Klimakleber-Prozess in Bayern

„Ich bin verzweifelt und habe Angst“: 35-jährige Aktivistin ließ sich wegen Klimawandel sterilisieren

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Klimaaktivisten der Letzten Generation blockierten am 7. Juni 2022 die Frankenstraße in Regensburg. Jetzt stehen sie deshalb vor Gericht.
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Sieben Mitglieder der „Letzten Generation“ müssen sich wegen einer Verkehrsblockade letzten Sommer vor dem Amtsgericht Regensburg verantworten.

Regensburg – Es war der Morgen des 7. Juni 2022, an dem sich mehrere Klimaaktivisten der Gruppierung „Letzte Generation“ auf beiden Fahrspuren der Frankenstraße niederließen und so den Berufsverkehr auf dieser zentralen Einfallroute in Regensburg für mehrere Stunden lahmlegten.

Klimakleber vor Gericht: Sieben Angeklagte, 18 Betroffene

Sieben von ihnen müssen sich derzeit vor dem Amtsgericht Regensburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen gemeinschaftliche Nötigung vor. Einen besonders schweren Fall, wie zunächst gefordert, hatte Richterin Andrea Costa nicht gesehen und die Anklage nur geändert zugelassen.

Die Namen von 18 Pkw-Lenkern, die an diesem Morgen von der Blockade betroffen waren, finden sich in der Anklageschrift wieder, um den Vorwurf zu untermauern. Und für Oberstaatsanwältin Christine Müller ist es im Grunde „eine supereinfache Sachlage“, bei der es nur noch um Details geht.

Klimakleber vor Gericht: Staatsanwaltschaft hat einfache Fragen, die Angeklagten nicht

Kann man den einzelnen Angeklagten ihre Tatbeteiligung nachweisen? Wie weit und wie lange hat sich der Verkehr gestaut? Wie oft hat die Polizei die Blockierer aufgefordert, sich zu entfernen? Geriet jemand durch die Blockade in eine existentielle Notlage?

Solche Fragen sind es unter anderem, die von der Staatsanwaltschaft beim Prozess gestellt werden. Den angeklagten Männern und Frauen stellen sich hingegen völlig andere Fragen.

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„Ich kann Tatenlosigkeit nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren.“

Einer der Aktivisten, 48 Jahre alt, schildert in seiner Auslassung die Dramatik des Klimawandels – untermauert mit vielen Zahlen, Daten und Zitaten. Das Auftauen des Permafrostbodens, das Abschmelzen der Eisschilde, wie sehr sich der Temperaturanstieg in den letzten 30 Jahren beschleunigt habe.

„Ich sage Ihnen, dass wir unsere Kinder in einen globalen Schulbus hineinschieben, der mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit tödlich verunglückt“, zitiert der Umweltschutzingenieur den Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber.

Mit seinem Gewissen könne er es nicht mehr vereinbaren, einfach zuzuschauen, während die Bundesregierung der Schutzverpflichtung des Staates vor den Klimafolgen „grob fahrlässig, wenn nicht vorsätzlich“ einfach nicht nachkomme.

Deshalb sei er bei der „Letzten Generation“ aktiv. Er rufe alle Menschen zum „friedlichen zivilen Ungehorsam“ auf, um die Politik zum Handeln zu bewegen.

Angeklagte ist verzweifelt und hat Angst – sie ließ sich sterilisieren

Emotional wird hingegen eine 35-Jährige, die auf der Angeklagebank sitzt. Sie weint immer wieder während ihrer Einlassung. „Ich bin verzweifelt. Ich habe Angst.“ Sie habe sich nie vorstellen können, eine Straftat zu begehen und deshalb vor Gericht zu stehen, doch sie sehe keine andere Möglichkeit.

Sie habe sich sterilisieren lassen, weil sie es für sich nicht verantworten könne, Kinder in diese Welt zu setzen. Vor dem Hintergrund dessen, „was auf uns und unsere Kinder zukommen wird“, sei das, was ihr hier vorgeworfen werde, dann auch absolut nebensächlich. Die „Unannehmlichkeiten“ für die betroffenen Autofahrer täten ihr leid, doch sie wisse sich nicht anders zu helfen.

„Alles andere hat nichts gebracht“

Simon Lachner, in der Vergangenheit schon häufig als eine Art Sprecher für die „Letzte Generation“ aktiv, schildert, warum er mittlerweile zum Mittel der Verkehrsblockade greift.

Nach ökosozialen Vorstellungen sei er erzogen worden. Danach habe er auch sein Leben ausgerichtet. Aktivist bei Greenpeace, bewusste Lebensführung, Ramadama-Aktionen, Fridays for Future, mal hier und da eine Petition unterzeichnet, ein paar harmlose Störaktionen – all das habe nichts gebracht.

Verkehrsblockade: „Eine Protestform, die nicht ignorierbar ist“

Nach seinem Elektrotechnik-Studium habe er versucht, beruflich und auch privat den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben. Mit seinem Bruder habe er ein Solarfläche in der Innenstadt auf die Beine gestellt und als Mieterstromprojekt organisiert. „Selber machen. Was tun.“ Doch wenn er jetzt auf dieses Dach steige, sehe er rundherum, dass sich so gut wie nichts getan habe.

Die Politik sei eben gefordert, um für schnelle und effektive Klimaschutzmaßnahmen zu sorgen. Und weil dies bislang nicht geschehe und stattdessen immer noch „dreckige Gasdeals mit Katar“ abgeschlossen würden, habe er sich entschieden für „eine Protestform, die nicht ignorierbar ist“.

Klimakleber vor Gericht: Betroffene Autofahrer haben kaum Verständnis

Noch im Gerichtssaal kündigt Lachner an, zusammen mit anderen der hier Angeklagten nach Berlin zu fahren, um dort an der für den heutigen Freitag geplanten Verkehrsblockade teilzunehmen und die Hauptstadt lahmzulegen. Das Ziel sei, die Aufmerksamkeit auf das Thema Klimaschutz und dessen Dringlichkeit zu lenken und die Politik endlich zum Handeln zu bewegen.

Wenig Verständnis für die Aktionsform der „Letzten Generation“ zeigen die ersten Autofahrer, die von der Blockade betroffen waren und die am Donnerstag als Zeugen vernommen werden. Von Minusstunden und Mehrarbeit, die man habe leisten müssen, ist die Rede.

„Grundsätzlich wissen wir alle, dass man was für den Klimaschutz machen muss“, sagt ein Zeuge. Das sehe auch er so. Aber so eine Blockade gehe auf Kosten anderer. „Das ist meine Zeit, die da verloren geht.“ Dem Klima bringe das nichts.

Aktivist entschuldigt sich

Nicht nur Lachner entschuldigt sich mehrfach bei den betroffenen Autofahrern. „Das war nicht gegen sie persönlich gerichtet.“ Man versuche, durch die Störungen, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Er könne das ein Stück weit verstehen, erwidert ein Betroffener. „Aber im Grunde zieht ihr nur Ärger auf euch.“ „Das ist nicht zielführend. Das sorgt für Unmut und trifft vor allem einfache Arbeitnehmer“, meint ein anderer.

Die meist sachliche Gesprächsatmosphäre zwischen Blockierern und Betroffenen im Gerichtssaal ist dabei ein deutlicher Kontrast zur Emotionalität und Aggressivität, mit der diese Debatte in den (sozialen) Medien und stellenweise auch vor Ort, während der Blockaden, geführt wird.

Klimakleber vor Gericht: Konnten Rettungsfahrzeuge durch?

Großen Raum nimmt immer wieder die Frage ein, ob es ein Durchkommen für Rettungsfahrzeuge gegeben hätte, etwa über Fuß- und Radwege oder jeweils in entgegengesetzter Richtung auf den durch die Blockade freien Spuren. Die Einschätzungen gehen dabei selbst bei den vernommenen Polizeibeamten, die vor Ort waren, auseinander.

Von den Aktivisten auf der Fahrbahn hatten sich jeweils zwei in der Mitte nicht festgeklebt, um im Notfall aufstehen zu können. Zu einem solchen Notfall aber kam es nach bisherigen Erkenntnissen nicht.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Dann soll voraussichtlich schon das Urteil fallen.

In Bildern: 9 Dinge, die Regensburg einzigartig machen

Regensburgs malerische Szenerie am Abend.
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Die Steinerne Brücke aus der Vogelperspektive und aus Sicht eines Fußgängers.
Das bekannteste Wahrzeichen Regensburgs neben dem Dom St. Peter: die Steinerne Brücke. Sie gilt als Meisterwerk mittelalterlicher Baukunst und wurde als einzige Brücke des Mittelalters weltweit bis in die 2000er hinein noch von Autos und Bussen befahren. Sie war die wichtigste Verkehrsachse der Regensburger. Heute ist sie nur für Fußgänger geöffnet und verbindet die Stadtviertel Altstadt, Stadtamhof und Steinweg-Pfaffenstein. © Alexander Rochau / Lindenthaler / IMAGO
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Regensburg ist auch eine Studentenstadt. Mehr als 30.000 junge Menschen schreiben sich Semester für Semester an einer der Hochschulen oder der Regensburger Universität (im Bild) ein. Sie machen einen großen Teil der Bevölkerung aus und verleihen der Stadt ein junge wie reges Nachtleben. Nicht wenige verlieben sich so sehr in die Stadt, dass sie auch nach ihrem Studium bleiben und ihre berufliche Zukunft in einer der vielen großen Firmen im Speckgürtel rund um Regensburg finden. © picture alliance / Armin Weigel/dpa | Armin Weigel
Abendszene in der Altstadt, Freischankfläche nahe Haidplatz, Regensburg.
Die Regensburger Kneipen und Bars sind bis weit über die Stadtgrenzen hin bekannt. In der Altstadt locken zahlreiche Establiments mit variantenreichen Getränkekarten und leckeren Speisen. Vor allem im Sommer begeistert die Szenerie mit orangegelbem Licht und vielen jungen Menschen, die die engen Gassen Regensburgs bevölkern. © imagebroker / IMAGO
Das Cafe Prinzess ist das älteste Kaffeehaus Deutschlands.
Das älteste Kaffeehaus Deutschlands steht in Regensburg: Cafe Prinzess begrüßt seit 1686 mitten in der Altstadt seine Gäste seit 1686. Damals brachten französische Kaufleute das heiße Koffein-Getränk nach Bayern. Heute ist es das beliebte Ziel vieler Regensburger und Touristen. © imagebroker/siepmann / Lindenthaler / IMAGO
Die Jahninsel in Regensburg.
Die Jahninsel mitten in der Donau ist nicht nur wunderschön anzusehen, sie bietet vor allem im Sommer auch zahlreichen Menschen Platz, um die Sonne zu genießen. Besonders den Grillplatz nahe der Steinernen Brücke bevölkern dann zahlreiche Studenten, die den langen Tag in der Universität oder Hochschule bei einem erfrischenden Kaltgetränk abschütteln. © Gerolf Niessner/Imago
Ein Weg an der Donau in der Abendsonne.
Im Jahr 179 das erste Mal schriftlich im Rahmen eines Römerlagers erwähnt, weiß man heute dank gefundener Siedlungsspuren, dass der Regensburger Donaubogen bereits in der Steinzeit besiedelt wurde. Ein Grund für die Jahrtausendelange Anziehungskraft sind die Flüsse Regensburgs. Donau, Naab und Regen fließen im Stadtgebiet zusammen. Damals von wichtiger strategischer Bedeutung, heute ein Hauptgrund für die malerische Szenerie. Ein Abendspaziergang zum Beispiel an der Donau entlang lässt das Herz eines jeden Romantikers höher schlagen.  © Volker Preußer / IMAGO
Gloria von Thurn und Taxis hält regelmäßig Veranstaltungen auf Schloss St. Emmeram ab.
Gloria von Thurn und Taxis ist zusammen mit den Veranstaltungen auf Schloss St. Emmeram, wie dem Weihnachtsmarkt und den Schlossfestspielen, ein fester Bestandteil Regensburgs. Bei den Events begrüßt Prinzessin von Thurn und Taxis, so ihr amtlicher Familienname, regelmäßig auch die politische Prominenz Deutschlands.  © PPE / APress / IMAGO

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