Bei abendlicher Rundfahrt

„Ich hatte Todesangst“: Landwirt attackiert Penzberger Motorradfahrer mit Ampferstecher

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Vor dem Amtsgericht Wolfratshausen musste sich ein Bad Heilbrunner verantworten.
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Eine halbe Stunde habe er zugehört, „wie er da rumgegurkt ist“, erläuterte der Angeklagte. Dann attackierte der Landwirt einen Motorradfahrer aus Penzberg mit einem Ampferstecher.

Bad Heilbrunn/Wolfratshausen Dem Zeugen stockt die Stimme, als er die unglaubliche Situation, die er erlebt hatte, noch einmal schildern musste. „Ich habe geschrien: Lass uns reden, und stech’ mich nicht ab“, erinnert sich der Penzberger (25). „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Todesangst.“

Bei einer „Feierabend-Runde“ mit seiner Enduro war er in einem Weiler in der Gemeinde Bad Heilbrunn auf offener Straße von einem Mann (47) attackiert worden. Der Heilbrunner hatte den Zeugen vom Motorrad gestoßen, mit einem Ampferstecher auf ihn eingeschlagen und versucht, ihn mit dem Unkrautgerät zu stechen.

Nach Attacke mit Ampferstecher: Landwirt muss sich vor Amtsgericht verantworten

Nun musste sich der Bad Heilbrunner wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, gefährlicher Körperverletzung und Nötigung vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Wolfratshausen verantworten. Er wurde zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

„Was da passiert ist, sprengt alle Vorstellungen“, sagte Richter Helmut Berger später in der Urteilsbegründung. Am 26. Juli vorigen Jahres gegen 20 Uhr kam der Beschuldigte mit dem Ampferstecher vom Feld, als der Penzberger vorbeifuhr. Eine halbe Stunde habe er zugehört, „wie er da rumgegurkt ist“, erläuterte der Angeklagte. Seit geraumer Zeit fühle er sich von „Verrückten“, die mit heulenden Maschinen und quietschenden Reifen, nur auf dem Hinterrad stehend, an seinem Hof vorbeirasen und ihre waghalsigen Kunststücke vorführten, genervt. Nicht allein, weil er sich Sorgen um seine Frau und seine Kinder mache. An jenem Abend war das Fass offenbar übergelaufen. „Es war bescheuert, ich habe mich da reingesteigert“, gestand der Beschuldigte.

Sensenartig schwang er den Ampferstecher, um den Mann aus Penzberg anzuhalten

Er habe den Biker anhalten wollen. Ihn zur Rede stellen. Ihm erklären: Junge, so wird hier nicht gefahren. Deshalb postierte er sich mitten auf die Straße, schwang den mit zwei spitzen Eisenzacken bestückten, 1,10 Meter langen Ampferstecher „sensenartig“ vor sich hin und her. Als der Biker nicht wie vom Angeklagten gefordert, seinen Helm abnahm („ich wollte sehen, wer er ist“), lief die Situation völlig aus dem Ruder – wie ein Video belegt, das der Motorradfahrer mit seiner Helmkamera von der gefährlichen Begegnung gemacht hatte.

„Ich hatte mich total gefreut“, erzählte das Opfer, das „einen schönen Tag“ mit einer kleinen Rundfahrt zum Sonnenuntergang beschließen wollte. Als er den Angeklagten auf der Straße stehen sah, habe er das Tempo gedrosselt, sei hingefahren und habe „Servus, was gibt’s“ gesagt.

Mit Ampferstecher - Hiebe gegen Reifen, Hals und Helm

„Dann gab es schon den ersten Hieb gegen den Reifen.“ Es folgten zwei Hiebe gegen den Hals und ein Schlag gegen den Helm. „Zwischendurch habe ich gedacht: Vielleicht ist das heute dein scheiß letzter Tag“, erzählte der 25-Jährige, dem das Geschehen noch sichtlich nahegeht. Erst als die Ehefrau des Angeklagten eingriff, habe der Mann sich beruhigt. Er sei vor dem Vorfall monatelang nicht auf der Straße unterwegs gewesen und habe auch nicht gewusst, dass es eine Raserstrecke ist, beteuerte der Penzberger.

„Sie haben großes Glück, dass Sie nur am Schöffengericht gelandet sind. Ich möchte mir nicht ausdenken, was alles hätte passieren können“, hielt Richter Berger dem Heilbrunner vor und machte ebenso deutlich. „Sie sind der Auslöser, der die Gewalt ins Spiel bringt.“

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Das Gericht folgte in seinem Urteil dem Antrag der Staatsanwältin, die eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten gefordert hatte. Weil es die erste Verurteilung des Mannes war, setzte das Gericht die Strafe zur Bewährung aus. Der Verteidiger hatte eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 70 Euro (gesamt 6300 Euro) für ausreichend erachtet. „Er lacht, aber er weint innerlich. Der Vorgang ist ihm tief unter die Haut gegangen“, versicherte der Rechtsanwalt. „Die Reaktion ist natürlich völlig falsch gewesen. Aber seine unbändige Wut kam nicht aus dem Nichts.“

Strafmildernd wirkte sich für den Angeklagten aus, dass er in einem Täter-Opfer-Ausgleich dem Geschädigten bereits 1500 Euro Schmerzensgeld gezahlt, sowie rund 500 Euro Sachschaden ersetzt hatte. Zudem muss der Verurteilte als Bewährungsauflage 2000 Euro an die Bergwacht Bayern zahlen.

Mehr zu Kriminalität: Ein Kriminalitätsschwerpunkt war der Landkreis noch nie. Im Jahr 2018 aber ist die Zahl der erfassten Straftaten noch einmal auf einem Tiefststand angelangt. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik hervor, die das Polizeipräsidium Oberbayern Süd nun veröffentlicht hat.

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