Vom Rand ins Rampenlicht: Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude näher zu betrachten. Heute zeigt Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl die Kunst im Rathaus.
Geretsried – Manche kommen ins Rathaus, weil der Stadtrat ein interessantes Thema behandelt. Andere geben einen Antrag im Bauamt ab. Doch die meisten setzen ihren Fuß wohl in die Behörde, weil ihr Personalausweis oder Reisepass abgelaufen ist. Die Geretsrieder Stadtverwaltung hat aber eigentlich viel mehr zu bieten als Papierkram: Das Rathaus beherbergt verschiedene Kunstgegenstände. Wenn man so will, ist es ein kleines Museum, eine kleine Galerie.
Gleich im Eingangsbereich begrüßt Karl Lederer jeden, der das Gebäude am Karl-Lederer-Platz 1 betritt. Auf dem Porträt von Ludwig Maurer-Franken trägt Geretsrieds erster Bürgermeister einen schlichten Anzug, hat die linke Hand in die Hosentasche gesteckt und blickt den Betrachter abwartend an. Das Kunstwerk befindet sich in Gesellschaft zweier Gedenksteine. Sie erinnern an die Vertreibung deutscher Frauen und Männer aus Pusztavám sowie aus dem Sudetenland. Die zwei Skulpturen darunter bekam die Stadt von der französischen Partnerstadt Chamalières geschenkt. Die drei kleineren Wappen neben dem großen von Geretsried stehen für die Schwesternstädte: Auch in Neutraubling, Waldkraiburg und Traunreut fanden Vertriebene nach dem Krieg eine neue Heimat.
„Man kann die Kunst im Rathaus in drei Kategorien einteilen“, erklärt Anita Zwicknagl vom Kulturamt. Einige betreffen die Stadtverwaltung selbst, andere sind Gastgeschenke und viele sind Werke, die die Stadt selbst gekauft oder als Leihgabe erhalten hat. In letztere Kategorie fällt „Harlekin“, der Bronzeguss von Hans Kastler. Die eindrucksvolle Skulptur steht während der Bauphase neben der Rathaustreppe. „Sie ist eigentlich für außen bestimmt“, erklärt Zwicknagl.
„Harlekin“ neben der Rathaustreppe
Die studierte Volkskundlerin, die seit 1999 im Rathaus arbeitet, kennt sich am besten aus mit den Werken, die es im Rathaus zu entdecken gibt. Sie platziert diese in Absprache mit Bürgermeister Michael Müller in den Fluren und an den Wänden. Die Kombination von Rathaus und Kunst hält sie für wichtig, „damit man neben der schnöden Bürokratie auch etwas für die Bildung hat“, sagt Zwicknagl. Außerdem würden die Werke zur Kommunikation anregen.
Bei den Skulpturen von Hans Kastler ist deutlich zu erkennen, was sie darstellen. Wie zum Beispiel bei den kleinen Gorillas, die im ersten Stock neben anderen Werken des Eurasburger Künstlers stehen. Bei den abstrakten Bildern, darunter eine Auftragsarbeit des Künstlers und Stadtrats Volker Witte, die das Büro des Bürgermeisters schmückt, ist die Interpretation schwieriger. „Man darf mich immer gerne ansprechen, oder auch direkt mit den Künstlern ins Gespräch kommen“, so Zwicknagl.
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Apropos Bürgermeisterbüro: Hier muss in der wöchentlichen Sprechstunde niemand weiße Wände anstarren. Neben Wittes Werk – es stellt Geretsried dar – hängt dort ein Gemälde von Gelting, eine Zeichnung von Hans Kastler sowie weitere bunte Augenfänger. Das neueste Meisterstück: das Geretsrieder Rathaus in der Interpretation von Julius, der diesen Beitrag beim Kindermalwettbewerb zum Thema Heimat eingereicht und anschließend dem Bürgermeister geschenkt hat.
Der Korridor im ersten Stock, in dem sich die Holzskulpturen von Hans Kastler aufreihen, ist zu den Öffnungszeiten des Rathauses zugänglich. An den Wänden dürfen Künstler ausstellen. „Ich finde es ganz wichtig, dass es niederschwellige Ausstellungsmöglichkeiten gibt“, erklärt Zwicknagl.
Die Stadt ist auch selbst Kunstsammlerin. Im Rahmen der Kulturpreisverleihungen – Fotos der Preisträger hängen im Aufgang zum Sitzungssaal – sowie bei Ausstellungen werden immer wieder Kunstwerke erworben. Beim Kulturherbst kaufte die Kommune etwa das Gemälde „Mutter mit Kind“ von Elisabeth von Biron, das eine Frau mit Kopftuch zeigt, die in Geretsried lebt. Es hängt im Treppenhaus zum ersten Stock. Andere Werke sind außerhalb des Rathauses im Stadtgebiet zu sehen. Wie berichtet soll sich einmal eine Kunstmeile durch Geretsried ziehen.
Eine „Sanduhr“ und andere Geschenke
Bei einer Besichtigung des Rathauses begegnen einem immer wieder Skulpturen, die die Freunde aus Chamalières mitgebracht haben. Ganz neu ist die „Menschliche Sanduhr“ des Künstlers Alain Marlet zum 35. Geburtstag der Städtepartnerschaft. Zehn Jahre zuvor schenkten die französischen Besucher die Skulptur der Freundschaft von Thierry Coutadon. Übrigens: Geretsried hat im Gegenzug noch keine Kunstwerke verschenkt, sondern „meist Produkte aus der Region, unser Wappen oder auch ein geschmiedetes Edelweiß als Anstecknadel“, erinnert sich Zwicknagl.
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Städte schenken sich gegenseitig viel. Solche – eher nichtkünstlerischen – Präsente sind in der Vitrine im ersten Stock zu finden – von Tellern über Münzen bis hin zu einem Schiff und einem Pulli. „Ich finde es sehr opulent, was wir immer geschenkt bekommen. Das nehmen wir dankend an“, sagt Zwicknagl. Auch wenn für die Kunst noch ein bisschen Platz ist auch an den Wänden und in den Gängen des Rathauses ist, hätte sie einen Wunsch: „Ein eigener Ausstellungsraum wäre super.“ sw