VonMagdalena Höcherlschließen
Zu schweigen ist der falsche Weg: Deshalb erzählte die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano jetzt zahlreichen Freisinger Schülern ihre Geschichte.
Freising – Ein Satz prägt ihr ganzes Engagement: „Esther, es ist deine Pflicht rauszukommen, um später von dem Grauen, das wir hier erleben, zu berichten.“ Diese Worte einer Freundin, mit der Esther Bejarano während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war, sind tief im Gedächtnis der heute 94-jährigen Frau verankert. Er treibt sie bis heute an, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Am Montag war Bejarano zu Gast im Freisinger Rathaus, um rund 80 Schülern anhand ihres Buchs „Erinnerungen“ ihre Geschichte zu erzählen.
Die Musik rettete ihr Leben
Dass Esther Bejarano den Holocaust überlebt hat, hat sie mitunter der Musik zu verdanken. Der Vater weckte früh ihr Interesse dafür, als Mädchen lernte sie, Klavier und Blockflöte zu spielen. Als im KZ begabte junge Frauen für das Mädchenorchester gesucht wurden, wurde Esther Bejarano ausgewählt. Doch ein Klavier habe es nicht gegeben, und die Flöte sei ihr beim Vorspielen nicht in den Sinn gekommen. Das einzige verfügbare Instrument: ein Akkordeon. „Ich sollte den beliebten Schlager ,Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami’ spielen“, erzählte Bejarano, die noch heute Musik gegen Rechts macht. „Wie durch ein Wunder traf ich die richtigen Akkorde und wurde aufgenommen.“ Sie ist überzeugt, dass sie die schwere Arbeit, zu der die Nazis die anderen Häftlinge verpflichteten, nicht überlebt hätte.
„Man kann es nicht verarbeiten“
Esther Bejaranos Eltern wurden im litauischen Lager Kowno ermordet, ihre Schwester in Auschwitz. Zwei ihrer älteren Geschwister überlebten im Ausland. Die Gräueltaten, die sie als junge Frau im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, habe sie bis heute nicht verarbeitet, beantwortet die 94-Jährige eine Schülerfrage. „Man kann es nicht verarbeiten. Was geschehen ist, kann ich nie vergessen.“
„Ich kämpfe bis heute“
Doch deshalb zu schweigen, sei der falsche Weg. „Ich konnte jahrelang nichts erzählen.“ Aber dann habe sie sich dazu entschlossen, dass sie etwas tun müsse. „Ich muss in die Schulen gehen, ich muss die Jugend informieren“, betonte sie. „Wir müssen überleben und den Nazis zeigen, dass sie es nicht schaffen können.“ Dieser Gedanke habe sie durch die schrecklichsten Zeiten getragen. „Und das denke ich bis heute.“ Bevor sie sich ins Goldene Buch der Domstadt eintrug, appellierte sie noch einmal eindringlich an die Jugendlichen im Saal. „Ich kämpfe bis heute gegen Nazis – und ich fordere euch auf: Tut dasselbe!“
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