80 Jahre wird die Reichersbeurer Max-Rill-Schule heuer alt. In einem Theaterstück setzt sie sich mit ihrer schwierigen Geschichte in der NS-Zeit auseinander.
Reichersbeuern – Tanzen, sie wollten tanzen – und deshalb sind die Mädchen der privaten Heimschule von Max Rill in Reichersbeuern ohne große Bedenken nach Bad Tölz gefahren, um dort gemeinsam mit den jungen Männern der SS-Junkerschule einen Tanzkurs zu absolvieren. Diese gemeinsamen Tanzabende waren ein wesentlicher Grund dafür, dass Max Rill 1947 aufgrund einer anonymen Anzeige in einem Wiederaufnahmeverfahren vor Gericht Rede und Antwort stehen musste. Ziel der Anklage: Nach einer ersten Verurteilung und Einordnung in die Gruppe IV der Mitläufer im Jahr zuvor sollte der Schulleiter nun nach den Vorgaben des Befreiungsgesetzes vom Nationalsozialismus in die Gruppe III der Belasteten eingestuft werden.
Das Verfahren vor der Spruchkammer für den Landkreis Bad Tölz ließ alle Vorgänge und Handlungen des Heimleiters ab dem Zeitpunkt seines Eintritts in die NSDAP 1937 noch einmal Revue passieren. Auf Grundlage des Protokolls schuf Dr. Nikolaus Frei, Historiker und Lehrer am heutigen Max-Rill-Gymnasium, mit Unterstützung seines eigenen Geschichtslehrers, Georg Kwossek, daraus ein Theaterstück. Titel: „Max Rill oder Über die Erziehung in Zeiten der Tyrannei“. Punktgenau zur Feier ihres 80-jährigen Bestehens wirft die Schule mit der Aufführung dieses Dramas jetzt einen Blick zurück auf ihre Anfänge in einer politisch drastisch reglementierten Zeit und die Gesinnung ihres Gründers. Man wolle auch das Publikum anregen, sich mit den zugrundeliegenden und immer aktuellen Themen, wie etwa Mitläufertum, Anpassung und Zivilcourage, auseinanderzusetzen und zu diskutieren, unterstrich Schulleiterin Carmen Mendez in ihrer Begrüßung zur Premiere am Dienstag. Die Kulisse war denkbar einfach, aber vollkommen ausreichend: vorne Tisch und Stuhl für den Richter, auf der einen Seite Platz für den Staatsanwalt, auf der anderen Seite der „Betroffene“ und sein Rechtsbeistand, hinten eine Sitzreihe für die Zeugen.
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Wie stand es nun wirklich um das Nazi-Mitläufertum von Max Rill? Alle Zeugen – unterschiedlich geprägt von der Schreckensherrschaft und von den Darstellern eindringlich gespielt – bestätigen dem Richter einen politikfreien Unterricht an der Schule und neutrales Verhalten Rills im Umfeld. Aber da sind eben diese Tanzstunden mit den SS-Junkern und verschiedene weitere Besuche in der Junkerschule in Bad Tölz, die der geifernde Staatsanwalt aufzählt. Dass Rill sowohl die Töchter hochrangiger NS-Bonzen und zugleich auch jüdische Mischlingskinder in seiner Heimschule aufnahm, nennt der Kläger einen Pakt mit dem Teufel. War das Taktieren Rills darauf ausgerichtet, weiterhin Mädchen eine moralische Erziehung angedeihen lassen zu können oder diente es nur rein dem Erhalt seiner Schule?
Wie das Stück begonnen hatte, so endete es: Mit drei Tanzpaaren, drei Mädchen und drei Burschen, letztere zu Beginn in SS-Uniformen, am Schluss in Zivil. Ein Urteil ergeht nicht, das soll jeder Zuschauer für sich selbst finden. Großer Applaus für diese leidenschaftliche Inszenierung.
Mitwirkende: Jakob Jarzina, York Rössel, Daniel Willberg, Alexander Schmidt, Vasilisa Tovstyga, Maya Killat, Annika Gieselmann, Sophie Will, Isabella Strangl, Maxine Meinel, Vincent Jäckel, Philip Nielsen; Regie: Nikolaus Frei; Choreografie: Kim Meyer.
Von Rosi Bauer