„Am liebsten aber ging ich in den Keller.“

Aufgewachsen im Geretsrieder  Rathaus: So erlebte Gabriele Klier ihre Kindheit

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Aus dem Familienalbum: Gabriele Klier und ihr Bruder spielen mit Hund Blacky

Als Rechnungsprüferin geht Gabriele Klier jeden Tag ins Rathaus. Tatsächlich ist es aber irgendwie auch ihr Zuhause: Sie ist seit 56 Jahren fest mit dem Gebäude verbunden. In unserem Gastbeitrag erzählt sie von ihren Kindheitserinnerungen.

Vom Rand ins Rampenlicht: Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude inmitten der Großbaustelle am Karl-Lederer-Platz in einer Serie näher zu betrachten – seine Geschichte, seine Gegenwart und seine Zukunft. Heute erzählt Gabriele Klier, die Rechnungsprüferin in der Stadtverwaltung ist, in einem Gastbeitrag von ihrer erlebnisreichen Kindheit im Rathaus.

Geretsried – „Ich wurde im April 1957 geboren und lebe seither in Geretsried. Meine Familie war sowohl musikalisch, als auch feuerwehrtechnisch schon immer eng mit der Stadt verbunden. Mein Großvater, Pepi Klier, war Kapellmeister der Stadtkapelle, mein Onkel, Ernst Schwägerl, war neben seiner Tätigkeit als Bauhofleiter auch Kommandant der Geretsrieder Feuerwehr, mein Vater, Helmut Klier, war Kreisbrandmeister und der Cousin meiner Mutter, Roland Blohberger, dort Gerätewart. Ich selbst bin jetzt seit 1962, also seit 56 Jahren, fest mit dem Geretsrieder Rathaus verbunden.

Und das begann damit, dass mein Opa, Franz Schwägerl, zusammen mit meiner Oma Anna in die Hausmeisterwohnung im Rathaus einzog, um dort als Hausmeister für Ordnung zu sorgen. Mein Bruder und ich waren begeistert. Neben dem großen Garten (heute Biergarten) stand uns der ganze Umgriff ums Rathaus als Spielplatz zur Verfügung. Ich möchte nicht wissen, wie oft die Angestellten gelacht haben, wenn ich angetan mit einem langen Kleid und viel zu großen Stöckelschuhen (beides von meiner Tante Anna) mit meinem Puppenwagen über den Rasen hinter dem Rathausparkplatz spaziert bin.

Die Puppe rief die Polizei auf den Plan

Apropos Puppenwagen: Da gibt es eine schöne Geschichte. Als ich etwa elf Jahre alt war, bekam ich zu Weihnachten eine lebensgroße Babypuppe. Die hatte meine alten Strampler an und Mama hatte ihr eine hübsche Ausfahrgarnitur aus Jäckchen, Mütze und Schuhen gestrickt. Dazu durfte ich unseren alten Kinderwagen benutzen. Damals war in den Räumen, in denen heute das Bauamt untergebracht ist, noch die Polizei. Ich stand also mit meinem Wagen im Hof und hatte meine Puppe auf dem Arm, als einer der Polizisten vorbei kam. Er rief ganz aufgeregt, ,Mein Gott Kind, lass bloß das Baby nicht fallen.‘ Das war echt lustig.

Dort wo heute das Restaurant der Ratsstuben ist, waren früher die Garagen und die Werkstatt meines Opas. In einer der Garagen hatte er sein selbst gebautes Sägeauto. Das war ein uralter Pritschenwagen, auf dem er und sein Freund eine Kreissäge angebracht hatten. Da damals fast jeder mit Holz heizte, fuhren sie am Wochenende zu den Leuten, um ihnen das Holz zu sägen. Manchmal durften wir mitfahren und helfen, das Holz aufzuschichten. Dafür bekamen wir dann ein Eis im Café Dagmar. Ich war gerne in der Werkstatt. Da Opa ja auch bei den Stadtwerken arbeitete, waren da neben den Werkzeugen auch immer große Hanfbündel, um Rohre abzudichten. Die konnte man so toll flechten. Leider fanden die Stadtwerkearbeiter das gar nicht lustig.

Hier hing früher ihre Schaukel: Gabriele Klier zeigt die beiden Bäume, zwischen denen sie früher schaukelte und die heute im Biergarten der Ratsstuben Schatten spenden.

Rechts vom Eingang der Ratsstuben stehen zwei große Bäume. Hier war meine Schaukel. Da konnte ich wunderbar träumen, dass ich eine Prinzessin oder eine große Artistin, wie in der Fernsehserie ,Salto Mortale‘, bin. Außerdem stand dort hinten auch der Zwinger mit dem Polizeihund ,Rex‘. Leider durften wir mit dem nicht spielen, aber besucht haben wir ihn immer.

Der eingezäunte Bereich am Karl-Lederer-Platz ist so groß wie nie: Am Karl-Lederer-Platz entsteht die „Neue Mitte“ mit Zentralgarage. Wir haben Zahlen und Fakten zur Großbaustelle.

Da im Rathaus schon immer auf Ökologie geachtet wurde, gab es für die Grünabfälle einen großen Misthaufen. Da haben mein Bruder und ich fleißig Würmer gesammelt, damit mein Vater und mein Onkel Köder zum Angeln hatten. Meine Mutter und Oma haben gequiekt, als wir mit beiden Händen voller Würmer in die Küche kamen.

In der Kasse gab es einen roten Knopf

Am schönsten war es aber, wenn ich mit ins Rathaus durfte. Das war alles so aufregend. Die Büros, der Sitzungssaal und besonders das Trauungszimmer mit dem tollen Kristalllüster. Manchmal durfte ich mithelfen abzustauben. ,Aber dass du alles wieder genau so hinlegst, wie es war‘, hieß es dann. Ich war immer ganz vorsichtig. In der Kasse, die damals noch in dem kleinen Anbau untergebracht war, musste man besonders aufpassen, dass man nicht auf den Rufknopf für die Polizei getreten ist.

Am liebsten aber ging ich in den Keller. Da war es so schön gruselig. Wenn man über die Kabelschächte gelaufen ist, hat das so komisch gehallt und geklackert. Man konnte sich richtig vorstellen, dass da wilde Trolle und andere Ungheuer lauerten. Der Heizungskeller war aber das Allerbeste. Dort standen zwei riesige Brennöfen, mit denen das Rathaus beheizt wurde. Oben links war das große Kokslager. Hier musste man den Koks in eine Lore schaufeln, dann fuhr man über eine kleine Rampe hinunter zu den Öfen, öffnete die großen Türklappen, die mich immer an das Maul eines Drachen erinnerten, und musste den Koks dort hineinschaufeln. Das war eine ganz schöne Plagerei. Außerdem musste man immer darauf achten, dass man rechtzeitig wieder nachlegte, damit die Öfen nicht ausgingen und es alle schön warm hatten. Hier habe ich so manche Lore befüllt.

Lesestoff gab es aus der Rathaus-Bücherei

Ja, es gab viel zu tun hier im Rathaus. Der Außenbereich musste ja auch gepflegt werden. Damals kam nicht der Bauhof, um das mit seinen Geräten zu machen, hier mussten meine Großeltern von Hand mähen, kehren und im Winter Schnee räumen. Da hieß es früh aufstehen, dass bis 8 Uhr alles fertig war. Wir Kinder haben oft geholfen, die Gräser und das Unkraut zwischen den Pflastersteinen auszuzupfen, denn meine Oma legte großen Wert auf ein ordentliches Erscheinungsbild.

Hereinspaziert: Mit etwa 15 Jahren posiert Gabriele Klier vor dem Rathaus. Wenig später beginnt ihre Ausbildung.

Samstag war immer großes Familientreffen bei Oma. Da saßen dann alle bei Kaffee und Kuchen, hörten Musik, erzählten und bastelten oder machten andere Handarbeiten. Um 15 Uhr gingen wir dann gemeinsam in die Bücherei, um uns neuen Lesestoff zu holen. Die war damals noch in den drei Büros, wo heute die Bautechnik und der Tiefbau untergebracht sind, und nur an zwei Abenden und am Samstag geöffnet. Ganz rechts waren die Kinder- und Jugendbücher, in der Mitte gab es Sachbücher und die Tische von Herrn Stöer und Fräulein Böhm, die die Bücherei ehrenamtlich leiteten und links waren die Romane für Erwachsene. Bis die Bücherei dann in den Konheiser Pavillon umzog, hatte ich, glaube ich, so ziemlich alle Bücher einmal gelesen.

In Geretsried gibt es eine neue Sportart: Padel-Tennis

Eines Tages brachten uns Polizisten einen kleinen, wuscheligen, schwarzen Welpen, den sie gefunden hatten. Der musste natürlich bleiben. Wir haben ihn Blacky getauft und dachten, er wird ein Pudelmischling. Wie sich dann aber herausstellte, war er ein ungarischer Hirtenhund und so verhielt er sich auch. Wir waren seine Herde und das Rathaus musste bewacht werden. Die Polizisten durften ihre Räder zwar an die Hausmauer anlehnen, aber wenn Blacky draußen war, durften sie sie nicht wieder wegnehmen. Da haben sie manches Mal verzweifelt nach meiner Oma gerufen. Wenn mein Opa mal im Wirtshaus war, hat er ihn auch nicht in die Wohnung gelassen. Den Geruch von Alkohol konnte Blacky absolut nicht leiden. Wenn wir im Garten waren und Oma zu ihm sagte: ,Hol mal die anderen‘, dann kam er runter, umkreiste uns und trieb uns ins Treppenhaus. Er war schon ein kluger Hund. Er war als Welpe ein einziges Mal bei uns am Karl-Lederer-Platz 11, aber als meine Oma Jahre später in der Waschküche gestürzt ist und bewusstlos dalag, kam er zu uns rübergerannt und bellte so lange, bis wir mit ihm gegangen sind. Obwohl er so ein lieber Hund war (ich durfte sogar aus seinem Scherben Frolic naschen) nahm er seine Pflichten leider irgendwann zu genau und biss zweimal Leute, die seiner Meinung nach zu nahe am Rathaus vorbeigegangen sind. Daraufhin mussten meine Großeltern ihn auf Verlangen der Polizei einschläfern lassen. Das war schrecklich. Ich vermisse ihn heute noch.

Die Waschküche war ein Raum hinter den Garagen. Da standen eine große Steinwanne und ein Ofen mit einem großen Wasserbehälter, um das Waschwasser zu erhitzen. Dann wurde die Wäsche in der Wanne eingeweicht und mit der Wäscherumpel gewaschen. Gott sei Dank hatte Oma schon eine Schleuder, da war die Wäsche wenigstens nicht mehr so nass. Damals war Wäschewaschen noch Schwerarbeit. Die Waschmaschine ist eine wunderbare Erfindung.

Es war eine wunderschöne Kindheit hier im und ums Rathaus. Nachdem mein Opa am 3. September 1969 während seiner Mittagspause einem Herzinfarkt erlegen ist, versuchte meine Oma mit unserer Hilfe noch über ein Jahr, alles alleine zu stemmen. Da sie inzwischen aber schon Mitte sechzig war, konnte sie es nicht mehr schaffen und zog Ende 1970 aus. Ich bin dem Rathaus aber weiter treu geblieben und habe 1973 hier meine Ausbildung zur Verwaltungsbeamtin begonnen. Am 1. September 2018 werden es jetzt 45 Jahre, dass ich hier beschäftigt bin. Davon war ich fast 41 Jahre in der Kämmerei tätig und bin von der frisch ausgebildeten Sachbearbeiterin bis zur Fachbereichsleiterin Finanzen aufgestiegen. Aus gesundheitlichen Gründen wurde ich im Oktober 2017 in die Rechnungsprüfung versetzt und werde voraussichtlich am 30. Juni 2019 in Pension gehen.“

Die Erinnerungen von Gabriele Klier sind Teil unserer Serie „Das Rathaus im Rampenlicht“. 

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