Fenster, Autos, Fassaden kaputt

Hagelunwetter hinterlässt Schneise der Verwüstung im Isarwinkel und Loisachtal: „Es ist ein Schlachtfeld“

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    Felicitas Bogner
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Zerstörte Autos und Dachfenster, beschädigte Häuserfassaden, entlaubte Bäume: Das Hagelunwetter am Samstagnachmittag hinterließ eine Spur der Verwüstung im südlichen Landkreis.

Update vom 27. August, 20 Uhr:

Benediktbeuern - Nur zehn Minuten dauerte der Hagelschlag, aber richtete vor allem in Benediktbeuern große Verwüstungen an. „Es gibt ungefähr 1000 bebaute Grundstücke, 800 sind betroffen, 60 Prozent davon stark“, sagte Feuerwehr-Kommandant Daniel Sliva am Nachmittag in einer Pressekonferenz. Dächer, Fenster und Autos sind zerstört genauso wie landwirtschaftliche Flächen und Ernten. „Es ist der Wahnsinn. Es sieht aus, als ob ein Krieg ausgebrochen wäre“, sagt Bürgermeister Anton Ortlieb.

Basilika und Kloster bieten ein Bild der Zerstörung

Ein Bild der Zerstörung bieten vor allem das Kloster und die Basilika. „Alle Fenster an den Westfassaden sind kaputt“, sagt Pater Claudius Amann. Dasselbe gilt für einen Großteil der Dächer. Der Klosterinnenhof darf nicht mehr betreten werden, zu groß ist die Gefahr, dass weitere Ziegel herabfallen. Dankbar sind die Salesianer allen, die mitgeholfen haben, Fenster und Dächer zu sichern. Hier gehe es auch darum, historische Kulturgüter zu bewahren, sagt sagt Amann, der von Schäden in Millionenhöhe ausgeht.

565 Einsätze im südlichen Landkreis

Insgesamt registrierten die Feuerwehren seit Samstagnachmittag 565 Einsätze im südlichen Landkreis, so die Zwischenbilanz von Kreisbrandrat Erich Zengerle am Sonntagnachmittag. 238 Einsätze gab es allein in Benediktbeuern. „152 davon sind noch offen“, sagte Zengerle. „So massiv habe ich das noch nie gesehen“, sagte er mit Blick auf die Schäden im Ort.

390 Kräfte von Feuerwehr, THW und Bergwacht waren im Einsatz, viele davon selbst von den Hagelschäden betroffen. Große Unterstützung gab es aus dem Nordlandkreis und aus dem Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau sowie aus Krün. Froh sind alle über eines: „Bislang weiß ich nur von einem verstauchten Fuß bei einer Einsatzkraft“, sagte Landrat Josef Niedermaier. Wenn man die Schäden an Autos und Gebäude betrachte, „ist das eigentlich ein Wunder“.

Update vom 27. August, 11 Uhr:

Benediktbeuern - Das ganze Ausmaß der Hagelkatastrophe offenbart sich am nächsten Morgen in Benediktbeuern. „Es ist schlicht und einfach eine Katastrophe“, sagt Michael Herrmann, Geschäftsleitender Beamter der Gemeinde. Er ist an diesem Morgen am Feuerwehrhaus. Von dort werden die vielen Einsätze koordiniert. „Ich glaube, dass kein Dach mehr ganz ist. Viele Fassaden sehen so aus, als hätten sie Einschusslöcher.“ Die Gemeinde bittet darum, dass sich Zimmerer, Dachdecker, Glaser und andere Handwerker melden. Die Hotline hat die Nummer 08857/691334, Mail: stadler@benediktbeuern.de

Die meisten Dächer in Benediktbeuern sind beschädigt.

Ein Schulbeginn in den Klassenzimmern wird nicht möglich sein

Massiv betroffen sind Kloster, Basilika und Schule. Herrmann geht nicht davon aus, dass ein Schulstart in den Klassenzimmern möglich sein wird. „Wir haben kurzfristig Container organisiert.“ Mit Hilfe aus Bichl seien die schlimmsten Schäden an der Schule erst einmal abgedichtet worden. Zahlreiche Feuerwehren, aber auch Bergwachten aus dem gesamten Landkreis und darüber hinaus sind im Einsatz. Allein acht Drehleitern sind vor Ort. „Wir haben die Gemeinde in fünf Sektoren eingeteilt“, sagt Kreisbrandrat Erich Zengerle, der ebenfalls nach Benediktbeuern ins Feuerwehrhaus gekommen ist. Gerade laufen Erkundungsfahrten. „So massiv habe ich das noch nie gesehen“, sagt er mit Blick auf die Schäden im Ort. Alles was zu tun ist, wird in verschiedene Prioritäten eingeteilt. Nicht alles werde gemacht werden können, sagt Herrmann. Aber man werde versuchen, möglichst viele Dächer dicht zu bekommen - auch mit Blick auf den Dauerregen, der angesagt ist.

Dach und ein Teil der Fenster der Benediktbeurer Basilika sind zerstört.

Kochler Ortsteile Ried, Ort und Pessenbach: „Es ist ein Schlachtfeld“

Ebenfalls betroffen sind die Kochler Ortsteile Ried, Ort und Pessenbach. Im dortigen Gewerbegebiet wurde noch in der Nacht ein Notdach über einem Markt errichtet, berichtet der Kochler Bürgermeister Thomas Holz. Er selbst befand sich gerade mit seinen Kindern im Auto, als der Hagel seine Windschutzscheibe durchschlug. Mit Jacken schützte er seine Kinder vor den Splittern. „Wir waren nur 100 Meter von zu Hause entfernt, als es losging. Ich habe sowas noch nie erlebt.“ Sein Haus in Ort hat einen massiven Schaden am Dach. „Beim Nachbarn lagen drei Viertel des Dachs auf dem Boden.“ Viele Landwirte seien massiv betroffen. Die Dächer der Tennen, in denen gerade erst Heu eingelagert wurde, sind beschädigt. „Generell schauen viele Dächer aus wie ein Schweizer Käse“, sagt Holz. „Es ist ein Schlachtfeld.“

Viele Schäden gibt es auch in Bichl, wie Bürgermeister Benedikt Pössenbacher berichtet. Etwa die Hälfte des Dorfes sei betroffen. Auch dort gibt es beschädigte Dächer, Fenster, Autos und PV-Anlagen. Blätter, Äste und Zweige bedecken die Straße.

Hilfsbereitschaft der Menschen ist enorm

Wie seine Kollegen in den anderen betroffenen Orten lobt auch Holz die Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander - und vor allem auch die Arbeit der Feuerwehren. „Die haben wirklich Übermenschliches geleistet.“ Bis 2 Uhr morgens und dann wieder ab 7 Uhr in der Früh seien die Kräfte im Einsatz gewesen, sagt Holz. Unterstützung gab es aus Krün. „Die Feuerwehr schickt uns einen Trupp Leute, die auch Zimmerer und Dachdecker sind“, sagt Holz.

Die ursprüngliche Meldung vom 26. August:

Bad Tölz-Wolfratshausen - Es war gespenstisch: Noch um 19.30 Uhr waberte Nebel über die B13 im Bereich von Gaißach und Lenggries. Die Wiesen waren immer noch weiß von den Hagelkörnern, die gegen 16.30 Uhr niedergegangen waren. Am Straßenrand standen abgestellte Autos mit komplett zerstörten Scheiben. Blätter, Äste, Zweige bedeckten die Fahrbahn. Vorwärts kam man nur, weil zuvor bereits der Schneeräumer gefahren war, nach dem die Unwetter hier ebenso wie in weiten Teilen von Bayern gewütet hatten.

In Arzbach erreichten die Hagelkörner die Größe von Tennisbällen.

Baustelle am Arzbach geräumt, damit mehr Wasser Platz hat

Besonders schwer hatte der Hagel Arzbach, Benediktbeuern und erneut Lenggries getroffen, das erst vor vier Wochen einen Hagelsturm überstanden hatte. Schon wieder gingen tennisballgroße Hagelkörner nieder. Schäden gab es aber auch in Gaißach, Kochel und Bichl. Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz. Auch aus dem Nordlandkreis rückten laut Stefan Kießkalt, Sprecher der Kreisbrandinspektion, Einsatzkräfte aus, um unter anderem in Arzbach zu helfen. Dort musste die Baustelle am Arzbach geräumt werden, „damit mehr Wasser durch den Bach fließen kann“, erklärte Kreisbrandmeister Christoph Goßlau. Aufgrund des angekündigten Starkregens könnte es sonst zu Überschwemmungen kommen.

Teils heftige Gewitter tobten am Samstag, dem 26. August, über Bayern. Ein Kran stürzte auf ein Wohnhaus, Orte wurden von Wassermassen geflutet.

Unwetter-Chaos in Bayern: Die Bilder vom extremen Hagel, heftigen Starkregen und schweren Gewittern

Ein Blitz schlug in einem Haus im Landkreis Passau ein. Die Feuerwehr war im Dauereinsatz.
file7rp22j2f4aedfbu6b6.jpg © Markus Zechbauer/zema-medien/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Scheder
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Bogner
Der Hagel beschädigte mehrere Autos in Bayern.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Axel Wolf
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © fkn
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Botzenhart
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter.
Hagel, Sturmböen und Gewitter: In Bayern wütete ein heftiges Unwetter. © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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Zum Glück gibt es bislang keine Meldungen über Verletzte

„Es gibt unzählig viele kleinere und größere Schäden an den PV-Anlagen, Dächern und Fenstern. Dazu gibt es einige auf Pkws gestürzte Bäume. Wir priorisieren gerade die Einsätze, es wird aber sicherlich eine sehr lange Nacht werden. Alle Wehren sind im Einsatz“, beschreibt er die allgemeinen Situation im Isarwinkel. „Bisher ist uns glücklicherweise noch kein Personenschaden bekannt.“

Campingplatz muss geräumt werden

Schwer getroffen hat es auch den Arzbacher Campingplatz . Er musste geräumt werden. „Alle Wohnmobile sind vom Hagel zerstört“, so Goßlau. In der Arzbacher Turnhalle wurde eine Notunterkunft eingerichtet.

Heftiger Hagel ging am Samstag in Lenggries, Arzbach und Teilen des Loisachtals nieder.

Polizei, Notarzt und Feuerwehren mit insgesamt 30 Einsatzkräften wurden überdies zu einem Gasaustritt im „Arzbacher Hof“ alarmiert. „Eine Atemschutzgruppe ist dann mit Messgeräten in das Gebäude, aber die Geräte zeigten nur eine minimale Menge Gas an“, schildert der Tölzer Kommandant Thomas Fuchsgruber vor Ort. „Das Gebäude ist auch grundsätzlich nicht mit Gas versorgt, lediglich an der Schankanlage sind große CO2-Gasflaschen angeschlossen.“ Möglicherweise sei der Alarm durch Stromschwankungen ausgelöst worden, mutmaßt Fuchsgruber. Ob dies unmittelbar durch das Unwetter passiert ist, könne man noch nicht genau sagen.

An der Lenggrieser Pfarrkirche gingen die Scheiben zu Bruch.

Fenster der Lenggrieser Pfarrkirche zerstört - Gottesdienste entfallen

Auch in Lenggries war am Nachmittag und Abend an vielen Stellen Blaulicht zu sehen, zahlreiche Einsätze liefen. Heftig getroffen wurde unter anderem die Pfarrkirche St. Jakob. Fenster sind zum Teil zerstört und wurden notdürftig abgedichtet, um Wasserschäden in dem Gotteshaus zu verhindern. Die Schäden sind aber so massiv, dass die Gläubigen via Aushang darüber informiert werden, dass an diesem Sonntag, 27. August, der Gottesdienst um 9.30 Uhr ausfallen muss.

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