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Ekaterina Wirt und Alexander Schneider haben geheiratet - an einem ungewöhnlichen Ort. Das Geretsrieder Standesamt hat das Museum der Stadt zum Trauzimmer erklärt. Aber nur vorübergehend.
Geretsried – Weißes Tuch umhüllt den langen, schmalen Tisch, der mit roten Rosen sowie lila und weißen Orchideen geschmückt ist. Im Messingleuchter flackern fünf weiße Kerzen. Dekorativ daneben drapiert ein Liebespaar aus Porzellan. Vor dem Tisch reihen sich vier Stühle mit hohen Rückenlehnen, eingehüllt in weiße Stuhlhussen. Das sieht schon ganz nach Standesamt aus. Nur die Karikaturen der aktuellen Ausstellung mit Szenen zur deutsch-französischen Freundschaft bilden eine ungewöhnliche Kulisse und einen starken Kontrast zu dem festlichen Möbel-Ensemble im Eingangsraum des Museums der Stadt Geretsried.
„Sie haben es doch schön hergerichtet“, freut sich Ekaterina Wirt, die nun Schneider heißt. „Außerdem waren wir sowieso ganz auf die Zeremonie fokussiert, da war die Umgebung gar nicht so wichtig“, ergänzt Ehemann Alexander Schneider mit einem Schmunzeln. Nur einmal habe er einen flüchtigen Blick auf ein Bild an der Stellwand hinter der Standesbeamtin geworfen. Darauf legen – von spitzer Feder festgehalten – Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing einen flotten Tango aufs politische Parkett.
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Freche Karikaturen im Museum statt rustikaler Charme im Hochzeitszimmer des Rathauses. Daran müssen sich heiratswillige Geretsrieder derzeit gewöhnen. Es ist ein Höllenlärm, wenn auf der Baustelle am Karl-Leder-Platz beispielsweise gerade Spundwände gesetzt werden. Dann versteht man im wenige Meter entfernten Rathaus manchmal sein eigenes Wort nicht mehr. Das könnte im Standesamt womöglich fatale Folgen haben, wenn ein mit belegter Stimme dahingehauchtes „Ja“ vom dröhnenden Lärm der Bohrer verschluckt wird.
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Deshalb bietet die Stadt vorübergehend ihr Museum als Ausweich-Standesamt an. „Je nachdem, was auf der Baustelle los ist, wird das Brautpaar eine Woche vor dem Termin informiert, dass mit Lärm zu rechnen sein wird“, erklärt Standesbeamtin Elisabeth Kell. Dann könne das Paar entscheiden, ob es in einer Nachbargemeinde einen freien Termin suchen will (was auch schon vorgekommen sei), oder ob es sich im Museum trauen lassen möchte.
Die 25-jährige Medizinische Fachangestellte Ekaterina und der 28 Jahre alte Metallbauer Alexander aus Geretsried sind eines der ersten Paare, das sich dort das Ja-Wort gab. Und weil sie beim Sektempfang mit Familie und Freunden für die Ausstellung drum herum natürlich keinen Blick hatten, gab’s zur Heiratsurkunde noch zwei Eintrittskarten fürs Museum gratis. rst