VonDieter Dorbyschließen
Mitten in der Erkältungszeit gehen Fieberzäpfchen und Fiebersaft aus. Seit Monaten herrscht Knappheit bei Arzneimitteln. Die hat längst die Kindermedizin erreicht, doch jetzt ist der Mangel besonders spürbar.
Zwar können Apotheken selbst Medikamente herstellen, doch das hat Grenzen, wie Fritz Grasberger, Inhaber der Alten Stadtapotheke in Miesbach und Vorstandsmitglied im Bayerischen Apothekerverband, erklärt.
Herr Grasberger, zum normalen Geschäft kommt jetzt noch das Schließen von Versorgungslücken durch eigene Herstellung hinzu. Haben Sie und Ihre Mitarbeiterinnen gerade besonders viel zu tun?
Das ist ja schon seit längerer Zeit so, dass Fieberzäpfchen und Fiebersaft – beide basierend auf Paracetamol oder Ibuprofen – schlecht bis gar nicht lieferbar sind. Wir bekommen nur noch wöchentlich kleine Mengen, die aber nicht ausreichen. Deshalb haben wir uns zu einer Notfalllösung für Familien entschlossen.
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Geht das so einfach?
Für Kinder werden Präparate noch häufig in Apotheken hergestellt, wenn es sie nicht fertig zu kaufen gibt. Diese Rezepturherstellung ist eine vorgeschriebene Aufgabe der Apotheken. Zum Beispiel für ein Baby mit Herzfehler ein geeignetes Medikament herstellen – das ist unser Tagesgeschäft. Dass wir im größeren Maßstab die Lieferdefizite der Industrie ausgleichen, ist neu. Es zeigt aber, wie wichtig es ist, dass es die Vor-Ort-Apotheken in der Fläche gibt. Diese Versorgungsstruktur kann das leisten.
Wann dürfen Apotheken Medikamente herstellen?
Im Prinzip geht das – bei Kindern wie bei Erwachsenen – nur verordnet im Einzelfall oder im Rahmen einer sogenannten Defektur, also wenn eine häufigere ärztliche Nachfrage vorliegt. Das bewegt sich dann so im Zehner- oder Zwanzigerbereich. Aktuell haben wir eine Ausnahmesituation. Man dehnt diese Herstellung im Engpass aus und baut einen Vorrat auf. Denn gerade im Notdienst über die Feiertage kann man nicht erst etwas herstellen, wenn es benötigt wird. Wobei die Kapazitäten der Apotheken begrenzt sind.
Inwiefern?
Wir brauchen ja ebenfalls Rohstoffe, Materialien und Gefäße, und auch bei denen gibt es Lieferschwierigkeiten. Nicht alle Wirkstoffe sind leicht zu bekommen. Und es ist eine Kostenfrage. Denn das vor Ort hergestellte Medikament ist deutlich teurer in der Herstellung als das industrielle. Für die Apotheken bedeutet das mehr Zeitaufwand und personelle Ressourcen. Um beim Fiebersaft zu bleiben: Zäpfchen sind deutlich aufwendiger als Säfte. Und die Haltbarkeit ist weniger lang, weil unsere Präparate ja der Akutversorgung dienen.
Wie sieht es denn bei der Kostenübernahme durch die Krankenkassen aus? Bezahlen die Ihren Fiebersaft?
Das ist in der Tat ein Problem. Unsere Rezepturen sind preislich teurer als Fertigarzneimittel. Die sind im Vergleich wahnsinnig billig. Da können wir mit unseren Personalkosten nicht mithalten. Deshalb muss es ja vom Arzt verordnet sein. Wir haben also keinen Freifahrtschein. Die Situation ist aber aktuell nicht gut gelöst, weil die Ärzte diese Notwendigkeit, also den Mangel, wieder gegenüber den Krankenkassen dokumentieren müssen. Das ist eine Bürokratie, die viele Praxen nicht leisten können. Aber man ist dabei, es zu vereinfachen.
Wer bezahlt jetzt was?
Es läuft leider darauf hinaus, dass man solche Medikamente wie den Fiebersaft privat zahlen muss. Was gerade bei Kindern spürbar ist, weil hier sonst alles übernommen wird. Man kann zwar versuchen, sich das Geld von der eigenen Krankenkasse erstatten zu lassen, aber das basiert eher auf Kulanz. Das und die kürzere Haltbarkeit führen dazu, dass dieser Weg nur für die akute Versorgung zu wählen ist.
Haben Sie Tipps, wie man sich beim Medikamentenmangel am besten verhält?
Generell sollte man wichtige Medikamente nicht ausgehen lassen. Man sollte möglichst früh bestellen oder Zeit haben, um mögliche Alternativen zu klären.
ddy
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