VonPatrick Staarschließen
Pflege-Dienstleister haben an allen Ecken und Enden mit Problemen zu kämpfen. Auf der einen Seite gibt es immer mehr alte Menschen. Auf der anderen Seite ist es schwierig, genügend motiviertes und qualifiziertes Pflege-Personal zu finden.
Bad Tölz – Über Auswege aus diesem Dilemma diskutierten rund 20 Experten aus dem Landkreis mit Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) im Gebäude der Tölzer Tagespflege.
Die gelernte Kinderkrankenschwester Heike Bruns sprach Probleme mit der Bezahlung an. Die Tariflöhne seien „gar nicht so schlecht“. Das Problem sei aber, dass viele Krankenhäuser im Rahmen der Privatisierung aus dem Tarif aussteigen: „Sie machen Haus-Tarifverträge, mit der Folge, dass die Leute deutlich weniger verdienen.“ Die entstehenden Lücken würden mit Hilfskräften aufgefüllt. Man müsse daher über Fachkraft-Quoten wie in Altenheimen nachdenken: „Es kann nicht sein, dass eine Hilfskraft eine ganze Station schmeißt. Und das kommt vor.“
Vor Quoten in Krankenhäusern schreckt Huml jedoch zurück. „Es ist nicht verkehrt, Richtlinien einzuführen, aber man muss aufpassen, dass die Richtlinien ihren Zweck erfüllen. Es kann auch sinnvoller sein, die Leute nach den Verhältnissen vor Ort entscheiden zu lassen.“ Es sei alles eine Frage der Bezahlung, befand Bruns. „Wenn ein Träger einen Pool an zusätzlichen Mitarbeitern bezahlt bekommt, wird er sich kaum weigern, ihn vorzuhalten.“ Geld sei nicht das Problem, entgegnete Huml: „Die Frage lautet eher: „Wo bekommen wir die Leute her?“ Der Bund habe ein Programm zur Ausweitung der Pflegestellen aufgelegt – „und das ist nicht ausgeschöpft worden“.
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Ingrid Krafft-Otto, Leiterin der Tölzer Tagespflege, sieht in der allzu intensiven Personalsuche auch eine Gefahr „Wir bitten Leute darum, Aufgaben zu übernehmen, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt.“ Ehe gar niemand zur Verfügung steht, würden Menschen im Hauruck-Verfahren binnen vier oder sechs Wochen ausgebildet: „Wir fürchten, dass es heißt: Pflege kann jeder machen. Aber Stopp. Pflege kann nicht jeder machen.“ Huml stimmte zu. Sie wolle daher nicht von der Fachkraft-Quote in Altenheimen abweichen, „weil das ein Qualitäts-Standard ist“.
Diskussionen gab es daneben vor allem um die sogenannte „generalistische Ausbildung“, ein Bestandteil des neuen Pflegeberufegesetzes. Alle Auszubildenden der Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege sollen demnach zwei Jahre lang eine gemeinsame Ausbildung erhalten. Im dritten Ausbildungsjahr wird dann ein Bereich vertieft. „Ich bin froh, dass man sich auf Bundesebene dazu durchgerungen hat“, sagte Huml. Bislang sei es einfach, von der Krankenpflege in die Altenpflege zu wechseln, der umgekehrte Weg sei aber kaum möglich. Es gebe keine Durchlässigkeit in beide Richtungen. Huml: „Das finde ich ungerecht. Ich glaube, dass sich die jungen Leute fragen, ob sie sich wirklich darauf festlegen wollen, ihr Leben lang in der Altenpflege zu arbeiten. Oder ob sie nicht doch irgendwann in die Krankenpflege wechseln wollen.“
Heike Bruns entgegnete, es sei klar, dass die generalistische Ausbildung mehr Flexibilität bedeute. Sie empfahl aber, nicht die Spezialisierung aus den Augen zu verlieren, „damit die Pflege-Qualität wieder passt“. An die Spezialisierung sei schon gedacht worden, antwortete Huml.
Das dritte Ausbildungsjahr sei ein Spezialisierungsjahr Es habe sogar Pläne gegeben, zu den drei Jahren generalistische Ausbildung eine viertes Spezialisierungs-Jahr hinzuzufügen: „Aber eine so lange Ausbildung würde die jungen Leute eher abhalten, in den Beruf einzusteigen.“
Sie stehe der Generalistik grundsätzlich „sehr offen“ gegenüber, sagt Bettina Emmrich, Leiterin des Tölzer Josefistifts. Was in der Ausbildung allerdings zu kurz komme, sei die Betreuung von Demenzkranken: „Das muss ein Schwerpunkt sein, denn das begegnet uns tagtäglich. Es ist eine der größten Herausforderungen unseres Berufs in der Zukunft.“ Dies bestätigte Huml: „Wir haben da einiges angestoßen, aber wir brauchen noch mehr.“
