VonNora Linnerudschließen
Auch in diesem Jahr nehmen wieder viele Leser des Tölzer Kurier an dem Schicksal von Menschen anteil, die in ihrer Nachbarschaft leben. Mit der Aktion „Leser helfen helfen“ werden die Betroffenen finanziell unterstützt.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Anna Leubitz (Name geändert) erlebte unvorstellbare Grausamkeiten – und hat dennoch einen Traum: Sie will Selbstverteidigung lehren, um anderen Frauen die Chance zu geben, sich wehren zu können.
„Mir geht es schon mein ganzes Leben lang nicht gut“, erzählt Anna Leubitz. Als Kind wurde sie allein gelassen, als Schülerin missbraucht, als junge Frau vergewaltigt und schließlich vom Vater ihres Kindes als Erwachsene bedroht. Leubitz stammt aus der ehemaligen DDR. Dort erkrankte sie als 5-Jährige an einer Hirnhautentzündung mit Epilepsie. „In der DDR war es üblich, dass die Kinder ohne Eltern im Krankenhaus bleiben“, erzählt Leubitz. Ohne elterliche Liebe, musste das Kind Monate voller Einsamkeit bis zur Genesung in einer Klinik verbringen.
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Als das junge Mädchen zehn Jahre alt war lockte ein Lehrer sie in sein Auto und verging sich an ihr. Das dadurch entstandene Trauma verdrängte Leubitz jahrelang, bis sich das unverarbeitete Leid durch Albträume und Flashbacks, also Bilder, die blitzartig vor ihren Augen erscheinen, vor drei Jahren zurück in ihren Kopf drängte.
Nach der Wiedervereinigung zog Leubitz nach Darmstadt. Zwei Männer überfielen sie dort im Jahr 1995 auf dem Nachhauseweg – dann vergewaltigten die beiden sie. In Darmstadt lernte die heute 44-Jährige auch den Vater ihrer Tochter kennen, der ihr verschwieg, dass er wegen schwerer Straftaten ins Gefängnis musste. Aus Angst, dass der gewaltbereite Mann der gemeinsamen Tochter etwas antun könnte, flüchtete die gelernte landwirtschaftlich-technische Assistentin im Jahr 2011 zur Einschulung der Tochter und für einen Neuanfang in den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen.
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Trotz der traumatischen Erlebnisse „funktionierte“ Leubitz jahrelang. Der Zusammenbruch kam 2015: „Mein Körper hat angefangen zu streiken“, erzählt sie. Zu Schlafstörungen kamen Panikattacken und eine Angststörung. All das erfahrene Leid gipfelte in einer schweren Depression mit Selbstmordgedanken und der Krankheit Borderline, durch die Leubitz dazu neigt, lebensgefährliche Risiken, beispielsweise beim Wandern, einzugehen. Leubitz ist daher seither fast täglich zur Behandlung in einer psychiatrischen Klinik.
In der Klinik lernte sie auch ihren jetzigen Ehemann Karl (Name ebenfalls geändert) kennen, der ihr Halt gibt, auch wenn er selbst ebenfalls an Depression leidet. Die beiden versuchen für die inzwischen 14-jährige Tochter von Leubitz da zu sein, so gut sie können. Anna Leubitz kann seit zwei Jahren wegen ihrer seelischen Belastungen nicht mehr arbeiten. Ihr Mann hält die Familie mit einem Job in Schichtarbeit über Wasser. „Für Weihnachtsgeschenke war in diesem Jahr kein Geld da“, sagt Leubitz. Nur für die Wünsche der Tochter sparen sich die beiden das wenige vorhandene Geld vom Munde ab.
Die beiden plagen Ängste um ihre Existenz und die Tochter. Sie wissen nicht, was wird, wenn das klapprige Auto, mit dem Leubitz täglich die 25 Kilometer zur Klinik fährt, kaputtgeht. Dann müsste Anna Leubitz für ihre Traumatherapie stationär in der Klinik aufgenommen werden und die Tochter in eine Pflegefamilie. Denn der Schichtdienst ihres Mannes ist mit der Fürsorge für die 14-jährige Tochter nicht in Einklang zu bringen.
Außer ihrer Familie hält Anna Leubitz eines aufrecht. „Ich habe mich im Kampfsport wiedergefunden“, so Leubitz. Wenn sie ihre Traumata einmal bewältigt hat, will sie Frauen in Selbstverteidigung ausbilden.
Sie hat selbst inzwischen den schwarzen Gürtel im Kickboxen erreicht. Wie im Sport geht sie im Kampf gegen ihre inneren Wunden oft zu Boden. Für ihre Tochter steht sie dann wieder auf.
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