser Stadtverwaltung immer wieder als Übersetzerin zur Verfügung. Ende Februar 2022 trennten die kleine Handelsstadt im Westen der Ukraine gut 1000 Kilometer von der Frontlinie. Doch über Nacht rückte sie ganz nah an die Menschen in Brody heran. Es sei „wie in einem Albtraum“, berichtete Basok, nachdem das russische Militär den Luftwaffenstützpunkt „Brody Air Base“, knapp sechs Kilometer Luftlinie entfernt vom Zentrum der 24 000-Einwohner-Stadt, bombardiert hatte.
In einer E-Mail an unsere Zeitung erklärte die Lehrerin: Da in Brody zwei ukrainische „Militärtruppen“ stationiert seien, hätten die russischen Angreifer das Umfeld der Kleinstadt ins Visier genommen. „Wir wurden von drei Explosionen geweckt“, so Basok. Zwar habe „die ganze Ukraine Angst vor einem Angriff“ gehabt, doch konkret vorbereitet seien die Menschen in Brody auf das Bombardement des örtlichen Luftwaffenstützpunkts nicht gewesen. „Es war schrecklich.“
Direkter Draht zu Brody fast unmöglich – Wolfratshausens Bürgermeister erreicht Hilferuf
Der Krieg macht es schwer bis unmöglich, direkten Kontakt nach Brody zu bekommen. Wer die Homepage der Stadt im Internet aufrufen möchte, bekommt seit Wochen den Hinweis: „Die Website ist nicht erreichbar.“ Kurz nach Kriegsausbruch schickte Wolfratshausens Bürgermeister Klaus Heilinglechner seinem Amtskollegen in der Westukraine, Anatolij Belej, eine E-Mail. Auf eine Antwort musste er lange warten. Schließlich erreichte Heilinglechner eine grobe Skizzierung der Lage vor Ort – und ein Hilferuf: „Wir brauchen Ihre Unterstützung und Anteilnahme“, so Übersetzerin Basok im Auftrag von Rathauschef Belej.
Die Wolfratshauser ließen sich nicht zweimal bitten. Tonnenweise spendeten sie dringend benötigte Güter, zu Hilfsaktionen riefen unter anderem der DLRG-Ortsverband Schäftlarn-Wolfratshausen, die Freiwilligen Feuerwehren Wolfratshausen und Weidach und der Asylhelferkreises Wolfratshausen auf. Einen der Konvois ins Grenzgebiet zwischen Polen und der Ukraine begleiten Bürgermeister Heilinglechner und Stadtrat Peter Lobenstein.
Außer den beiden wechselten sich Robert Klingel, Chef der DLRG Schäftlarn-Wolfratshausen, und Robert Buxbaum, Kommandant der Weidacher Feuerwehr, am Steuer von zwei 7,5-Tonnen-Lkw ab. Nach der Rückkehr berichteten Heilinglechner und Lobenstein im Stadtrat von ihren Eindrücken.
Mehr als 1300 Ukrainer im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen – häufige Raketeneinschläge in Brody
In Erinnerungen „bleiben sehr bewegende Bilder“, so der Rathauschef. Berührt habe ihn und Lobenstein „die Leere in den Gesichtern der Menschen“, die vor dem Blutvergießen flüchten. Es seien „vor allem Frauen mit kleinen Kindern“. Keiner von den Kriegsopfern habe mehr dabei „als einen Rucksack oder eine kleine Tasche“, sagte Lobenstein mit einem Kloß im Hals. Sie hätten ihr gesamtes Hab und Gut zurücklassen müssen – und keiner wisse, ob er seine Heimat, seinen Ehemann, seinen Vater oder Großvater wiedersehe. Heute, ein Jahr nach Kriegsausbruch, haben mehr als 1300 Ukrainer im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen eine sichere Bleibe gefunden.
Immer wieder hat Heilinglechner in den vergangenen Monaten versucht, Kontakt mit der Freundschaftsstadt respektive seinem Amtskollegen Belej aufzunehmen. Doch aktuelle Informationen erhielt er nach eigenen Worten geraume Zeit nicht. Erst vor wenigen Tagen erreichte Heilinglechner die Dolmetscherin Halyna Basok per E-Mail. Auf seine besorgte Frage „Wie geht es Euch?“, antwortete Basok aus Brody: „Es geht uns gut, obwohl man unsere Situation leider nicht sicher nennen kann.“ Zuletzt sei am 10. Februar „eine Rakete in unserer Gemeinde eingeschlagen, die aber Gott sei Dank nicht explodiert ist“. Basok berichtet zudem von drei Raketenangriffen Anfang Oktober „direkt in unsere Stadt“. Von Verletzten oder gar Todesopfern berichtet die Lehrerin nicht.
Stromausfall gehört in Brody zum Alltag – „Bereit, alles zu ertragen“
„Wir haben relative Ruhe im Vergleich zu unseren südlichen und östlichen Gebieten“, schildert Basok die aktuelle Situation. Aber: „Wir haben Lichtausschaltungen zweimal am Tag für drei bis vier Stunden, lauten Luftalarm fast jeden Tag, manchmal sogar mehrfach am Tag.“ Doch die Menschen in Wolfratshausens Freundschaftsstadt seien „bereit, das alles zu ertragen“. Alle Ukrainer würden hoffen, „dass das alles bald endet, wieder ein normales Leben mit Ruhe herrscht“ – und vor allem, „dass unsere Verwandten und Bekannte am Leben bleiben“.
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Den Wolfratshausern und Bürgermeister Heilinglechner ganz persönlich „sind wir sehr dankbar“, betont Basok. „Ohne ihre Unterstützung, ohne ihre Anteilnahme wäre unser Kampf um Frieden nicht leicht und nicht so lange möglich.“ Die schwer geprüften Ukrainer „kennen jetzt den Preis des Friedens“, schreibt die Übersetzerin – „und wir wollen, dass so etwas nie mehr und mit niemandem passiert“.
Zwölf Monate nach dem Überfall der russischen Truppen und den paramilitärischen Söldnern der „Gruppe Wagner“ auf das souveräne Nachbarland lässt Wolfratshausens Bürgermeister Heilinglechner die Bevölkerung von Brody wissen: „Wir denken sehr viel an Euch und hoffen, auch wenn dieser Krieg in Europa nun schon ein Jahr andauert, dass es bald ein Ende hat.“
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