Glaube und Gewalt, Krieg und Christentum – wie geht das zusammen? Diese Frage war Thema beim Erzählcafé mit Stadtpfarrer Andreas Vogelmeier.
Geretsried – Alle Welt blickte gespannt auf Deutschland: Wird Bundeskanzler Scholz Leopard-Panzer an die Ukraine liefern oder nicht? Mittlerweile ist die Entscheidung gefallen. Mit diesem hochaktuellen Thema beschäftigte sich auch jüngst das Erzählcafé des Kreisbildungswerks (KBW) in der katholischen Pfarrei Heilige Familie. Überbegriff der Veranstaltung in Geretsried war „Im Frieden leben“.
Geretsrieder Pfarrer Andreas Vogelmeier beantwortet Fragen zu Krieg und Panzerlieferungen
Glaube und Gewalt, Krieg und Christentum – wie geht das zusammen? Roland Gruber, neuer theologischer Referent des KBW, befragte dazu Geretsrieds Stadtpfarrer Andreas Vogelmeier – ein spannender Gesprächspartner, denn der 51-Jährige war von 2008 bis 2020 Militärseelsorger, davon zwei Jahre Militärdekan. Vogelmeier betreute Bundeswehrsoldaten im Kosovo, im Irak und in Afghanistan.
Der Einsatz am Hindukusch 2011 sei der härteste gewesen, sagte er. Wegen seiner Erlebnisse dort fiel Vogelmeier manche Antwort nicht leicht. Als Moderator Roland Gruber wissen wollte, wie sehr den ehemaligen Militärpfarrer der russische Angriffskrieg auf die Ukraine treffe, merkte man Vogelmeier die persönliche Betroffenheit an. „Das Thema trifft mich innerlich sehr. Im Unterbewusstsein sind Dinge aus meinen Einsätzen wohl noch präsenter, als ich dachte.“
Als ehemaliger Militärseelsorger sammelte Andreas Vogelmeier Erfahrungen im Kosovo, Irak und Afghanistan
Ein katholischer Priester sollte doch für Frieden stehen. Wie könne er da „ins Feld ziehen?“, fragte Gruber weiter. Und vor allem: Ist ein bewaffneter Konflikt für den Stadtpfarrer ein rechtmäßiges Mittel? Vogelmeier wählte seine Worte mit Bedacht: Unter bestimmten Voraussetzungen sei Krieg legitim. Das ist auch der Ausdruck, den die Deutsche Bischofskonferenz verwendet. Von einem „gerechten Krieg“ will der 51-Jährige nicht sprechen. Aber: „Es gibt auch Situationen, in denen es ein größeres Unrecht wäre, nicht einzugreifen.“ Waffengebrauch anstelle von Verhandlungen müsse immer die „Ultima Ratio“ sein.
Ziel müsse die Wiederherstellung des Friedens sein. Es müsse Aussicht auf Erfolg bestehen. Die Zivilbevölkerung zu schützen, besitze oberste Priorität. Seinen Soldaten, so Vogelmeier, habe er stets mit auf den Weg gegeben, dass die Waffe das letzte Mittel sei und dass das Töten nach einem Gefecht zu Ende sein müsse. Ergebe sich der Feind offensichtlich durch Händeheben oder andere Zeichen, dürfe nicht mehr geschossen werden. Der Pfarrer sagte, er wisse, dass man als Soldat, auch als Christ, in Grenzsituationen anders reagieren könne.
Waffenlieferung in die Ukraine: So steht Geretsrieder Stadtpfarrer Andreas Vogelmeier dazu
Zu Grubers Einwand wegen der Panzerlieferungen an die Ukraine – Deutschland und Europa hätten sich doch jahrzehntelang um Abrüstung bemüht – meinte Militärexperte Vogelmeier: Man habe sich schon lange weit von Abrüstung entfernt. „Waffenlieferungen sind die einzige Chance für das Land, sich zu verteidigen.“ Von den Amerikanern habe der ukrainische Präsident Selensky im Übrigen viel schwerere Waffen erhalten als die deutschen Kampfpanzer.
Die Kritik eines Zuhörers am russisch-orthodoxen Kirchenvorsteher Kyrill I., der den Angriffskrieg Russlands rechtfertigt, teilte der Stadtpfarrer. Der Geistliche sei „unheilvoll“ sagte er. Gleichzeitig verstehe er, dass Papst Franziskus ihn nicht offen verurteilen könne, da er weiterhin Gespräche mit ihm führen wolle.
Pfarrer ruft zu Frieden mit uns selber und untereinander“ auf
Vom Frieden, so die düstere Prognose Andreas Vogelmeiers, sei man aktuell „weiter entfernt denn je“. Die Demokratie befinde sich weltweit auf dem Rückzug. Autokratien und Diktaturen würden zunehmen. Der Seelsorger rief zumindest „zum Frieden mit uns selber und untereinander“ auf. Die Zuhörer nannten viele Beispiele, wie das gelingen könnte. Einige von ihnen kümmern sich um Ukraine-Flüchtlinge, andere organisieren Spendentransporte. Den Abend abschließend betete man gemeinsam für den Frieden.
Tanja Lühr
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