Geretsried, es lebe hoch

70 Jahre Gemeindegründung: Auch 1950 wurde nicht am 1. April gefeiert

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Geretsrieds erster Erster Bürgermeister dankt in der offiziellen Feierstunde allen, die die Gemeindegründung unterstützt haben.

Das Fest zu 70 Jahre Gemeindegründung musste die Stadt verschieben. Ein Blick ins Archiv zeigt: Auch damals wurde nicht am 1. April gefeiert.

Geretsried – Mit einem großen Festakt im Ratsstubensaal wollte die Stadt an diesem Mittwoch ihre Geburtsstunde feiern: Am 1. April 1950, also heute vor 70 Jahren, wurde die Gemeinde Geretsried gegründet. 20 Jahre später, am 27. Juni 1970, erhob man diese zur Stadt. Die Feier musste zur Eindämmung der Corona-Pandemie auf einen noch unbestimmten Termin verschoben werden. Ein Blick ins Zeitungsarchiv zeigt jedoch: Auch die Gemeindegründung wurde 1950 nicht am 1. April gefeiert, obwohl es ein Samstag war.

Tags zuvor macht sich der Kreistag in einer umfassenden Sitzung erst einmal ein Bild vor Ort. Der Isar-

Keine Party ohne Snacks: Am Verkaufswagen vom Lebensmittelladen Tobisch gab es unter anderem „Eiskrem“.

Loisachbote zieht das Fazit: „Die neue Gemeinde wird kein Sorgenkind.“ Fast zeitgleich ordnet das Bayerische Staatsministerium des Inneren an, dass im Bereich der neuen Gemeinde Geretsried umgehend eine Volksbefragung durchzuführen ist. Am 16. April dürfen die Bürger in Wahllokalen abstimmen, ob sie mit der Gründung der eigenen Gemeinde einverstanden sind.

Eine überwältigende Mehrheit unterstützt das Vorhaben. Von 1424 Wahlberechtigten kreuzen 1143 „Ja“ an, das sind 91,73 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 87,4 Prozent. „Das Wahlergebnis zeigt eindeutig, dass die Bestrebungen der verantwortlichen Behörden, die Bevölkerung Geretsried-Gartenberg in eine eigene Gemeinde zusammenzufassen, dem tatsächlichen Wunsch der Beteiligten entsprechen“, bilanziert die Heimatzeitung.

Dann geht es ganz schnell: Bereits am 29. desselben Monats wird die historische Urkunde erstellt, mit der die Gemeinde Geretsried eigenständig wird. Der Geburtstag wird rückwirkend auf den 1. April 1950 datiert. Im selben Jahr an einem sonnigen Frühsommertag, dem 24. Juni, feiert die junge Kommune das denkwürdige Ereignis gebührend. Karl Lederer, inzwischen erster Bürgermeister, dankt an diesem Tag allen, die ihren Anteil am Werden des Gemeinwesens hatten.

„Es gehört zu den nicht gewollten und doch so eindringlichen Symbolen dieses Tages, dass der Festakt, in dem dem Bürgermeister feierlich die Gründungsurkunde überreicht wurde, in einer Montagehalle stattfand“, berichtet der Isar-Loisachbote. Die große Montagehalle der Traktorenfabrik Alpenland, die heute der Firma Speck gehört, ist zum Festsaal umfunktioniert worden. Sie ist zwar nur spärlich geschmückt, dafür wehen rundherum Fahnen in den Bundes- und Landesfarben, die die junge Gemeinde extra aus der Stadt München ausgeliehen hat. Ein „Willkommen in Geretsried“-Transparent quer über der heutigen Elbestraße gespannt, begrüßt die Gäste von auswärts.

Umrahmten die Feierlichkeiten: Die „Boum“ und „Moidlan“ der späteren Egerländer Gmoi.

Das sind einige. Unter anderem der bayerische Wirtschaftsminister Dr. Hans Seidel, Staatssekretär Dr. Josef Schwalber vom Innenministerium, Staatssekretär Wolfgang Jaenicke vom Sekretariat für Flüchtlingswesen, Dr. Sigisbert Mitterer, Abt des Klosters Schäftlarn, und die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden.

Landrat Dr. Karl Reichhold begrüßt die Ehrengäste, den neu gewählten Gemeinderat und die vielen festlich gekleideten Bürger. Schwalber überreicht Lederer das Patengeschenk des Freistaats: 10 000 Mark als Grundausstattung für den ersten kommunalen Haushalt. Dazu kommt eine Schlüsselzuweisung in Höhe von 12 000 Mark. Die Gewerbesteuer aus dem Jahr 1949 geht an die Gemeinde Gelting, zu der Geretsried bis dato gehörte.

Ein Theaterstück hatten die Kinder der Volksschule vorbereitet.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht natürlich besagte Gründungsurkunde. Sie bezeugt mit der Unterschrift

Keine Party ohne Snacks: Am Verkaufswagen vom Lebensmittelladen Tobisch gab es unter anderem „Eiskrem“.

von Bayerns Innenminister Dr. Willi Ankermüller die Bildung einer eigenständigen Kommune. Dafür wurden Flurstücke aus den Gemeinden Gelting, Königsdorf, Osterhofen und Ergertshausen sowie des gemeindefreien Forstbezirks Wolfratshausen nach Geretsried ausgegliedert.

Um den Namen für die neue Kommune hatte es im Vorfeld Diskussionen gegeben: Die Gartenberger plädierten für „Gartenberg“, mit dem Hinweis auf die größere Zahl an Gebäuden und Einwohnern. Der Gemeinderat entschied sich dennoch für „Geretsried“, wohl auch deshalb, weil diese Bezeichnung bereits seit Jahrhunderten besteht. Erstmals erwähnt wurde „Gerratesried“, der Weiler rund um die Nikolauskapelle, 1083. „Gartenberg“ war eigentlich nur ein Flurname.

Der Landrat beschließt die Festreden mit einem Wunsch: „Geretsried, vivat, crescat, floreat!“ Geretsried möge leben, wachsen und blühen. Abgerundet werden die Feierlichkeiten durch Tänze der Egerländer, Musik der ersten Blaskapelle Geretsrieds, einem Auftritt der Singgruppe unter der Leitung von Oberlehrer Karl Kugler sen. und einem Theaterstück der Volksschule. Bevor die Gäste in der Gaststätte Korb, die sich in der Nähe der heutigen Einmündung Elbestraße/Kirchplatz befindet zu Mittag essen, steigen sie in einen Bus. Auf einer Rundfahrt staunen sie darüber, was die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in nur vier Jahren nach ihrer Ankunft geschaffen haben. Einen Eindruck bekommen die Besucher nach dem Festakt außerdem in einer Leistungsschau, bei der sich die bestehenden 36 Geretsrieder Betriebe präsentieren. (Auch heuer ist wieder eine Industrieschau geplant.)

An einem sonnigen Festtag im Frühsommer 1950 zeigt die junge Gemeinde, was sie zu bieten hat, unter anderem mit einer Leistungsschau.

Der sonnige Samstag ist ein gelungener Festtag. Ihm sollen noch viele folgen. 1970 wird die Gemeinde zur Stadt erhoben, acht Jahre später wird Gelting eingemeindet. Geretsried mausert sich zur größten Stadt im Landkreis mit heute rund 25 000 Einwohnern.

sw

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