- VonMax-Joseph Kronenbitterschließen
Der sogenannte Kilometerbau am Fliegerhorst Fursty ist so gut wie leer geräumt. Er steckt aber noch voller Erinnerungen.
Fürstenfeldbruck - Die letzte Erbsensuppe ist längst verspeist. Mit einer Kette ist die zweiflüglige Schwingtüre am Eingang in den Speisesaal I der Mannschaften, der niedrigsten Dienstgradgruppe beim Militär, versperrt. Dieser Saal ist nur eine der vielen Nutzungen, die der berühmte Kilometerbau im Fliegerhorst beherbergt. Nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Baukörpers, sondern auch wegen seiner architektonischen Details ist er von denkmalpflegerisch einzigartiger Bedeutung.
Durch einen schmalen Spalt kann man einen Blick in den leeren Speisesaal erhaschen. Von der Einrichtung sind nurmehr kranzartig aufgereihte Glaskugel-Lampen, wie sie in den 1970er-Jahren in jedem zweiten Wohnzimmer hingen, erhalten. Es braucht einige Phantasie sich vorzustellen, wie das mittägliche Gewusel bis zur Aufgabe des Flugbetriebs im Jahr 2003 ausgesehen haben mag. Das war weit vor dem Ende der Wehrpflicht und noch zu einer Zeit, in der die Rekruten kein Handy besaßen und sich lange Schlangen vor dem öffentlichen Telefon vor dem Eingang in den Speisesaal bildeten. Vom Münzfernsprecher ist nur noch die halbkugelige, beige Kunststoff-Einhausung übrig, die das denkmalpflegerische Ensemble stört.
Schlangen vor der Telefonzelle
„Der große überdachte Vorplatz, über den man nicht nur den Speisesaal, sondern auch das Mannschaftsheim, also den Aufenthaltsraum nach Dienstschluss erreicht, liegt in etwa in der Mitte des vermeintlich einen Kilometer langen Gebäudes“, erklärt Oberstleutnant Markus Würmseher, Fachlehrer an der Offizierschule, der einst als promovierter Architekt arbeitete. Messungen hätten nämlich ergeben, dass der ab 1936 erbaute und sich von West nach Ost erstreckende Kilometerbau nur knapp 817 Meter lang ist. „Im Luftbild wird deutlich, was in der Natur nur bei genauem Hinsehen erkennbar ist: Nur die ersten beiden der sieben Gebäudeteile verlaufen parallel zur Straße, je weiter ostwärts, desto deutlicher ist die bis zu 3,9 Grad starke Krümmung nach Süden. Und die einzelnen Gebäudelängen werden immer kürzer. „Eine Erklärung gibt es dafür nicht“, so der Architekt.
Serie zu Furstys denkmalgeschützten Gebäuden
Im Zuge der derzeit für das Jahr 2030 geplanten Aufgabe des Fliegerhorstes durch die Bundeswehr und der Konversion des Geländes spielt der Denkmalschutz eine erhebliche Rolle. Denn viele Gebäude auf Fursty gelten als Mischung des Heimatstils und der sogenannten Bayerischen Postbauschule, für die es in der Stadt Bruck noch weitere Beispiele gibt.
Viele Gebäude mit baukünstlerisch wertvollen Details sind noch im originalen Bauzustand von 1936-38 erhalten. Dekorative Gestaltungselemente, vorwiegend in Repräsentationsräumen und an Fassaden, überraschen denjenigen, der eine strenge „Militär-Architektur“ erwartet. Fachleute sprechen von der „architecture parlante“, einer sprechenden Architektur, die die militärische Funktion des Gebäudes ausdrückt. Das Tagblatt stellt in einer Serie die markantesten, unter Denkmalschutz stehenden Bauwerke vor.
Zehn Minuten für eine Durchquerung
Während der gesamte Baukörper im Erdgeschoss – wie viele andere Gebäude auf dem Fliegerhorst – sehr rau verputzt ist, haben die Architekten das Obergeschoss mit einer horizontalen Holzschalung verkleidet. Charakteristisch sind die fassadenhohen Eingangsverglasungen auf der Nordseite, die Licht in die Treppenhäuser bringen. Auf der Südseite rhythmisieren eingeschossige Satteldach-Anbauten kammartig den langgestreckten Bau. Darin waren meist Unterrichtsräume oder die Bar, zum Beispiel die der Luftwaffensicherungsstaffel ziemlich weit im Osten des langgezogenen Baukörpers, untergebracht. Das Innere ist – bis auf die meisten Zimmertüren – noch im Originalzustand: Solnhofer Naturstein-Platten in den Fluren, Terrazzostufen in den Treppenauf- und abgängen, Schmiedeeisengeländer, zweiflüglige Pendeltüren und Kreuzstock-Doppelfenster aus Holz. Nur eine einzige Trennwand verhindert, dass man im Obergeschoss zehn Minuten lang vom einen Ende des Gebäudes zum anderen gehen kann, ohne es zu verlassen.
Während im Kilometerbau zu Zeiten des in Fursty stationierten Jagdbombergeschwaders 49 neben Küchen, Aufenthalts- und Speisesälen zahlreiche Einsatzstaffeln einquartiert waren, haben heute viele in Bruck stationierten Soldaten hier ihre Stube. Hauptnutzer ist noch die Ausbildungs- und Unterstützungsgruppe der Offiziersschule. Nach deren Abzug wird, wie schon die Schilder „Mannschaftsheim“ und „Friseur“, auch der blaue Wegweiser „Waschsalon“ mit blauer Farbe übersprüht und unkenntlich gemacht.
Das war Teil 1 der Serie. Hier geht es zu Teil 2, das Offizierskasino sowie zu Teil 3, das Schwimmbad.