„Tölzer Acker“

„Luxusprodukte“ aus eigenem Anbau

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Mit Eifer dabei: (vorn vorne) Benedikt (10), Adrian (10), Nikolas (10), Sebastian (9) und Nilay (10) vom Sonderpädagogischen Förderzentrum am mobilen Hühnerstall.
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Sein eigenes Gemüse anpflanzen, hochwertige Produkte erhalten und damit die Umwelt schonen: Das ist der Hintergedanke hinter dem Projekt „Tölzer Acker“, das in sein zweites Jahr geht. Ein Besuch.

Bad TölzEr wächst und gedeiht prächtig, der Tölzer Acker. Das Gemeinschaftsprojekt, das vor zwei Jahren gestartet wurde, ist ein voller Erfolg. Als Martin Sappl Ende 2017 erklärte, er würde gerne einen Acker für das Projekt zur Verfügung stellen, stieß er sofort auf offene Ohren. „Allein beim ersten Infoabend waren 60 Leute da“, sagt Rose Beyer vom Bund Naturschutz. Der Verein ist Träger des Projekts. Im ersten Jahr kümmerten sich etwa 50 Familien um 30 Parzellen. In diesem Jahr sind es 50 Parzellen, die von 60 Familien bewirtschaftet werden. Dazu kommen vier Klassen von Förderzentrum und Jahnschule, die regelmäßig Unterricht im Freien erhalten.

Im Rhythmus der Natur: (v. li.): Rose Bayer, Thierry Thirvaudey, Lisa Sappl und Martl (2).

„Wichtig ist uns die Liebe zur Natur“, sagt Beyer. Man könne etwas eigenes mit den Händen schaffen, nämlich regionales Biogemüse. „Kein Dünger, keine Chemie.“ Durch den Verzicht auf Transport werde CO2-Ausstoß vermieden. Der Acker selbst wird sehr schonend bewirtschaftet – teils in Permakultur, teils maschinell. Auch auf die Bedürfnisse von Vögeln und Insekten wird geachtet.

In diesem Jahr wurden zudem neu 25 Obstbäume gepflanzt, Apfel, Birne, Zwetschge. Dazu ein paar Beeren, „die kann man schneller ernten, die Obstbäume brauchen ja etwa drei Jahre“, so Beyer.

Einer der begeisterten Selbstversorger ist Thierry Thirvaudey (51). Seit diesem Jahr baut er Spinat, Radieschen, Kohl, Wurzelgemüse und Salat an. Auch Kartoffeln, Erdbeeren und Rhabarber finden sich in seinem Bereich. Thirvaudey wohnt in Bad Wiessee, arbeitet aber in Bad Tölz. „Bisher war ich bei den Sonnenäckern dabei in Lochham.“ Die Fahrerei hätte ihn aber gestört – gerade auch aus Umweltgründen. Daher war er froh, dass er eine Parzelle auf dem Tölzer Acker bekam. Je nach Wetter betreut er seinen Teil des Ackers. „Das ist großartig“, schwärmt der Koch. „Es ist schön, so eine Verwurzelung mit der Natur zu bewahren. Viele Menschen vergessen das heutzutage.“

Ihm gefällt es auch, mit den anderen Menschen auf dem Acker ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen. „Wir machen hier Luxusprodukte.“ Für die Vollversorgung seiner vierköpfigen Familie reicht seine Ernte zwar nicht aus. Trotzdem findet er den Einsatz wichtig. „Man lernt, im Rhythmus der Natur zu leben.“

Ganz neu ist seit diesem Jahr auch ein mobiler Hühnerstall. Hier leben 220 Hühner und vier Hähne direkt neben dem Tölzer Acker. „Wir verkaufen an unserem Hof bereits Ochsenfleisch als Direktvermarkter“, erklärt Lisa Sappl. Sie und ihr Mann Martin haben den Grund für den Acker zur Verfügung gestellt. Durch den Hühnerstall wollte die Familie die Direktvermarktung noch ausbauen. Jetzt gehört zum wöchentlichen Programm der Schüler des Förderzentrums auch, nach den Hühnern zu sehen und Eier einzusammeln. „Das hat einfach gut dazugepasst und fügt sich in unseren täglichen Arbeitsablauf ein“, sagt Sappl. Der Stall wird einmal in der Woche versetzt, so dass die Tiere stets genug frisches Gras vorfinden.

Rose Beyer würde sich wünschen, dass sich noch mehr Landwirte in der Region bereit erklären, Grund für Selbstversorger-Äcker zur Verfügung zu stellen. Die bisherigen Projekte – die Äcker in Tölz und Lenggries sowie der „Tölza Garten“ – werden sehr gut angenommen. Geeignet seien Bauernhöfe „mit ökologischer Gesinnung in Schulnähe“. In maximal einer halben Stunde sollte der Acker zu Fuß erreichbar sein. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten gibt es auf www.ackern-im-oberland.de.

Tag der offenen Tür

Einen Tag des offenen Hühnerstalls bietet Familie Sappl am Samstag, 6. Juli, von 13 bis 16 Uhr am Tölzer Acker an. Alle Interessierten sind eingeladen.

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