Die obere Isar gilt als eine der letzten halbwegs naturbelassenen Flusslandschaften in ganz Deutschland und im Alpenraum. Auf ihre herausragende Bedeutung und Schutzwürdigkeit weist der heutige „Internationale Tag der Flüsse“ hin.
Bad Tölz/Lenggries – Die Menschen lieben die Isar, weil sie sich trotz aller Eingriffe noch viel von ihrer Schönheit, Ursprünglichkeit und Wildheit bewahrt hat. Alle wollen etwas von ihr und kommen sich dabei häufig in die Quere: Naturschützer und Erholungssuchende, Wassersportler und Fischer, Wasserwirtschaftler, Stromerzeuger und Klärwerke, die ihre Abwässer in sie einleiten. Damit bietet der Fluss immer Gesprächsstoff.
Die Isar hat schon viele Huldigungen erfahren: von Malern wie Carl Rottmann, Wilhelm von Kobell oder dem Tölzer Albert Spethmann, von den Schriftstellern Ludwig Ganghofer („Jäger von Fall“) und Ludwig Thoma, der in Vorderriß aufgewachsen ist, oder vom Liedermacher Willy Michl.
Auch das Bürgertum begeisterte sich früh für die Schönheit der Isar und sah ihre einzigartige Flusslandschaft angesichts der fortschreitenden Industrialisierung massiv bedroht. Der bereits 1902 von Gabriel von Seidl gegründete und bis heute sehr aktive „Isartalverein“ gilt neben dem Deutschen Alpenverein als die erste Naturschutz-Initiative in Deutschland.
Unseren Landkreis durchströmt die Isar auf exakt 75 Kilometern Länge und ist seine Lebensader. Der Quellbach der Isar entspringt auf 1800 Meter Höhe am traumhaft schön gelegenen Almboden „Halleranger“ im Herzen des Karwendelgebirges. Westlich von Vorderriß, bei Flusskilometer 244 (ab der Mündung in die Donau gerechnet), erreicht die Isar unseren Landkreis und verlässt ihn wieder bei Kilometer 169 beim Kloster Schäftlarn.
Der Flussname Isar ist indogermanischen Ursprungs und bedeutet „fließendes Wasser“. Gleiches gilt auch für Iser, Isere, Isel, Oise, Eisack und Isonzo. Heute hat sich der Wortstamm auf „Eis“, also den festen Aggregatzustand des Wassers, verengt.
Die Isar hat ein 9000 Quadratkilometer großes Einzugsgebiet und eine Länge von 292 Kilometern. Damit liegt sie unter allen deutschen Flüssen auf Platz 17, doch mit ihrer durchschnittlichen Abflussmenge von 175 Kubikmetern pro Sekunde liegt sie auf Platz 10. Der Grund dafür ist, dass sie aus dem Gebirge kommt und damit eine Region mit höheren Niederschlagsmengen entwässert.
Seit dem Mittelalter war sie ein wichtiger Handelsweg. Isarwinkler Flößer transportierten auf ihr das Holz und den Kalk in die Landeshauptstadt und weit darüber hinaus. Auch der Dachstuhl der Münchner Frauenkirche wurde aus Baumstämmen aus dem Isarwinkel errichtet.
Berüchtigt war und ist „die Reißende“ wegen ihrer gefährlichen Hochwasser: 1807 zerstörte sie die Tölzer Isarbrücke und beschädigte sie 1853 erneut schwer. Der Einsturz der Münchner Schwanenbrücke (heute Ludwigsbrücke am Deutschen Museum) beim Hochwasser 1813 riss über hundert Schaulustige in den Tod.
Ein „richtiger Wildfluss“ ist die obere Isar ja nicht mehr: Dafür sorgt die Talsperre am Sylvenstein. Außerdem wird die Isar zur Erzeugung von Strom an fünf Zuflüssen abgeleitet: zweimal in Tirol zum Kraftwerk Jenbach und dreimal in Bayern zum Walchensee-Kraftwerk - beide waren zum Zeitpunkt ihrer Inbetriebnahme 1927 und 1924 übrigens die leistungsstärksten Wasserkraftwerke in ihren Staaten.
Durch die vielen Ableitungen am Oberlauf war die Isar bei Trockenzeiten fast zur „Flussleiche“ verkommen. Andererseits hätte bei den schlimmsten Hochwassern (zuletzt 1999, 2005 und 2013) der Münchner Marienplatz bis zwei Meter unter Wasser gestanden, worauf jüngst wieder Ministerpräsident Markus Söder hingewiesen hat – ja, hätte es da nicht den Sylvenstein-Speichersee gegeben: Der von 1954 bis 1959 erbaute und 1999 sowie 2004 noch einmal erhöhte Staudamm sichert der Isar einerseits in Trockenzeiten eine ausreichende Restwasserführung – und entschärft andererseits die schlimmsten Hochwasserspitzen. Doch durch den Bau dieser Talsperre hat sich das Landschaftsbild am Unterlauf stark verändert: Weil die alpine Gesteinsfracht des Flusses bei Hochwasser (das „Geschiebe“) im See zurückgehalten wird, hat sich die Flussrinne immer tiefer eingegraben, der Grundwasserspiegel ist gesunken und die ehemals ausgedehnten Kies- und Schotterfelder sind zugewachsen.
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Die meisten Menschen kümmert das wenig: Aufgrund der landschaftlichen Reize haben sie den Stausee und den Flusslauf als attraktives Ausflugsziel und Erholungsgebiet in Besitz genommen. Dabei besteht die Gefahr, dass die Isar gleichsam „zu Tode geliebt“ wird: Zwischen Krün und Pupplinger Au gleicht der Zustrom der Erholungssuchenden bisweilen einer Invasion – mit nachteiligen Auswirkungen auf das Ökosystem. Denn manchen „Naturfreunden“ fehlt jeglicher Respekt gegenüber dieser herrlichen Flusslandschaft. Sie missbrauchen sie als Spaßpark und lassen dort ihre teils ekligen Hinterlassenschaften zurück.
Joachim Kaschek ist in der Naturschutzbehörde des Landkreises tätig, engagiert sich aber auch im Ausschuss des Isartalvereins für den Erhalt dieser wie er sagt „in Deutschland einzigartigen Flusslandschaft“. Er wünscht sich, „dass bei den Erholungssuchenden das Verständnis wächst für die Natur, und dass sie mehr Rücksicht nehmen auf die bedrohte Fauna und Flora am Fluss.“ Sein weiterer Wunsch für den Fluss: „Mehr Wasser!“ Die Isar werde ja nicht nur in Krün abgeleitet „Betroffen davon sind schließlich auch vier Nebenflüsse.“ (von Rainer Bannier)
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