Serie: Vom Rand ins Rampenlicht

Wenn die Rathausglocke läutet

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Ein Blick in den Glockenturm: Eine Uhr aus dem Schwarzwald gibt den Takt vor.

Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude näher zu betrachten.  Heute: die Rathausglocke.

Geretsried – Halb zwölf. Zwei helle Glockenschläge erklingen. Nicht vibrierend wie von einer Kirchturmuhr, aber deutlicher als das Läuten einer Standuhr in der Nachbarwohnung. Viertelstündlich gibt die Rathausglocke an, wie viel Uhr es ist. Die silbernen Schläge schallen gedämpft über den Karl-Lederer-Platz und etwas lauter durch die Stadtverwaltung.

Die Töne kommen aus dem Turm, der sich inmitten des Rathauses gen Himmel streckt. Wer einen Blick hinter die fenstergroße Uhr über dem eisernen Schriftzug „Rathaus“ werfen will, muss die Stufen bis ins Dachgeschoss hinaufsteigen. Der Weg führt durch eine Tür rechts vom Sitzungssaal, vorbei an den kleinen Saft- und großen Wasserflaschen, die den Mandatsträgern zu den Debatten serviert werden, durch einen schmalen Gang. Ein Schritt nach links und es kann wieder ausgeatmet werden – das Ziel ist erreicht.

Unter dem hölzernen Dachstuhl steht das gute Stück. Ein grauer Metallschrank, dessen Scheiben den Blick auf Uhr und Uhrwerk freimachen. Zwei Drahtseile führen hinauf zu den beiden Glocken, auf die die Mittagssonne durch die runden Fenster scheint. Inzwischen zeigt die Uhr 11.4 Uhr.

Die Uhr kommt aus dem Schwarzwald

Die vollautomatische Turmuhranlage mit einfachem Viertel- und Stundenschlag sowie den beiden Bronzeglocken wurde im Jahr 1961 geliefert und montiert. Ein Schild erinnert an den Hersteller: Turmuhren und Glockentechnik Schneider in Schonach.

Das Unternehmen besteht seit 1862 in der Gemeinde im Schwarzwald und konstruierte unter anderem eine Turmuhr in der Stadt Parana in Argentinien, die auf elektrischem Wege 120 weitere Uhren im Stadtgebiet steuerte, sowie ein Glockenspiel für eine Basilika im mexikanischen Guadalupe. „Im eigentlichen Sinne ist jeder Auftrag für die Firma eine individuelle Neukonstruktion, die konstruktiv den verschieden gearteten Verhältnissen und Erfordernissen angepasst werden muss, obwohl serienmäßig hergestellte Bauelemente wie Antriebsmotoren, Seilzüge, Umlenkgetriebe et cetera dabei Verwendung finden“, heißt es im Heimatjahrbuch Schwarzwald-Baar-Kreis von 1992.

Seit dieser Zeit – den 1990er Jahren – läuft das Uhrwerk elektrisch. Die etwa 70 Kilo schwere Glocke mit 490 Millimeter Durchmesser schlägt zuverlässig im Ton as, die etwa 38 Kilo schwere Glocke mit 390 Millimeter Durchmesser in c. Zur Wartung muss niemand mehr die Treppen hinauf und durch den schmalen Gang steigen. Sie wird von der Firma Frühwirt aus Geretsried per Funk gesteuert. Jetzt aber schnell hinaus aus dem Glockenturm, bevor den Ohren das letzte Stündlein schlägt.

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