- VonHans-Joachim Bittnerschließen
Klettern am Fels verlangt mehr als nur physische Stärke, es formt Charakter und Selbstbewusstsein. Mit dem Felskader will Bernhard Wolf Jugendliche für das Draußensein begeistern. Ein wichtiger Aspekt dabei: Die Verbindung zur Natur.
Berchtesgadener Land – Was kommt nach der Wettkampfkarriere? Diese Frage stellte sich Klettertrainer Bernhard Wolf nach etlichen erfolgreichen Jahren mit dem Leistungssport-Team des Deutschen Alpenvereins (DAV). Während der Fokus auf Medaillen jedoch oft ein rasches Ende findet, bleibt die Liebe zum Fels bei vielen Athletinnen und Athleten ein Leben lang bestehen. Aus dieser Überzeugung heraus entstand nun der erste „Felskader“ Bayerns – gegründet von der DAV-Sektion Berchtesgaden. Mit diesem einzigartigen Projekt bringt Trainer Wolf junge Klettertalente aus dem Berchtesgadener Land zurück zu den Wurzeln des Sports.
„Wir wollen den Jugendlichen etwas mitgeben, das über Platzierungen hinausgeht“, sagt Bernhard Wolf. „Denn das Klettern am Fels verlangt weit mehr als nur physische Stärke – es formt Charakter, schärft das Selbstbewusstsein und verbindet die Sportlerinnen und Sportler tief mit der Natur.“ In Zeiten wachsender Urbanisierung sei es wichtiger denn je, die nächste Generation für das Draußensein zu begeistern.
Im Felskader trainieren aktuell acht Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren: Darunter Anna Hörterer, Marie Schuhmann (3. Platz Bayerische Meisterschaft Jugend A, Lead), Felix Wiest, Matteo Ganserer sowie Sylvan und Quirin Haberstroh. Einige kommen aus dem Wettkampfbereich, andere hatten nie ein Interesse daran – doch sie verbindet ein gemeinsames Ziel: Anspruchsvolle Routen am natürlichen Fels meistern, Rotpunkt oder im Onsight-Stil.
Prävention ist Teil des Trainings
Trainiert wird zweimal wöchentlich in heimischen Gebieten wie den Barmsteinen, am Affenfelsen, in Karlstein bei Bad Reichenhall oder am Hohen Göll. Ein- bis zweimal im Jahr geht’s auf mehrtägige Kletterreisen, zuletzt nach Istrien (Kroatien). Dort hat Ines Papert, Weltklasse-Alpinistin aus Bayerisch Gmain, ihre zweite Heimat gefunden. Ihr Sohn Emanuel, selbst erfahrener Kletterer und Co.-Trainer, begleitet das Team als Mentor, Motivator und Freund. Die Mountain Lodge Istria diente dabei als perfekter Stützpunkt. Kurze Zustiege, lange Routen – und ein Ruhetag, der für Yoga genutzt wird. „Prävention ist ein wichtiger Teil des Trainings“, betont Wolf, ein Berchtesgadener Kletter-Urgestein. „Nur wer langfristig gesund bleibt, kann das Klettern ein Leben lang genießen.“ So wie Ines Papert selbst, die mit 51 Jahren kürzlich ihre bislang schwierigste Route, den „Elefanten-Spaziergang“ an den Barmsteinen, durchsteigen konnte.
Regional hat der Felskader ebenfalls bereits Erfolge vorzuweisen: An den Barmsteinen kletterten Mitglieder des Teams in die untere neunte Schwierigkeitsskala (7b) onsight. Routen wie der „Elefanten-Spaziergang“ (8b+) – vor bald 30 Jahren von Bernhard Wolf erstbegangen – bleiben Ansporn für kommende Ziele. Dabei zählt nicht das schnelle Ticken von Schwierigkeitsgraden, sondern der freie Durchstieg, wann immer er gelingt: Ohne Wettkampfdruck, aber umso größerer Begeisterung. „Es geht um Teamgeist, um das gemeinsame Erlebnis und das Wachsen an der Herausforderung“, sagt Emanuel Papert. Das ist deutlich spürbar: Es wird gemeinsam gejubelt, gesichert und motiviert. Nicht gegeneinander, sondern miteinander. Selbst der Spaß kommt nicht zu kurz: Ein Pausentag wird für einen Ausflug zum Eisessen genutzt, danach geht's mit frischer Energie zurück an den Fels. Teilnehmerin Anna Hörterer bringt es auf den Punkt: „Das Klettern draußen fühlt sich viel freier an als in der Halle. Dort kommt das Klettern doch her – aus der Natur. Es ist einfach etwas Besonderes, sich nicht mit geschraubten Griffen auseinanderzusetzen, sondern mit dem, was die Natur erschaffen hat.“
Mit dem Felskader setzt die DAV-Sektion Berchtesgaden neue Maßstäbe. Die Macher wollen damit keine Konkurrenz zum zweifelsfrei berechtigten Wettbewerbsteam eröffnen, sondern diesen sinnvoll ergänzen – für all jene, für die der Kampf um Medaillen nicht (mehr) im Fokus steht. „Denn ob Halle oder Fels: Am Ende zählt die Leidenschaft für den Sport“, sagt Bernhard Wolf abschließend. (bit)
