VonMagdalena Höcherlschließen
Die 72 Wohnungen an der Egerlandstraße 58 bis 74 müssen geräumt werden, weil die Baugenossenschaft die Häuserzeile abreißen und neu bauen will. Judit Molnar und Valentin Schimek sind zwei der letzten Mieter. Sie verlieren nicht nur ihre Wohnung, sondern ein Stück Heimat.
Geretsried – Eine kleine Wohnung im Erdgeschoss, zwei Zimmer mit Balkon: Seit 30 Jahren wohnt Valentin Schimek an der Egerlandstraße 64. Die Hälfte seines Lebens hat der 60-Jährige in dem 1950er-Jahre-Bau mit den gelben Eternitplatten verbracht. Doch nun ist Schluss. Im Zuge der Zentrumsneugestaltung will die Baugenossenschaft die Häuserzeile 58 bis 74 abreißen, um dort einen Neubau zu errichten. Die langjährigen Mieter müssen raus – und sollen in anderen Stadtteilen ein neues Zuhause finden.
Valentin Schimek und seine Nachbarin Judit Molnar bewohnen zwei der 29 Wohnungen, die noch nicht verwaist sind. „Wir sind die letzten Mohikaner“, sagt Judit Molnar und bemüht sich um ein Lächeln. An diesem Tag sitzen beide, wie so oft, auf der Bank vor der Häuserzeile in der Sonne und sprechen über das, was ihnen bald bevorsteht. Der Umzug beschäftigt sie sehr. „Seit etwa einem Jahr, seit wir wissen, dass wir raus müssen, geht mir das jeden Tag im Kopf rum. Grausam ist das“, sagt Schimek. „Als die Kündigung kam, ging es mir sehr schlecht.“ Die eigene Wohnung, das lieb gewonnene Zuhause zu verlassen, ist nicht einfach.
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Schimek tut sich besonders schwer. Er hat die Glasknochen-Krankheit, sitzt in einem motorisierten Rollstuhl. Er sorgt sich, ob die neue Wohnung für seine Bedürfnisse ausgelegt ist. Bereits eine niedrige Stufe ist eine Hürde für ihn. „Erst hat mir das Landratsamt einen Platz in einem Pflegeheim angeboten“, erzählt Schimek. „Aber in so eins gehe ich auf keinen Fall, ich bin ja noch nicht alt.“
Seine größte Unterstützung ist Rehpinscher-Hünding „Wendy“, die ihn seit neun Jahren begleitet. „Und „Wendy“ nehme ich auch mit – egal, was kommt“, sagt Schimek. Er ist einer der Mieter, die einen Wohnberechtigungsschein für den Neubau an der Siebenbürger Straße erhalten haben. Sie sind die letzten, die umziehen müssen.
Seine Nachbarin Judit Molnar, die seit 16 Jahren im Haus mit der Nummer 60 lebt, muss ihre 55-Quadratmeter-Wohnung früher verlassen. Im November zieht sie an den Johannisplatz, aus zwei Zimmern wird eins. „Von einem Teil der Möbel muss ich mich trennen“, sagt die 47-Jährige. Absolut nicht trennen will sie sich von „Whisky“, ihrer rot-weiß gefleckten Katze. „Selbst, wenn in der neuen Wohnung keine Tiere erlaubt sind. Ich schmeiß’ sie doch nicht einfach weg“, sagt Molnar mit Nachdruck.
Den Umzug selbst fürchten Molnar und Schimek am meisten. „Den müssen wir selbst stemmen – und das kostet bestimmt 600 bis 700 Euro“, sagt Molnar. Da helfe es auch nicht, dass ihnen die Baugenossenschaft die letzte Monatsmiete an der Egerlandstraße schenke. Trotz allem versuchen die beiden Nachbarn, halbwegs optimistisch zu sein. „Hilft ja nix“, sagt Schimek und zuckt mit den Schultern. „Es wird schon irgendwie.“ Das Leben in ihrem Zuhause wollen sie genießen, so lange es geht. Die letzten Mohikaner bleiben tapfer. mh
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