Anregungen für ein fußgängerfreundliches Zentrum holten sich die Geretsrieder Grünen bei ihrem jüngsten Treffen in den Ratsstuben von einem Fachmann. Der Münchner Paul Bickelbacher ist Stadt- und Verkehrsplaner, Grünen-Stadtrat sowie Mitglied im Verein „Fuss“ sowie im Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC).
Geretsried – „Walkability“ überschreibt Bickelbacher seine Vorträge, in denen er Politikern und interessierten Gruppierungen aufzeigen möchte, wie sie ihre Ortsmitten attraktiver für Spaziergänger, Radfahrer, Inlineskater und andere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer machen können.
Vorbilder gibt es genügend, wie Fotos aus dem holländischen Groningen, einer der fahrradfreundlichsten Städte Europas, vom Flanier-Paradies Zürich sowie von den Fußgängerzonen in Memmingen und München zeigten. Immerhin 60 Prozent aller täglichen Wege sind Bickelbacher zufolge kürzer als fünf Kilometer. Damit diese per pedes, zu Fuß zurückgelegt würden, müssten die Voraussetzungen stimmen: viele Geschäfte an einem Platz und ein attraktiver öffentlicher Raum mit wenigen oder gar keinen Autos. Die Chance, diesen Raum attraktiv und fußgängerfreundlich zu gestalten, haben die Geretsrieder derzeit mit der Umgestaltung des Karl-Lederer-Platzes und der Egerlandstraße.
Die Gehwege sollten mindestens 2,50 Meter breit, sauber und mit einem glatten Belag versehen sein, sagte der Referent, auch im Sinne der Barrierefreiheit. Ein gelungenes Beispiel sei die Sendlinger Straße. Sollte sich die Stadt Geretsried entscheiden, Autos im Zentrum weiterhin zuzulassen, rät Bickelbacher zum „shared-space“-Modell. Ohne viele Schilder gilt dabei die einfache Regel, dass Fußgänger und Radfahrer Vorrang vor den Autos haben. Ähnliche Lösungen seien der verkehrsberuhigte Bereich – bisher eher in Wohngebieten verbreitet – und die „Begegnungszone“, eine Schweizer Besonderheit. Der Grünen-Stadtrat empfiehlt Mittelinseln oder Zebrastreifen auf den Fahrbahnen, sowie Poller, um in bestimmten Bereichen das Parken zu verhindern. Von Ampeln rät er eher ab, da sie den Verkehrsfluss bremsen und die Rücksichtnahme der Autofahrer vermindern würden. „Für Kinder und Sehbehinderte ist das natürlich ein Nachteil“, räumte Bickelbacher ein.
Grünen-Stadträtin Beate Paulerberg sprach sich in der Diskussion – wie schon ihr Freie-Wähler-Kollege Lorenz Weidinger vor einigen Tagen – für eine komplett autofreie Innenstadt aus. Alle Fahrzeuge sollten in der Tiefgarage parken. Dadurch würde man Aufenthaltsflächen erhalten, die man mit Trinkbrunnen, Sitzbänken und ähnlichem aufwerten könnte.
Nikolaus Wiedemann, ehemaliger ADFC-Vorsitzender im Landkreis, meinte, im Moment könne man auch nicht durch das Zentrum fahren, was zwar zu mehr Verkehr auf der B11 führe, aber „im Großen und Ganzen ohne großes Wehklagen“ akzeptiert werde.
Grünen-Stadtrat Dr. Detlev Ringer erinnerte daran, dass das geplante Neubaugebiet auf dem ehemaligen Lorenz-Areal optimal ans Zentrum angebunden werden müsse. Im Hinblick auf die gewünschten kurzen Wege bedauerte er, dass der Aldi-Markt von der Banater an die Egerlandstraße ziehen wird.
Den Geschäftsleuten, die einer Verringerung oberirdischer Parkplätze und einer Fußgängerzone kritisch gegenüberstehen, sagt Bickelbacher: „Alle Städte, die sich für fußgängerfreundliche Lösungen entschieden haben, sind wirtschaftlich erfolgreicher als zuvor.“
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Tanja Lühr