Beistand in Zeiten von Distanz

„Eigentlich ist unsere Arbeit Nähe“: So unterstützt die Hospizgruppe in Zeiten von Corona

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„Wenn ich zu Menschen nach Hause komme, fällt es vielen schwer, Abstand zu halten“: Stephanie Warsberg, Koordinatorin der Hospizgruppe, in der Geschäftsstelle, die seit Kurzem wieder geöffnet hat.
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Corona rückt das Thema Tod mehr in den Fokus, doch vielen Menschen fällt der Umgang damit schwer. Dafür ist die Hospizgruppe Freising da. Die Krise hat ihre Arbeit hat verändert, sie ist aber nicht weniger wichtig geworden.

Freising – In der Gesellschaft werden Alter und Tod häufig verdrängt. Die Corona-Pandemie rückt diese Themen wieder mehr in den Fokus. Doch vielen Menschen fällt der Umgang damit schwer. Dafür ist die Hospizgruppe Freising da, deren Geschäftsstelle kürzlich wieder geöffnet hat. Wie die Mitarbeiter Sterbende und Angehörige auch jetzt behutsam, beratend und begleitend unterstützen, erklärt Stephanie Warsberg, die die Gruppe koordiniert.

„Es fällt vielen schwer, Abstand zu halten“

Frau Warsberg, Ihre Arbeit lebt von Nähe, doch Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Wie gehen Sie damit um?

Das ist wirklich schwierig. Wenn ich zu Menschen nach Hause komme, fällt es vielen schwer, Abstand zu halten. Nähe und Körperkontakt sind menschliche Bedürfnisse, die man in einer angstvollen Zeit noch einmal mehr verspürt. Die Welten von Bedürfnis und Pflicht prallen aufeinander. Eigentlich ist unsere Arbeit Nähe, sie funktioniert mit Intuition. Doch während Corona steht die Vernunft an oberster Stelle.

Was hat sich durch die Pandemie noch verändert?

Normalerweise besuchen viele ehrenamtliche Hospizbegleiter sterbende Menschen und ihre Angehörigen. Da die Ehrenamtlichen aber nicht im Einsatz sein dürfen, übernehmen diese Dienst wir Hauptamtlichen – insgesamt sind wir zu sechst. Die Besuche zu Hause fallen jetzt kürzer aus. Beratungen und Themen, die man sonst viel lieber gemeinsam am Esstisch bespricht, werden aufs Telefon verlegt. Alles, was die Hospizgruppe sonst zusätzlich anbietet, etwa Schulungen, Vorträge und die Ausbildung zum Hospizbegleiter, finden, wie so vieles andere, nicht statt.

„Es ist wichtig zu wissen, dass es einen Ort gibt, an den man sich wenden kann“

Wie läuft ein Hausbesuch derzeit ab?

Wir sind mit Mundschutz unterwegs und halten die bekannten Hygieneregeln ein. In den vergangenen Wochen war auffallend, dass viele Menschen ängstlicher waren, weil sie ja mehr allein waren. Zum Beispiel hat eine Frau gesagt, wenn ihr Mann jetzt sterben würde, hätte sie große Angst allein zu sein, weil auch die Kinder nicht kommen könnten. Sie war sehr glücklich, als ihr gesagt wurde, dass sie sich bei uns melden könne und jemand vorbeikomme, wenn sich der Zustand ihres Mannes verschlechtere.

Normalerweise kümmert sich die Hospizgruppe auch um Frauen und Männer in Pflegeheimen.

Dort kommen wir gerade gar nicht mehr rein. Keine Chance! Mittlerweile sind glücklicherweise Lockerungen für Angehörige in Kraft getreten. Doch als Seniorenheime und Krankenhäuser gar keinen Besuch zugelassen haben, konnte man sich nicht von einem Sterbenden verabschieden. Weil viele Menschen in Trauersituationen allein waren, erwarten wir, dass im Nachgang ein größeres Bedürfnis besteht, diese Trauer aufzuarbeiten. Wir hoffen, dass diese Menschen ihrem Bedürfnis folgen und sich die Unterstützung auch gönnen.

Wie hilft die Hospizgruppe in solchen Fällen?

Es ist wichtig zu wissen, dass es einen Ort gibt, an den man sich wenden kann. Einen Ort, an dem man extreme Einsamkeit mit kompetenten Kräften teilen kann. Wir sind – wie zu jeder Zeit – für die Menschen da, die sich mit existenziellen Fragen alleine fühlen.

„Wir begleiten Menschen, damit sie gut entscheiden können“

Seit einigen Tagen ist das Büro in der Mainburger Straße 1 wieder geöffnet. Das bringt zumindest ein Stückchen Nähe zurück.

Ja, wir können in unseren Räumen wieder Einzelgespräche führen und jeden unterstützen, der das möchte. Es gibt vielleicht ältere Leute, die sich sorgen, ob eine Corona-Infektion für sie in jedem Fall tödlich ist, und viele Fragen haben. Oder letztens hat sich eine Frau gemeldet, deren Mutter in einem Pflegeheim im Badischen lebt. Die Tochter, die mit ihren Geschwistern die Vorsorgevollmacht hat, suchte Rat bei uns, um zu verstehen, welche unterschiedlichen Wege der Behandlung möglich sind, und was zum Beispiel die Entscheidung für einen palliativen Weg bedeutet. In solchen Situationen wird deutlich, wie allein Menschen mit existenziellen Fragen im Moment sind. Die Endlichkeit rückt durch die neuartige Erkrankung ganz anders in unseren Alltag.

Was ist der Kern dieser Beratungsarbeit – gerade in Zeiten von Corona?

Es geht nicht darum, noch einen Zusatz in der Patientenverfügung festzuzurren. Es geht darum, Menschen zu dieser Verfügung zu beraten. Und genauso geht es um diejenigen, die eine Vollmacht haben. Wir begleiten sie, damit sie dann gut entscheiden können, wenn es so weit ist. Mir ist es wichtig zu wissen, dass es Bevollmächtigte gibt, die der Situation gewachsen sind, und die wissen, was sich ihr Angehöriger wünscht. Das ist entscheidend.

Gut zu wissen

Die Hospizgruppe Freising ist von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr unter Tel. (0 81 61) 53 25 25 oder über das 24-Stunden-Bereitschaftstelefon unter (0 81 61) 87 15 35 erreichbar. Terminanfragen für Beratungs- oder Trauergespräche können auch per Mail an info@hospizgruppe-freising.de geschickt werden. Im Hospizbüro gelten die bekannten Hygieneregeln, zudem ist das Tragen eines Mundschutzes Pflicht.

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