Gott und die Welt: Gastbeitrag

Fluchtgedanken: Wie ein Geistlicher versucht, Geflüchtete besser zu verstehen

Pfarrer Georg Bücheler aus Geretsried hat oft Kontakt zu Menschen, die Fluchterfahrungen haben. Hier erzählt er, wie er versucht, sich in diese Situation hineinzuversetzen.

Geretsried – Beinahe täglich habe ich die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die Flucht- und Auswanderungserfahrungen haben – ganz aktuelle, aber auch schon viele Jahrzehnte zurückliegend. Um diese Menschen ein klein wenig zu verstehen, stelle ich mir manchmal vor, ich müsste wegen Bürgerkrieg, Hunger, Terror aus Geretsried fliehen.

Was würde ich mitnehmen? Ich würde ja nicht fliehen vor einem Feuer, einem Erdbeben, bei denen man nicht eine Sekunde Zeit hat zu überlegen. Nein, fliehen vor einem Krieg, der sich immer mehr verschärft hat, fliehen vor ständiger Angst, mein Haus könnte das nächste sein, das getroffen wird, mein Kind das nächste, das erfriert oder verhungert. Fliehen vor den Bomben, vor dem Tod, Situationen, die es mir nicht mehr erlauben, ohne Furcht zu leben. Alles müsste in einer kleinen Tasche Platz haben. Wichtige Papiere, der Pass, das Handy. Ein, zwei Fotos und vor allem die Hoffnung, dass ich bald wieder zurückkönnte, oder wenigstens Sachen nachholen lassen.

Wie weit würde ich kommen? Man flieht ja nicht unter Beachtung der Straßenverkehrsordnung. Wie weit käme ich, ohne nicht auch mich vorzudrängeln, zu tricksen, zu bestechen, zu lügen oder zu klauen? Wahrscheinlich nicht einmal bis zur österreichischen Grenze.

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Mit solchen Vorstellungen will ich nicht den leidenden, traumatisierten Menschen idealisieren. Denn damit wäre Enttäuschung vorprogrammiert. Mit diesen Fra

Georg Bücheler:Evangelischer Pfarrer in Geretsried

gen an mich ganz persönlich ahne ich ein klein wenig, was es bedeutet, voll zu sein von entsetzlichen Bildern, die sich unauslöschlich eingebrannt haben und der Schädel deshalb am Zerplatzen ist. Was es bedeutet, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht, keine Ahnung habe, ob meine Frau, die Kinder noch leben oder ob ich einen Aufenthaltsstatus bekomme.

Aber immerhin: Die ständige Lebensgefahr besteht nicht mehr. Ich muss nicht mehr zuschauen, wie neben mir Frauen vergewaltigt werden, ich sehe nicht mehr Menschen sterben, es gibt keine Polizisten, die bestochen werden müssen. Und jemand sagt mir wenigstens, wo der nächste Arzt ist oder das Rathaus.

Diese Fluchtgedanken zeigen mir aber auch, dass Flucht keine Antwort und keine Lösung ist. Denn immer wenn wir uns wünschen, aus Angst vor etwas oder jemandem zu fliehen, oder es tatsächlich tun, werden wir von diesem, was auch immer es sei, auf unserem Weg verfolgt und wieder eingeholt. Bei all diesen Fragen habe ich auch Politiker vor Augen. Die Quelle ihrer Angst sind nicht Bomben oder Not, sondern die Macht. Deshalb fliehen sie hinein in die Lebenslüge der Parolen und Stahlzäune. Aber auch für die Politiker gilt: Die Flucht vor einem Problem ist ein Rennen, das man nie gewinnen kann. 

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