Der Fall des kleinen Benjamin, der seinen Kita-Platz in Greimharting verlor, hat hohe Wellen geschlagen. Nun äußert sich der Träger. Warum die Einrichtung an ihre Grenzen stieß und die Entscheidung aus ihrer Sicht unumgänglich war.
Rimsting/Greimharting – Die Geschichte des sechsjährigen Benjamin, der seinen Kita-Platz in Greimharting verlor, hat viele Menschen bewegt. Seine Mutter, Miriam Selimbasic, beschrieb den Schmerz und die Folgen für ihre Familie mit eindringlichen Worten. Nun meldet sich die Gemeinde Rimsting als Träger der Einrichtung zu Wort. Ihre Schilderungen zeichnen das Bild einer schwierigen Entscheidung, die im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Inklusion und den realen Gegebenheiten des Kita-Alltags getroffen werden musste.
Ein zentraler Punkt, den die Gemeinde dabei hervorhebt, ist eine wesentliche Klarstellung zum Profil der Einrichtung: „Unser Haus für Kinder Greimharting (...) ist keine Integrationseinrichtung im fachlichen Sinne.“ Konkret bedeute das: „Entsprechend gehören heilpädagogisch ausgebildete Fachkräfte nicht zu unserem regulären Team“, so Rimstings Bürgermeister Andreas Fenzl. Obwohl Benjamin einen sogenannten Integrationsplatz bewilligt bekommen hatte, der mehr Personalstunden ermöglicht, ändert dies nichts an der grundlegenden Ausrichtung der Regel-Kita. So stoße man bei sehr spezifischem Förderbedarf unweigerlich an professionelle Grenzen. „Wir kooperieren eng mit den zuständigen Fachdiensten, wobei stets die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Kindes berücksichtigt werden. Dies geschieht mit Einverständnis und in Absprache mit den Eltern“, ergänzt der Bürgermeister.
Ein Prozess der Abwägung, kein plötzlicher Rauswurf
Dem Gefühl der Mutter, „eiskalt“ abgefertigt worden zu sein, stellt die Einrichtung ihre gelebte Praxis gegenüber. Die „wertschätzende Erziehungspartnerschaft durch regelmäßige, strukturierte und dokumentierte Entwicklungsgespräche mit den Familien“ sei, so die Gemeinde, „ein fester Bestandteil unserer Zusammenarbeit.“ Wenn sich abzeichne, dass ein Kind mehr Unterstützung braucht, als die Kita leisten kann, werden demnach frühzeitig Gespräche geführt, um gemeinsam nach dem bestmöglichen Weg für das Kind zu suchen: „Im Falle einer Kündigung des Betreuungsverhältnisses werden zielgerichtete Gespräche mit den Familien frühzeitig geführt. Dabei erarbeiten wir gemeinsam mögliche Alternativen und Perspektiven. (...) Die individuelle Begleitung erfolgt stets mit fachlicher Sorgfalt und menschlicher Zuwendung“, so Bürgermeister Fenzl. Dazu gehöre auch der Hinweis auf spezialisierte Einrichtungen wie die Philipp-Neri-Schule – genau jene Schule, die Benjamin nun besuchen wird.
Die Schilderung, die Kita-Leitung habe sich „überfordert gefühlt“, wird aus der Perspektive der Pädagogen in ein anderes Licht gerückt. Es gehe weniger um ein persönliches Gefühl als um eine professionelle Verantwortung für jedes einzelne Kind und die gesamte Gruppe. Die Gemeinde formuliert ihren Leitsatz so: „Dabei steht das Wohl jedes einzelnen Kindes – unabhängig von dem Entwicklungsstand – stets im Zentrum unseres Handelns.“ Eine Betreuung zu beenden, erscheint hier als letzter Schritt, wenn man überzeugt ist, dem Kind selbst nicht mehr das bieten zu können, was es für seine Entwicklung braucht.
Besonders verletzend war für die Mutter die Situation rund um den St.-Martins-Umzug. Zu diesem konkreten Vorfall äußert sich die Gemeinde nicht direkt, betont aber ihre grundsätzliche Haltung zur Gemeinschaft: „Teilhabe bedeutet für uns, jedem Kind Raum zu geben, sich zu äußern, mitzugestalten und als wertvoller Teil der Gemeinschaft anerkannt zu werden.“ Dieser Anspruch lässt die Möglichkeit eines Missverständnisses in einer für alle Seiten angespannten Situation offen.
Trotz der unterschiedlichen Sichtweisen zeigt sich doch ein gemeinsamer Nenner: Das System steht unter Druck. Die Mutter selbst sagte: „Es gibt immer mehr sogenannte ‚spezielle‘ Kinder.“ Die Schilderungen der Gemeinde bestätigen dabei, dass der Wunsch nach Inklusion im Alltag an personelle und fachliche Grenzen stößt. Aus Sicht der Kita war die Entscheidung womöglich ein notwendiger Schritt, um Benjamin den Weg zu der spezialisierten Förderung in der Philipp-Neri-Schule zu ebnen, die er nun erhält. Eine Lösung, die die Kluft zwischen dem Schicksal der Familie und der Realität der Einrichtung jedoch nicht schließt.