VonAngela Walserschließen
Noch heute kann eine Lenggrieserin (78) nicht verstehen, wie ausgerechnet sie Opfer von Trickbetrügern werden konnte. Vor Gericht redete sich die Zeugin den Frust von der Seele.
Lenggries/München – Im Prozess um eine aus der Türkei agierende Bande von Männern und Frauen, die sich als Polizisten ausgaben und Seniorinnen ihre Ersparnisse abnahmen, wurden am Mittwoch die Plädoyers gehalten. Am Vortag hatte ein Opfer (76) aus Lenggries vor dem Landgericht München II ausgesagt.
Die 76-Jährige schilderte den Telefonterror, dem sie vier Tage lang ausgesetzt war. Und indirekt beschrieb sie auch ihren tiefen Frust darüber, dass sie, langjährige Schreibkraft im Finanzministerium, den Trickbetrügern auf den Leim gegangen war.
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Im April 2017 hatte alles angefangen. Ein Anrufer gab sich als Polizei-Obermeister Christian Stark vom Landeskriminalamt aus. Er warnte die 76-Jährige vor einer rumänischen Bande, bei der angeblich eine Liste mit ihrem Namen darauf gefunden worden war. Die Rentnerin solle ihr Erspartes abheben und der Polizei überlassen. Immer wieder rief der Kopf der Bande bei der 76-Jährigen an. „Ich war wie in einem Kokon“, erklärte die Rentnerin. Sie habe sich verbal nicht wehren können. Ihr Glaube an die Rechtmäßigkeit eines Beamten und ihre jahrelange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit korrekten Menschen ließ sie von Haus aus nicht auf den Gedanken kommen, ein Polizist könne sie betrügen. Und den falschen Polizei-Obermeister habe sie als äußerst korrekten Menschen empfunden.
Schließlich hob sie 25 000 Geld ab. Es war die Summe eines Sparvertrags, den ihr Vater für sie angelegt hatte, als sie 18 Jahre alt war. Zwei Jahre später starb der Papa, seine Tochter bediente den Sparvertrag in Erinnerung an ihn weiter. Dieses und vieles mehr erzählte die rüstige Rentnerin der Vorsitzenden Richterin Regina Holstein. Und die ließ die Zeugin agieren, ließ sie sich den Kummer von der Seele reden.
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Die beiden angeklagten Frauen (31 und 32 Jahre), die das Geld auf Anweisung des Chefs (40) in Lenggries abgeholt hatten, boten als Schadenswiedergutmachung 8000 Euro an. Sie entschuldigten sich mehrfach – doch die Geschädigte wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Sie erinnerte sich an den Besuch der älteren Angeklagten, die ziemlich durchtrainiert gewesen sei. Die Lenggrieserin schrieb sie einer Spezialeinheit der Polizei zu. Die beiden Frauen, sie sprach stets von „Ladys“, hätten ihr einen Brief geschrieben. „Da kam alles wieder hoch“, bedauerte die 76-Jährige. Ob sie das Geld annehmen werde, müsse sie noch überlegen. Die beiden Frauen stünden doch vor einem Riesenloch sinnierte sie, redete ihnen aber im nächsten Moment schwer ins Gewissen: „Wenn man Kinder hat, macht man doch so etwas nicht.“ Und wieder einen Augenblick später rügte sie sich selber: „Ich habe Sie nicht nach dem Dienstausweis gefragt.“
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