„Das wissen viele nicht“

Tagespflege soll Angehörige entlasten: Nachfrage ist aber gering – „Ewig können wir nicht so weitermachen“

+
Hereinspaziert: Die Tagespflege im AWO-Seniorenzentrum gibt es seit knapp einem Jahr. Hier öffnet Einrichtungsleiter Christian Schulz die Tür.
  • schließen

Seit knapp einem Jahr bietet das Penzberger AWO-Seniorenzentrum eine Tagespflege an. Es war der ausdrückliche Wunsch der Stadt Penzberg. Doch die Nachfrage ist gering. Die Tagespflege ist gerade mal zu einem Viertel ausgelastet. Ändert sich das nicht, droht über kurz oder lang das Aus.

Penzberg – Fünf Frauen sitzen an einem Montag im dritten Stock des Penzberger AWO-Seniorenzentrums. Die Tagespflege hat dort eigene Räume. Es geht lustig zu in der Runde. „Ich finde es sehr spaßig, mir taugt‘s“, sagt eine der Frauen, die Multiple Sklerose hat. Der Raum ist an diesem Sonnentag lichtdurchflutet. Der Blick geht bis in die Berge. Nebenan befinden sich ein Bewegungsraum und einen Ruheraum mit Betten und Sesseln. Auch eine Küchenzeile gibt es. Die AWO München Stadt, Träger des Seniorenzentrums, hat für die Tagespflege zwei examinierte Fachkräfte und eine Pflegedienstleiterin eingestellt.

Tagespflege bei weitem nicht ausgelastet

Dennoch macht sich Einrichtungsleiter Christian Schulz Sorgen. Eigentlich bräuchte man einen Pool von etwa 60 Tagesgästen, die jeweils an einem oder zwei Tagen kommen, sagt er. Tatsächlich hat die Tagespflege derzeit nur einen Pool von 15 Gästen. Statt zwölf bis 15 Gästen am Tag (so viel Plätze hat die Tagespflege), sind es an manchen Tagen nur zwei, drei oder vier. Die Tagespflege ist bei weitem nicht ausgelastet. Für die AWO ist sie ein Draufzahlgeschäft.

Ausdrücklicher Wunsch der Stadt

Es war ein ausdrücklicher Wunsch der Stadt Penzberg, dass die AWO München Stadt im Seniorenzentrum eine Tagespflege einrichtet, die es in Penzberg bislang nicht gab. Sie soll Angehörige tageweise entlasten, die ihre Partner, Eltern oder Großeltern daheim betreuen, was wiederum diesen ermöglicht, lange im gewohnten Umfeld zu bleiben. Eröffnet wurde die Tagespflege im vergangenen Februar. Bei der feierlichen Einweihung einen Monat später, hieß es, dass 650.000 Euro investiert wurden. Die Stadt beteiligte sich mit 100.000 Euro.

Die Organisation einer Tagespflege sei schwierig, sagt Seniorenzentrum-Leiter Schulz. Der Träger muss die Fachkräfte die ganze Woche beschäftigen, ob am Tag zwei oder drei Gäste kommen oder zehn oder zwölf. Die Angestellten müssen zugleich so flexibel sein, dass sie mal in Teilzeit, mal in Vollzeit arbeiten, wenn es um eine Urlaubsvertretung geht. Nicht leicht sei es auch gewesen, eine Pflegedienstleiterin zu finden.

Mehr Gäste aus den Nachbargemeinden

Ein anderes Problem ist ihm zufolge, dass der BRK-Fahrdienst, der die Gäste zur Tagespflege bringt und wieder abholt, eigentlich am Tag sechzig Kilometer zurücklegen müsste, damit es sich rechnet. Auf diese Entfernung kommt er momentan aber nicht. Deshalb bräuchte es mehr Gäste aus den umliegenden Gemeinden, so Schulz. Momentan gleicht die AWO die Differenz aus.

„Das wissen viele nicht“

Um die Tagespflege nutzen zu können, benötigt der Gast eine Genehmigung der Pflegekasse und einen Pflegegrad (normalerweise wird sie bei Pflegegrad 2 oder 3 genutzt). Wer zum Beispiel den Pflegegrad 2 hat, dem zahlt die Pflegekasse einen Tag in der Woche. Will er öfter kommen, muss er selbst bezahlen. Schulz weist ausdrücklich darauf hin, dass sich eine ambulante Pflege und eine Tagespflege nicht ausschließen. Der Großvater könne daheim in der Früh vom ambulanten Dienst gewaschen und angezogen werden, danach komme der Fahrdienst und bringt ihn zur Tagespflege. Beides kann gleichzeitig genutzt werden. Man werde da von der Pflegekasse finanziell nicht benachteiligt, so Schulz. „Das wissen viele nicht.“

Die wenigen Gäste seien jedenfalls sehr zufrieden, sagt er. Sie gehen gemeinsam auf den Markt oder machen Ausflüge, sie feiern, spielen und musizieren. Im Ruheraum und im Bewegungsraum können sie sich ausruhen oder ihre Beweglichkeit trainieren. Ebenso stehen ihnen laut Schulz Veranstaltungen des Seniorenzentrums offen, etwa das Oktoberfest, „als zusätzliches Schmankerl“.

„Wir können nicht ewig so weitermachen“

Um für die Tagespflege (montags bis freitags, 9 bis 16 Uhr) zu werben, hat die AWO laut Schulz Handzettel in Praxen, im Krankenhaus und bei ambulanten Diensten („Wir sind keine Konkurrenz“) ausgelegt. Auch ein Treffen mit den Bürgermeistern aus den umliegenden Gemeinden gab es.

Doch was ist, wenn das alles nichts nützt? „Die AWO München Stadt hat einen langen Atem. Wir sind überzeugt, dass wir eine gute Arbeit machen“, antwortet der Einrichtungsleiter. „Aber ewig können wir nicht so weitermachen.“ Nötig seien viermal mehr Gäste.

Bewohnerzahl steigt

Die Zahl der Bewohner im Penzberger AWO-Seniorenzentrum liegt mittlerweile bei 100. Die Steigerung hängt damit zusammen, dass sich die Personalsituation stetig verbessert hat. Einrichtungsleiter Christian Schulz rechnet damit, dass es bis Mai rund 120 Bewohner sein werden. Zum Vergleich: Im Frühjahr 2023 waren es rund 80 bei eigentlich 130 Zimmern. Personell sei man mittlerweile sehr gut aufgestellt, sagte er. Die Arbeiten im Haus sind weitgehend fertig. Derzeit werden im Pfründnerbau die 20 Zimmer nach und nach an die „pflegerischen Erfordernisse“ angepasst.

Kommentare