VonDominik Stalleinschließen
Viele Straßen in Waldram sind nach Geistlichen benannt. Ein Namensgeber steht derzeit im Kreuzfeuer: Kardinal Faulhaber. Ein Thema für den Badehaus-Verein.
Wolfratshausen – Für die meisten Menschen sind die weißen Namen auf blauem Grund nur Orientierungshilfen. Für Dr. Sybille Krafft sind sie mehr. Viel mehr. „Die Straßennamen in Waldram sind wie ein öffentliches Geschichtsbuch. Das ist ein historischer Schatz.“ Ein Namensgeber steht derzeit im Kreuzfeuer: Der Bund für Geistesfreiheit fordert die Umwidmung von Plätzen und Straßen, die den Namen von Kardinal Michael von Faulhaber tragen. Die Stadt Würzburg ist vorangeprescht: Der Kardinal-Faulhaber-Platz in der unterfränkischen Stadt wird umbenannt. Das hat der Würzburger Stadtrat beschlossen, weil dem Geistlichen ein „zwiespältiges“ Verhältnis zum NS-Regime nachgesagt wird.
Einige Straßen in Waldram haben bis zu drei historische Namen
Dr. Sybille Krafft ist promovierte Historikerin und der Kopf des Historischen und des Badehaus-Vereins. Der Streitfall Faulhaber ist ihr bekannt. Der Würzburger Stadtrat setzte sich mit seiner Entscheidung über die Empfehlung eines – eigens dafür einbestellten – Experten-Gremiums hinweg. Die Fachleute hatten eine „Kontextualisierung“ des Straßennamens empfohlen – also eine historische Einordnung, zum Beispiel durch Hinweisschilder.
Man hat noch nicht verstanden, wie besonders die Situation in Waldram ist, was für ein historisches Alleinstellungsmerkmal das ist.
Einen sehr ähnlichen Vorstoß hatte der Historische Verein Wolfratshausen vor über einem Jahr bereits gewagt. Die Idee: Unter den existierenden Straßenschildern sollten Hinweistafeln angebracht werden, die bis zu drei historische Namen desselben Wegs präsentierten. Der Verein kam in Summe auf 69 neue Straßenschilder.
Der Antrag wurde abgeschmettert: 1:9 fiel die Abstimmung aus, zu Kraffts Unverständnis. „Man hat noch nicht verstanden, wie besonders die Situation in Waldram ist, was für ein historisches Alleinstellungsmerkmal das ist.“ Denn innerhalb von wenigen Jahren wurden die Straßen in Waldram dreimal umbenannt: Erst von den Nazis, die eroberte Gebiete auf die Schilder schrieben. Dann kamen jüdische Displaced Persons und benannten die Straßen nach amerikanischen Bundesstaaten, bevor sich katholische Heimatvertriebene im damaligen Föhrenwald ansiedelten und nicht nur die Straßen, sondern gleich den ganzen Ortsteil umbenannten. Waldram I. war ein Abt, der das Kloster Benediktbeuern gegründet haben soll. „Alleine das hat doch schon eine Dimension“, sagt Krafft. Der promovierten Historikerin ist keine andere Stadt in Bayern bekannt, in der in so kurzer Zeit so oft die Straßennamen wechselten. „Wir haben hier eine absolute Besonderheit.“
Manche Würdigungen kirchlicher Persönlichkeiten sind beim Blick auf die Karte Waldrams offensichtlich: Dekan Weiß und Kardinal Wendel tragen ihren Titel auch auf dem Straßenschild. Faulhaber, Törring, Ketteler, Steichele und andere sind nur mit ihrem Nachnamen verewigt. Die Historie der Straßennamen zeigt für Krafft deutlich: „Jede Straßenbenennung und -umbenennung ist ein Politikum.“ So wie es aktuell die Debatte um den Münchner Kardinal Faulhaber ist.
Wie berichtet wünscht sich die Waldramerin Assunta Tammelleo – sie ist Vorsitzende des Münchner Bundes für Geistesfreiheit – eine Umwidmung der Faulhaberstraße in Waldram. Krafft möchte sich im Gespräch mit unserer Zeitung nicht festlegen. ob die Faulhaberstraße auch künftig so heißen sollte. „Er ist sicher ein sehr umstrittener Kirchenfürst gewesen, der ein ambivalentes, zwiespältiges Verhältnis zum Nationalsozialismus hatte.“ Die kürzlich veröffentlichten Tagebücher des Kardinals würden diesen Eindruck bestätigen.
Verein will alle Straßen und ihre Namensgeschichte betrachten
Für Sybille Krafft ist die aktuelle Diskussion vor allem eine Bestätigung. „Eine historische Einordnung von Straßennamen und den Entscheidungen dazu sind eine hervorragende Sache.“ Nur dann, wenn darüber informiert, gesprochen und Meinungen ausgetauscht würden, könne man ernsthaft über eine Umwidmung einzelner Straßennamen entscheiden. Die Vorsitzende des Historischen Vereins glaubt, „dass das Badehaus für solche Diskussionen der richtige Ort ist“. Im Erinnerungsort wird die Geschichte des Ortsteils dargestellt. Es gibt große Karten, auf denen die historischen Straßennamen eingezeichnet sind – es zeigt, dass der Seminarplatz einmal Roosevelt Square und kurz zuvor Adolf-Hitler-Platz hieß. „Wir möchten uns alle Straßen und ihre Namensgeschichte anschauen – nicht nur die Faulhaberstraße.“
Straßennamen in Waldram
Im Wolfratshauser Ortsteil sind ungewöhnlich viele Straßen, Plätze und Wege nach kirchlichen Würdenträgern benannt. Hier eine Auswahl.
• Faulhaberstraße: benannt nach dem Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952)
• Kardinal-Wendel-Straße: Kardinal Joseph Wendel, Erzbischof von München und Freising (1901-1960)
• Kolpingplatz: Adolph Kolping, katholischer Priester und Begründer des Kolpingwerks (1813-1865)
• Steichelestraße: Antonius von Steichele, Erzbischof von München und Freising (1816-1889)
• Dekan-Weiß-Straße: Franz Xaver Weiß, Pfarrer in Wolfratshausen von 1885 bis 1922, erster Ehrenbürger der Stadt Wolfratshausen
• Matthias-Kern-Straße: Pfarrer Matthias Kern, von 1922 bis 1942 katholischer Pfarrer in Wolfratshausen. Auf Druck der Nazis musste er die Stadt verlassen.
• Kettelerstraße: Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Bischof von Mainz und Gründer der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, kurz: KAB (1811-1877)
• Remigerstraße: Joannes Nepomuk Remiger (1879-1959) letzter Weihbischof der deutschen Minderheit in Prag
In einer Sitzung vor wenigen Tagen hat der Badehaus-Vorstand laut Krafft beschlossen, dass er im kommenden Jahr eine Veranstaltung ausrichten möchte, in der die Erinnerungspolitik beleuchtet werden soll – die sich auch in den weißen Namen auf blauem Grund an jeder Kreuzung zeige.
dst
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