„Spielsinglas“ im Stadttheater

Junge Künstlerriege genießt die Freiheit - und wird in Weilheim dafür gefeiert

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Zahlreiche junge Künstler standen im Weilheimer Stadttheater auf der Bühne - unter der Leitung von Florian Appel.

Unter dem Titel „Spielsinglas“ ließen junge Musiker ihre Zuhörer im Weilheimer Stadttheater in ganz neue Welten eintauchen. Mit stampfenden Latzhosen-Trägerinnen, internationalem Sprachgewirr und ganz vielen Klängen.

Weilheim – Während unter anderem Rock, Pop und Hip Hop junge Menschen anlocken, so muss die Klassik den Nachwuchs hingegen liebevoll umwerben. Noch schwerer hat es die Sprache der sogenannten „neuen“, zeitgenössischen Musik. Sie ist in der Regel verzwickt gesetzt, jongliert mit Harmonien, Spieltechniken und Rhythmen. In gängigen Konzertprogrammen wird sie eher stiefmütterlich behandelt. Aber die Suche nach einer Klangsprache, die unserer Realität begegnen will, verdient Wahrnehmung. Auch wenn sie unsere Hörgewohnheiten rasch verlässt. Der Münchner Tonkünstlerverband startete vor Jahren eine Initiative, getragen von Johannes X. Schachtner, die junge Menschen zur Begegnung mit neuer Musik einlädt. Vier Tage hatte man sich nun unter Leitung von Dirigent Florian Appel, einem Weilheimer, in der Bayerischen Musikakademie Alteglofsheim getroffen, um ein ganz eigenwilliges Programm einzustudieren, das im Weilheimer Stadttheater seine Premiere fand. Das JU[MB]LE, das „Jugendensemble für Neue Musik Bayern“, trat dort unter dem Titel „Spielsinglas“ auf.

Ein durch und durch eigenwilliges Programm

Nach Trompeteneröffnungs-Solo von der Empore widmeten sich Streicher und Holzbläser, besetzt mit Bassklarinette, Bassflöte und Englischhorn dem Dialog zwischen der Madrigalwelt Gesualdos und der Klangwelt des 1947 in Palermo (Italien) geborenen Komponisten Salvatore Sciarrino. Instrumentale Sätze, mal tänzerisch verklärend, mal getragen leidvoll wechselten mit den Strophen der Mezzosopranistin Gundula Goecke ab.

Das Streichensemble, angeführt von der hervorragenden Geigerin Sophia Thumm, zeigte sich mit einem balancierten Klang. An die Bläserintonation hätte man noch Verbesserungswünsche. Das Miteinander der verschiedenen Epochen klanglich in transparenten Bezug zu setzten, brauchte viel Fluss, visionäre Gestaltungskraft und Geschmeidigkeit. Hier blieb für die jungen Künstler noch Optimierungsbedarf.

Klänge, die man in Bayern nicht so häufig hört

In den launig einleitenden Worten Appels zum 2001 erstmals aufgeführten „Schneegebirge“ von Anton Ruppert machte der Dirigent auf dessen Experimentierfreude aufmerksam: „Freuen Sie sich auf Klänge, die man in Bayern nicht so häufig hört.“ In einer Art Ton-Klang-Motiv-Pingpong warf man sich die Flocken zu, bevor Ruppert am Ende den Text des Volksliedes aus dem 18. Jahrhundert „Unter dem Schneegebirg, da fließt ein Brünnlein kalt“ subtil auffächerte. Gerade die Bläser waren gefordert – schnalzten, zischten, wechselten auch zur Percussion aufs Becken. Für den vokalen Gipfelsturm sorgte die Augsburger Sopranistin Madelaine Schwer.

Ein Füllhorn von Ideen für John Cage

Nach der Pause verschrieb man sich mit Haut, Haar, Stimme und Instrument John Cage. Bunt beleuchtet wurde da die „Living Room Music“ zu einer Art Sit-in. Zur Trompete klopfte und hämmerte man mit den Händen auf den Boden oder auf Plastikboxen. „Once upon a time“ drang in den Raum als Sprechgesang.

Ein Ideenfüllhorn gab es zum Finale aus den „Song Books“ von Cage. Mixgetränke, internationales Sprachgewirr und Kartenspiel dominierten den Hintergrund. Eine Blondine im rosa Bolero liebkoste einen Fön, hüllte einen Notenständer in rosa Tüll, schmetterte treffsicher Stimmübungen. Derweil wechselte Fagottist Elias Huth nicht nur Schirmmützen, sondern ließ das ganze Spektrum seines Instruments tanzen, gurgelte mit dem Doppelrohrblatt. Mit großer Ernsthaftigkeit fetzte man über die Bühne, durch den Saal, salutierte. Skurrile Tierköpfe, Sirenengeheul, Händeklatschen und Armdrücken im Liegen, rasch noch Äpfel an der Jeans glänzend geputzt. Das Latzhosen-Girl stampfte auf dem Podium herum. Hier hatte der Zufall Methode, die junge Künstlerriege genoss die Freiheiten auf der Bühne sichtlich. Und wurde lautstark vom ebenfalls mehrheitlich jungen Publikum gefeiert.

Dorothe Gschnaidner

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