VonDoris Schmidschließen
Die ehemaligen Geltinger Gemeineräte Hans Wirtensohn und Hans Mayr haben vor 40 Jahren für Geretsried gestimmt – und bereuen ihre Entscheidung nicht.
Gelting – Für Gelting stand 1978 einiges auf dem Spiel. Im schlimmsten Fall wäre das 1400 Jahre alte Dorf im Zuge der Gebietsreform geteilt worden: Die Ortschaft Gelting einschließlich seiner Industriebetriebe wäre Wolfratshausen zugeschlagen worden, Buchberg und Schwaigwall der Stadt Geretsried. Und Eurasburg wären die restlichen Südteile zugeteilt worden. Schlussendlich stimmte der Geltinger Gemeinderat bei zwei Gegenstimmen für eine Zusammenlegung mit Geretsried. Am Ratstisch saßen damals auch Hans Mayr und Hans Wirtensohn. Sie hoben die Hand für eine Vereinigung mit Geretsried. Auch 40 Jahre später sind sie der Meinung, dass das die richtige Entscheidung war.
Die katholische Kirche St. Benedikt gehört zur Wolfratshauser Kirchengemeinde St. Andreas. Und auch geografisch liegt Gelting näher an der Loisachstadt als an Geretsried. „Aber wir wollten den ländlichen Charakter in Gelting erhalten“, sagt der ehemalige Landwirt Mayr (79) rückblickend. „Eine längere Perspektive haben wir mit Geretsried gesehen.“
Eine große Rolle spielten auch die Kommunalpolitiker, die damals am Ruder waren. „Der Draht von Heinz Schneider nach Gelting ist ganz heiß gewesen“, erinnert sich Wirtensohn. Der heute 75-Jährige bestätigt, dass der Geretsrieder Bürgermeister bessere Karten hatte als sein Wolfratshauser Amtskollege. „Viele haben gesagt, die haben mal zu uns gehört“, ergänzt der ehemalige Nebenerwerbslandwirt und Bundesangestellte. Von 1945 bis 1950 war Gelting Verwaltungsgemeinde von Geretsried. Die Einheimischen kümmerten sich um die vielen Vertriebenen, die hier Zuflucht fanden.
Viele Diskussionen im Dorf
Bevor der Eingemeindungsvertrag unterzeichnet wurde, gab es viele Diskussionen und einige Versammlungen im Dorf. Auch der damalige CSU-Landtagsabgeordnete Dr. Edmund Stoiber war dabei. „Bei dem bin ich am Tisch gesessen“, sagt Mayr. „,Wenn wir nach Wolfratshausen gehen, sind wir in fünf Jahren total Wolfratshausen‘, hab’ ich zu ihm gesagt“, blickt der ehemalige Gemeinderat zurück. „Wenn wir nach Geretsried gehen, sind wir in fünf Jahren immer noch Geltinger.“ Stoiber, der eine Zeit lang in Geretsried gewohnt hat und nun Wolfratshauser ist, habe sich nicht auf eine Seite geschlagen, sondern eine gewisse Neutralität an den Tag gelegt. „Aber ich hatte das Gefühl, dass ihm das schon gepasst hat, dass wir nach Geretsried gegangen sind“, sagt Mayr. Aus Sicht von Wirtensohn sei das die richtige Entscheidung gewesen. „Und wir sind damit auch gut gefahren“, bilanziert der Geltinger.
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Aber es gibt auch Punkte, mit denen die beiden Männer nicht so glücklich sind. „Wenn ich ans neue Gewerbegebiet Gelting-Ost denke, da stellt’s mir gleich die Haare auf“, meint Wirtensohn. „Das alte hätte gereicht.“ Beide hätten sich gewünscht, dass auf den Flächen der ausgebeuteten Kiesgrube wieder Getreide angebaut wird. Sie hoffen, dass wenigstens die Flächen südlich des neuen Gewerbegebiets in Richtung Breitenbach erhalten bleiben.
Die Trassenführung der geplanten S-Bahn-Verlängerung „ist auch so ein Thema“, finden die Senioren. „Früher gab’s zwischen Beuerberg und Wolfratshausen einen Schienenbus“, erinnert sich Wirtensohn. „Jede Stunde ist der gefahren.“ Diese Lösung wünscht sich der 75-Jährige für die Verbindung von Wolfratshausen nach Geretsried, anstatt einer verlängerten S-Bahn, die Geld und Boden verschlingt. „Das wäre einfacher und billiger.“
Verkehr und dichte Bebauung trüben die Idylle
Der Verkehr, der täglich durchs Dorf rollt und die immer dichter werdende Bebauung stört die Geltinger. „Jetzt wird wieder eine ehemalige Hofstelle mit Wohnbebauung zugeklatscht“, klagt Wirtensohn. „Aber das hätte man nie verhindern können“, entgegnet Mayr.
Viele Neubürger haben in Gelting ein neues Zuhause gefunden. Es gibt unter anderem die Brauchtumsgruppe, den Spielmannszug, den Schützenverein, den Veteranenverein, wo man sich engagieren kann. Bei Letzterem ist Mayr Mitglied. „Ich alter Mann muss beim Festzug am Sonntag die Fahnenbegleitung machen“, sagt der 79-Jährige mit Blick auf den fehlenden Nachwuchs. Der Buchberger wünscht sich, dass die Zugezogenen im Dorf auch heimisch werden und sich in die Gemeinschaft einbringen. „Die Geltinger müssen wieder mehr zusammenwachsen“, findet Mayr. Auch Wirtensohn wünscht sich das. „Viele gehen zum Dorffest.“ Aber das Interesse einiger an der Dorfgemeinschaft könnte größer sein, meint der Rentner. „Ihr Heimatgefühl müsste ein bisschen ausgeprägter sein.“
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