„Bei der Arbeit sprechen wir Deutsch“

Jobs für Ukrainer: Vom Büro aufs Dach

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Zurück im Arbeitsleben sind Sergii Vinter (2.v.r.) und Dmytro Hashkov (2.v.l.). Daran haben auch Firmenchef Wolfgang Dollinger und Jobcenter-Geschäftsführer Jan Riediger (r.) ihren Anteil.
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Neues Land, neue Sprache – und auch ein neuer Job: Sergii Vinter und Dmytro Hashkov haben es geschafft. Die beiden Ukrainer, die in ihrer Heimat in Büros arbeiteten, haben in Weilheim als Handwerker Fuß gefasst. Sie beweisen nun tagtäglich: Die Integration von ausländischen Arbeitskräften kann gelingen.

Weilheim – Sergii Vinter und Dmytro Hashkov genießen die frische Luft am Morgen. Eigentlich stünden sie jetzt, es ist 8 Uhr, schon auf einem Dach in der Umgebung. Doch an diesem Tag treffen sie sich für ein Gespräch mit der Heimatzeitung. So sitzen Vinter und Hashkov nun – von den heißen Tagen dieses Augustes und dem Arbeiten in der Höhe braun gebrannt – an einem Tisch vor dem Solarzentrum Oberland in Weilheim. Für dieses arbeiten die beiden Ukrainer seit Anfang Juni. Das stimmt nicht nur sie selbst, sondern auch ihren Chef Wolfgang Dollinger und Jan Riediger, Geschäftsführer des Jobcenters Weilheim-Schongau, froh.

Viele derjenigen, die wegen des Kriegs in der Ukraine nach Deutschland geflohen sind, stehen noch ohne Beschäftigung da. Vinter und Hashkov aber haben den Weg zurück ins Berufsleben geschafft. Die Männer lernten sich bei einem Sprachkurs in Weilheim kennen, besuchten gemeinsam eine Infoveranstaltung des Jobcenters in Peißenberg. „Sie saßen in der ersten Reihe“, erinnert sich Riediger, der damals ein Stellenangebot des Solarzentrums als Beispiel dabei hatte. Die beiden Männer, die beide im April 2022 nach Deutschland geflohen waren, machten schnell Nägel mit Köpfen, stellten sich bei dem Weilheimer Unternehmen vor. Es folgten zwei Tage Probearbeiten – dann legte ihnen Dollinger schon Arbeitsverträge vor.

Früher im Hemd am Schreibtisch, heute in Arbeitskleidung auf dem Dach

„Wir sind glücklich, dass wir euch im Team haben“, sagt der Firmenchef nun beim Pressetermin direkt an die beiden gerichtet. „Da war gleich eine gute Chemie da.“ Obendrein hätten beide handwerkliches Geschick. Sie wurden als Helfer bei der Montage von Solarmodulen auf Dächern eingestellt.

Und arbeiten damit nun in einem ganz anderen Beruf als in ihrem Heimatland. Hashkov, der früher in Charkiw lebte, war als Regionalmanager in der Lebensmittel-Branche tätig. „Da trug ich Hemd statt Arbeitskleidung“, sagt der 39-Jährige, der nun in Hohenpeißenberg daheim ist. Auch Vinter (45), der aus Kiew floh und nun in Weilheim lebt, hatte einen Büro-Job. Er verkaufte Pumpen für Abwasser und Wasser. „Deutsche Pumpen“, betont er und lächelt.

Zwei Kollegen aus Kasachstan können bei Bedarf übersetzen

Nun aber „arbeiten wir mit den Händen“, sagt Hashkov, der wie Vinter mit Frau und Kind vor dem Krieg geflohen ist. „Denn unser Deutsch ist noch nicht so gut.“ Aber es ist auch nicht schlecht. Beide können sich auf Deutsch unterhalten, verstehen einiges. Zur Not greift Hashkov zum Smartphone, startet eine Übersetzungs-App. Bei der Arbeit braucht er diese kaum. Im Solarzentrum arbeiten zwei Kasachen, die Russisch sprechen und somit übersetzen können – das tun sie allerdings nur, wenn es wirklich notwendig ist. „Beim Arbeiten sprechen wir Deutsch“, sagt Hashkov.

Das ist auch seinem Chef wichtig. „Sprache ist das A und O“, sagt Dollinger. „Kompliment an die beiden, wie schnell sie Deutsch lernen.“ Eine gute Verständigung sei bei der Tätigkeit auf dem Dach wichtig – aus Sicherheitsgründen und auch, weil die Arbeiten gut ausgeführt werden müssen. „Wir lernen Schritt für Schritt dazu“, sagt Hashkov, der immer wieder von „der guten Mannschaft“ schwärmt: „Wir haben super Kollegen, sie helfen uns immer.“

Drei bis vier Montageteams, jeweils mit drei Mitarbeitern, sind für das Solarzentrum unterwegs. Die beiden Ukrainer „sind schon voll integriert“, lobt Dollinger. Auch von den Kunden würden die freundlichen Mitarbeiter gelobt.

Jobcenter übernimmt für sechs Monate 30 Prozent der Lohnkosten

Riediger verfolgt die Ausführungen lächelnd. „Das ist ein schönes Beispiel, wie Integration gelingen kann“, sagt der Geschäftsführer des Jobcenters. Die Behörde übernimmt für die ersten sechs Monate 30 Prozent des Lohns der beiden. Und unterstützt somit das Unternehmen dabei, die neuen Kollegen einarbeiten zu können. Auch für Hashkov und Vinter habe es Vorteile, arbeiten zu gehen, sagt Riediger und zählt auf: „Mehr Geld, mehr Urlaub, mehr Freiheiten.“

Und doch sind viele Ukrainer noch nicht im deutschen Arbeitsmarkt angekommen. Kein Wunder, dass der Jobcenter-Geschäftsführer hellhörig wird, als Dollinger mit Blick auf Hashkov und Vinter sagt: „Wir wünschen uns noch mehr so gute Kollegen.“

Dollinger weiß natürlich, dass die Situation mit den beiden Kasachen in seinem Unternehmen einiges leichter macht. Doch mit Sprach-Apps und Deutsch-Kursen – „die sind die Grundlage“ – sei die Integration ausländischer Mitarbeiter auch so machbar. Der Firmenchef hat Angestellte aus 14 Nationen – für die Haustechnik Oberland sowie das Solarzentrum arbeiten insgesamt rund 90 Menschen. Viele fingen wie die Ukrainer als Helfer an. Bleiben Vinter und Hashkov dran, können sie in der Firma aufsteigen, sagt Dollinger. „Ich traue ihnen zu, dass sie nach einiger Zeit ein Team führen können.“ Als er das sagt, sind die beiden schon unterwegs – die Arbeit ruft.

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