Die Sache der Frauen mit dem Reißverschlussverfahren fördern? Das funktioniert nicht immer. Beleg: Die FWG-Kandidatenaufstellung für den Tölzer Stadtrat. Sechs der neun Kandidatinnen wären „ohne Reißverschluss“ weiter vorne gelandet. Zum Teil sogar bis zu drei Plätze.
Bad Tölz – Verblüffend ist auch eine andere Zahl: Jede der neun Kandidatinnen vereinte im Schnitt 73,4 Stimmen auf sich. Die zehn zur Wahl stehenden Mannsbilder mussten sich jeweils mit vergleichsweise dürftigen 54,7 Stimmen begnügen. Die Statistik ist ein bisschen verzerrt. Zwei Männer hatten in Abwesenheit kandidiert und hatten – eine alte Erfahrung bestätigend – letztlich keine Chance.
Der Reißverschluss als Bumerang: Das hätte Wahlleiter Ralph Munkert bestimmt nicht geglaubt, als er den Abend in der „Alten Schießstätte“ eröffnete und den 73 Stimmberechtigten, darunter viele Kandidatenunterstützer, die Regeln erklärte. Vier Kandidaten waren als Block an den Schluss gesetzt. Sie wollten nur die Liste komplettieren und stellten sich nicht ernsthaft zur Wahl.
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Anders Michael Lindmair. Der 42-Jährige warf nun ganz offiziell seinen Hut als FWG-Bürgermeisterkandidat in den Ring. 62 Ja- und 5 Nein-Stimmen sowie 6 Enthaltungen bedeuteten am Ende kein Traumergebnis, aber solide 85 Prozent.
Zuvor hatte der Immobilienmakler und Bankkaufmann nochmals kurz sein Programm vorgestellt. Er will die lange vernachlässigte Entwicklung des Stadtteils Flinthöhe vorantreiben. Die Ansiedlung des Josefistifts mache in dem Zusammenhang Sinn. Wohnen heißt für ihn, dass alle Bevölkerungsschichten einen Platz finden. Die Stadtpolitik müsse transparenter werden, forderte der Politiker. Er vermisste eine „geradlinige und ehrliche Informationspolitik, damit der Bürger auch versteht, was passiert“. Beim Thema Radfahren und Verkehr will Lindmair als Bürgermeister fantasiereicher als die Stadtverwaltung sein. Die DIN-Norm als Maßstab, damit mache man es sich zu leicht.
Lindmair lebt selbst im Badeteil. Der Tages- und Übernachtungstourismus sei essentiell für Stadt und örtliche Wirtschaft. Der FWG-Politiker strebt auch einen Ersatz für den Kleinen Kursaal an. Der kleine Versammlungssaal am Vichyplatz sei baulich nicht mehr zeitgemäß.
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„So eine geile Liste“ habe er die vergangenen 20 Jahre nicht erlebt, zeigte sich Ralph Munkert vom Kandidaten-Mix begeistert. Tatsächlich sind bekannte Namen darunter. Dass Andrea Niedermaier, die Frau des Landrats, in die Politik gehen will, ist eine kleine Überraschung. Auffallend: Nachdem bisher der Bäckerberuf stark von Männern im Stadtrat vertreten wurde, kommen nun die Frauen. Neben Andrea Niedermaier will auch Sandra Büttner ins Gremium einziehen.
Bemerkenswert auch, dass mit Carolin und Andreas Munkert sowie Korbinian Harrer gleich drei Sprößlinge von ehemaligen oder aktuellen Stadträten in die Kommunalpolitik einsteigen wollen.
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Für den Bürgermeisterkandidat war traditionsgemäß der Listenplatz 1 reserviert. Die meisten Stimmen, nämlich 100, erhielt Fraktionssprecher Martin Harrer. Die Letzte in der Vorstellungsrunde, Karin Weiß, katapultierte sich mit einer fulminanten Rede mit 96 Stimmen auf den Listenplatz zwei. Die Leiterin der Gleichstellungsstelle im Landratsamt eroberte sich das Votum offenbar mit ihren ganz konkreten Vorstellungen. Die Fußgängerzone müsse erweitert werden und Bauruinen, wie sie in Tölz vielfach zu finden seien, müssten verschwinden. Dazu seien Gespräche mit den Besitzern nötig, denn „Eigentum verpflichtet“.
Die Kandidatenliste im Einzelnenl: Listenplatz 1 (gesetzt): Michael Lindmair, ab Platz 2 abwechselnd im Reißverschlussverfahren Frauen und Männer: 2. Karin Weiß (96), 3. Martin Harrer (100, seit 2008 im Stadtrat), 4. Ulrike Bomhard (90, seit 2002 im Stadtrat), 5. Andreas Munkert (87), 6. Carolin Munkert (84), 7, Peter von der Wippel (80, seit 2014 im Stadtrat), 8. Andrea Niedermaier (82), 9. Tobias Fuhrmann (74), 10. Carolin König (76), 11. Korbinian Harrer (66), 12. Sandra Büttner (68), 13. Ulrich Fottner (40, Stichwahl: 24), 14. Roswitha Sedlmayr (64), 15. Jeffrey Pflanzer (40, Stichwahl: 20), 16. Ingrid Krafft-Otto (61), 17. Dirk Kirschke (35), 18. Melanie Krügers (40), 19. Benedikt Weber (in Abwesenheit, 13), 20. Martin Gams (in Abwesenheit, 12). Die Listenplätze 21 bis 24 waren als Block in folgender Reihenfolge gesetzt: 21. Paul Schenk, 22. Lisa Riesch, 23. Georg Kastenmüller. 24. Anni Stöckl. Ersatzkandidat ist Benno Brehm.
Von Christoph Schnitzer