Corona Krise

Heilbrunner Pfarrer jongliert und spricht dabei über Gott

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Beim Jonglieren greift Pfarrer Johannes Schultheiß schon mal zu ungewöhnlichen Gegenständen: Hier lässt er Klingelbeutel, Klobürste und ein Messer kreisen.
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Johannes Schultheiß, evangelischer Pfarrer in Bad Heilbrunn, ist derzeit täglich mit einem Video auf YouTube präsent. Bei vielen Gläubigen kommt das gut an.

Bad Heilbrunn Wackelig balanciert Pfarrer Johannes Schultheiß mit ausgebreiteten Armen auf einer Slackline, die er im Garten des evangelischen Gemeindehauses gespannt hat. Dann spricht er über Angst und darüber, wie der Glaube stützen und helfen kann, Angst zu überwinden. „Die Worte aus der Bibel sind alt, aber sie haben die Kraft, uns Halt zu geben“, sagt Schultheiß.

In einem anderen Video fährt er Einrad und philosophiert darüber, die Welt von oben zu sehen. In „Ein Leben lang wachsen“ zitiert der Pfarrer Martin Luther und jongliert mit den kuriosesten Gegenständen, vom Klingelbeutel bis zur Klobürste. Im jüngsten Video wagt Schultheiß sogar einen Weltrekord und versucht, mit zwölf Tennisbällen zu jonglieren.

All das ist kein reiner Nonsens, sondern hat einen tieferen, spirituellen Hintergrund. Es geht um Zuversicht und Hoffnung, aber auch um den Umgang mit dem Scheitern. Mit seinen kreativen Texten will Schultheiß in Zeiten der Corona-Pandemie, den damit verbundenen Ausgangssperren und den Kontaktverboten den Menschen Mut machen. Die Videos sind zwischen zwei und zwölf Minuten lang und sollen dem Zuschauer einen Impuls geben, über das eigene Leben, Verantwortung und Gemeinschaftsgeist nachzudenken – etwa, wie man „für den anderen ein Licht sein kann“.

„Früher hätte ich mich das nicht getraut“

Artistik war schon immer das große Hobby von Schultheiß. Der Pfarrer stammt aus Mittelfranken, wuchs auf einem Bauernhof auf und begann schon als Jugendlicher mit dem Training. Schultheiß kann mit Bällen, Keulen und Ringen jonglieren, er fährt Ein- und Hochrad oder geht auf der Slackline. Das alles regelmäßig zu üben, habe für ihn „etwas Meditatives“, sagt der 40-Jährige. „Dabei kann ich abschalten.“ Gleichzeitig entstünden dabei kreative Ideen.

Schultheiß ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern seit zehn Jahren in Bad Heilbrunn. Gelegentlich baut er auch kleine Kunststückchen in den Sonntagsgottesdienst ein oder spricht zu Kindern als Bauchredner mit „Gustl Gockel“. Zudem hat er die Handpuppe „Pfarrer Vorgestern“ entworfen, die wie der Gockel in das Video am Ostersonntag einbezogen wurde. Manche Szenen richten sich bewusst an Kinder, aber insgesamt gelingt es Schultheiß, sowohl die jüngere als auch die ältere Generation mit seinen Videos anzusprechen. Auf den T-Shirts, die er dabei trägt, steht zum Beispiel „Lieblingspfarrer“, ein Sinnspruch oder prangt ein kleines Gespenst in Anspielung auf „Geistlichkeit“.

Es geht um Zuversicht und Hoffnung 

Wäre er noch „ganz frisch“ in Bad Heilbrunn, hätte er sich nicht getraut, solche Videos im Internet zu veröffentlichen, gibt Schultheiß zu. „Sonst hätten die Leute schnell gedacht, der Pfarrer macht ja den ganzen Tag nichts anderes als zu jonglieren.“ Doch nach so vielen Jahren würden die Gläubigen ihn und sein besonderes Hobby kennen. Als die Corona-Pandemie begann und Gottesdienste, Hausbesuche und Gruppen-Treffen nicht mehr möglich waren, habe auch er nach neuen Wegen gesucht, die Gläubigen zu erreichen, und vor allem, ihnen Mut zu machen. Einen Gottesdienst zu streamen, habe er nach längerer Überlegung verworfen, denn: „Technisch sollten das Profis machen.“ Zudem sei das Format gewöhnungsbedürftig. „Die Wenigsten werden zu Hause mitsingen.“

Mit kleinen Kunststücken Mut machen 

Dann kam ihm die Idee mit den kurzen Videos. Schultheiß filmt sich selbst mit dem Handy auf einem Stativ. Das Video wird dann geschnitten und häufig mit Musik hinterlegt. „Das ist kein Hexenwerk“, sagt Schultheiß über den technischen Aufwand. Meistens drehe er mehrere Videos hintereinander. Derzeit gibt es täglich ein neues auf YouTube zu sehen. In Anlehnung an den Adventskalender will der Pfarrer einen „Passionskalender“ schaffen, in dem sich während der Ausgangsbeschränkungen und der Kontaktverbote täglich eine Tür öffnet, die den Menschen Mut macht.

Dafür bekommt der Geistliche sehr viele positive Rückmeldungen, auch von Kollegen. Die Zahl der Klicks ist unterschiedlich – mal sind es 100, mal 300. Eines seiner ersten Videos mit dem Titel „Systemrelevant“ wurde sogar 750-mal geklickt. Allerdings hat sich auch jemand anonym gemeldet, ihn als „blöden Poser“ bezeichnet und unsachlich beschimpft. Schultheiß will dem in einem seiner nächsten Videos „kreativ begegnen“.

Generell versuche er, „zeitlos“ zu sein und Corona nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Sich selbst bezeichnet Schultheiß als krisenresistent. Er habe früh beide Eltern verloren und Kraft im Glauben gefunden. Als Pfarrer sei man ständig mit dem Thema Tod konfrontiert. Er selbst habe ein „Grundvertrauen ins Leben“: „Ich spüre in der Welt Liebe und Solidarität“, sagt der 40-Jährige. Was ihm derzeit persönlich Mut mache, sei, dass jeder etwas für den Anderen tun wolle. „Das ist eine Erfahrung, die uns allen hoffentlich nach Ende der Pandemie gegenwärtig bleibt.“ Schultheiß spielt mit dem Gedanken, auch nach der Corona-Krise kleine Videos zu drehen und ins Internet zu stellen. „Aber dann sicher nicht mehr jeden Tag.“

Die Videos sind auf YouTube mit dem Stichwort „Pfarrer Johannes Schultheiß“ zu finden

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