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Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt kommt im Landkreis schneller in Schwung, als Experten angenommen hatten. Die nächsten Herausforderungen: Die, die schon einen Job haben, besser zu qualifizieren und die Erwerbstätigkeit von Frauen zu steigern.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Das Thema war mit manchen Hoffnungen, aber auch vielen Sorgen verbunden: Würden sich die vielen Flüchtlinge, die seit 2014 ins Land kamen, in den hiesigen Arbeitsmarkt integrieren lassen? Im Gespräch mit dem Tölzer Kurier zog Nicole Cujai, Chefin der Agentur für Arbeit in Rosenheim, nun Zwischenbilanz. „Es läuft besser als gedacht“, sagt sie. „Was wir jetzt haben, ist ein guter Stand.“
Wie viele Geflüchtete verdienen ihren Lebensunterhalt selbst? Die Antwort ist nicht einfach in Zahlen zu fassen. Der Aufenthaltsstatus von Ausländern – asylsuchend oder -berechtigt beziehungsweise subsidiär geschützt – wird in den Arbeitsmarktstatistiken nicht getrennt ausgewiesen. Zur Orientierung dienen die Daten von Personen aus den acht Hauptherkunftsländern: Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Deutschlandweit geht das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung davon aus, dass im 2. Halbjahr 2018 die Beschäftigungsquote dieser Menschen bei 28 Prozent lag.
Ende 2017 hatten 340 Flüchtlinge eine Arbeitsstelle
Die Agentur für Arbeit hatte sich zum Ziel gesetzt, dass ein Jahr nach der Ankunft etwa zehn, nach fünf Jahren 50 Prozent der Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt integriert sein sollten. Auf dem Weg zu diesem Ziel sei es schneller vorangegangen als angenommen, sagt Udo Kohnen, Leiter der Tölzer Agentur für Arbeit. „Das hängt natürlich damit zusammen, dass der Arbeitsmarkt in der Region sehr aufnehmefähig ist.“
Prozentzahlen für den Landkreis kann Cujai nicht nennen – wohl aber absolute Zahlen und deren Entwicklung. Waren 2014 noch 60 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus genannten Herkunftsländern gemeldet, waren es 2015 schon „fast 100“, 2016 dann „über 200“ und Ende 2017 schließlich 340. Dazu kommt ein Anstieg der geringfügig Beschäftigten von 23 (2014) auf 94 (Ende 2017). Im August waren zudem 25 Asylbewerber im Landkreis in Ausbildung. Diese Zahl dürfte im September mit Beginn des Ausbildungsjahres angestiegen sein, allerdings liegt die Statistik noch nicht vor.
Jobcenter-Chef: „Es gibt nicht nur Erfolgsgeschichten“
Demgegenüber stehen aktuell 150 Arbeitslose, die von der Agentur für Arbeit betreut werden – zumeist Menschen, über deren Asylantrag noch nicht entschieden ist – und 640 erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger, die vom Jobcenter betreut werden – das sind Menschen, die schon einen Aufenthaltstitel haben.
Cujai erklärt, dass Geflüchtete Jobs in „ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern“ gefunden hätten: In der Gastronomie und Hotellerie etwa sei der Bedarf groß, und eine Stelle als Spüler oder Zimmermädchen lasse sich auch mit geringen Sprachkenntnissen antreten. Auch im verarbeitenden Gewerbe und im Handwerk seien Flüchtlinge untergekommen. Eine große Nachfrage nach Arbeitskräften gibt es im Pflegebereich: „Hier ist die Sprache ein großes Thema, denn die Mitarbeiter müssen sich mit den zu Pflegenden unterhalten können und verstehen, welche Medikamente sie ihnen geben müssen“, betont Cujai.
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Bei zirka der Hälfte der Jobs der Geflüchteten handelt es sich laut der Agenturchefin um Stellen im Helfer-/Anlernbereich, die andere Hälfte sei auf Fachkräfteniveau. „Ein großes Thema der kommenden Jahre wird es sein, wie wir aus Geringqualifizierten Fachkräfte machen können“, sagt sie. Dies sei zwar zunächst einmal eine Aufgabe für die Arbeitgeber, die Arbeitsagentur könne sie dabei aber unterstützen. Solche Bemühungen gelten freilich nicht nur Menschen mit Fluchthintergrund.
Udo Kohnen benennt ein weiteres Problem, das mit „kulturellen Unterschieden“ zu tun habe: das Thema Frauenerwerbstätigkeit. Bei etlichen muslimisch geprägten Familien gehöre es nicht zum Rollenbild, dass die Frau arbeiten geht. Daran etwas zu ändern, ist für die Agentur für Arbeit nicht leicht. „Aber wir können versuchen, über Familienhelfer, über die Kitas oder kommunale Netzwerke mit den Familien ins Gespräch zu kommen.“
Ein „Sorgenkind“ seien nicht zuletzt die Über-50-Jährigen, die selbst mit akademischem Abschluss Probleme haben, eine Stelle zu finden. Allerdings ist der Prozentsatz der Jüngeren groß. Von den 640 genannten Hartz-IV-Empfängern sind laut Jobcenter-Chef Andreas Baumann allein 250 im Alter zwischen 15 und 25 Jahren.
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Nein, es seien beileibe „nicht nur Erfolgeschichten“, von denen er berichten könne, sagt Baumann. Da war etwa der junge Syrer, der sehr gut Deutsch spricht, eine Ausbildungsstelle als Kfz-Mechaniker bekam – dort aber einfach nie erschien. „In dieser Hinsicht“, meint Cujai, „ist die Welt bei Flüchtlingen so bunt wie bei Deutschen.“
