Kunstwoche

Wolkenkratzer in Lenggries

+
Projizierte Bewegung: Georg Trenz (li.) und Detlef Hartung sind Teil ihrer eigenen Lichtkunst-Installation.

Transparenz heißt das Motto der Lenggrieser Kunstwoche in diesem Jahr. Die Exponate vermitteln eine etwas andere Sicht auf die Dinge.

Lenggries Hoch hinaus geht in Lenggries normalerweise nur das Alpenpanorama. Doch dort, wo sonst die Reden zur Vernissage der Lenggrieser Kunstwoche stattfinden, sind dieses Jahr Wolkenkratzer eingezogen. „Coloured City“, eine Rauminstallation der Künstlerin Marina Hartmann, verwandelt den Saal des Pfarrheims für zwei Wochen in eine imaginäre Großstadt und soll ein Gefühl für die jeweilige Atmosphäre verschiedener Weltmetropolen vermitteln – und die sind nun mal raumgreifend.

Die auf transparenten, deckenhohen Folien gedruckten abstrakten Türme und Gebäude stehen jeweils für die Identität und Vielschichtigkeit einer Mega-City – und schon ist man mitten drin im Thema, das sich die Künstlervereinigung (KV) Lenggries für die Kunstwoche 2019 vorgenommen hat: Transparenz.

Die Ausstellungseröffnung wurde draußen abgehalten – ein schönes Entree angesichts des milden Abends. Zudem kamen so die im Pfarrheimgarten aufgestellten Edelstahl-Objekte der Reichersbeurer Künstlerin Antonia Leitner und die Installation „In einer anderen Haut“ der Österreicherin Gabriela Nepo-Stieldorf als Empfang stimmungsvoll zur Geltung. Beide sind ebenfalls von der Künstlervereinigung eingeladen worden. Nach kurzen Grußworten von Landrat Josef Niedermaier und Bürgermeister Werner Weindl wandte sich KV-Vorsitzender Günter Unbescheid an die zahlreich erschienenen Vernissage-Gäste: „Transparenz nur als Durchlässigkeit zu interpretieren, wäre schnell langweilig. Eine gewisse Durchschaubarkeit im Hinblick auf den dahinterliegenden Sinn ist sie zudem. Sie hat oft etwas Ambivalentes und sie ist ein durchaus komplexer Prozess“. Die Künstlervereinigung Lenggries besteht aus Jürgen Dreistein, Ursula-Maren Fitz, Sophie Frey, Heidi Gohde, Ecki Kober, Veronika Partenhauser, Gabi Pöhlmann, Paul Schwarzenberger, Klas Stöver und Günter Unbescheid. Sie und die fünf geladenen Gastkünstler schufen etliche Interpretationen des Begriffs Transparenz, die es zu betrachten, erleben oder auch zu hinterfragen gab.

Schon im Eingangsbereich des Pfarrheims wurde man auf das Angenehmste verwirrt. Buchstaben, Lichter, projizierte Bewegung: Detlef Hartung und Georg Trenz kommunizieren mit „Palimpsest I und II“ in einer Art Licht-Raum-Sprache. Ihre Lichtkunst-Installation soll es ermöglichen, „Worte nicht nur durch ihren Sinn zu begreifen, sondern auch durch ihre Form“. Durch vielschichtige Projektionen aus mehreren Lichtquellen schaffen sie typografisch gestaltete und bewegte Texte. Für Hartung und Trenz, die 2018 den deutschen Lichtdesign-Preis für eine Installation am Kölner Dom erhielten, sind die Gegebenheiten des jeweiligen Ausstellungsraums auch immer Teil des Kunstwerkes. „Am Lenggrieser Pfarrheim war das Doppelkreuz über der Eingangstür tatsächlich ein sehr spannendes Element, das wir unbedingt mit einbauen wollten.“

Lenggrieser Kunstwoche: Coole, moderne, anspruchsvolle Einfachheit

Das transparente Musikvideo „Head“ zeigt die Gaißacherin Veronika Partenhauser jenseits eines herkömmlichen Bildschirms. Sie versucht damit die Erkenntnis sichtbar zu machen, dass alles im Kopf entsteht. Das ist cool, modern und die Botschaft in ihrer anspruchsvollen Einfachheit wohltuend unverschnörkelt.

Ein Zitat von Jack Kornfeld legt die Malerin Gabi Pöhlmann über ein Mädchenporträt, auch hier liegen zwei Schichten transparent aufeinander. „Offenes Geheimnis“ nennt Ecki Kober seine gewohnt großflächigen Bilder, diesmal allerdings in Blau statt in Rot wie in den vergangenen Jahren. Er sagt dazu „Farbe wirkt, statt zu erklären“. Mit Fotografien setzten sich die beiden KV-Vorsitzenden Günter Unbescheid und Heidi Gohde mit dem „Sichtbarmachen des Unsichtbaren“ auseinander, und auch Klas Stöver lässt auf seinen Fotos Schatten zu Licht werden. Sophie Frey aus Bad Tölz nennt ihre Hinterglasbilder „Schlaflose Nächte“: Sie ziegen schemenhafte Gestalten, die aus dem Gedankenkarussell entstehen, und die mit dem Dämmerlicht wieder verblassen. Wer bei der Installation „Alternative Fakten“ von Ursula-Maren Fitz meint, einen normalen Schreibtisch vor sich zu sehen, erkennt, dass nichts davon eigentlich nutzbar ist, da die Schreibutensilien aus Glas und somit unbrauchbar sind. Jürgen Dreistein hat mit seinen großformatigen Farbstiftzeichnungen „Lichtszenario“ wahre künstlerische Fleißarbeit geleistet. Und wer die Fotocollagen von Paul Schwarzenberger sehen will, begibt sich in eine schwarze Kabine, die auf der Pfarrsaal-Empore aufgebaut wurde.

Insgesamt ist die Lenggrieser Kunstwoche wieder eine spannende Möglichkeit, sich auf Ungewohntes einzulassen und eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Zudem ist sie eine künstlerisch hochkarätige Veranstaltung, die weit über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt ist.

Lange Nacht

Wer mit den Künstlern ins Gespräch kommen will, hat dazu Gelegenheit am Donnerstag, 19. September, bei der Langen Nacht der Kunst. Die Ausstellung ist bis in den späten Abend geöffnet. Die meisten der Künstler werden anwesend sein. Die Kunstwoche dauert noch bis Sonntag, 29. September. Geöffnet ist von Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr sowie an den Wochenenden von 10 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. (Ines Gokus)

Lesen Sie auch:

Künstler verschenkt Gemälde: Wer es haben will, muss kreativ werden

Hunderte feiern in Lenggries eine friedliche „Sternennacht“ - mit einer Ausnahme

Kommentare