VonBoris Forstnerschließen
Vermutlich ein Wolf hat nahe Böbing ein Kalb gerissen – trotz Schutz durch einen doppelten Elektrozaun und nur rund 50 Meter vom Hof von Robert Miller entfernt. War es das selbe Tier, das im November ganz in der Nähe ein Schaf getötet hat?
Böbing – Um den Wolf war es zuletzt etwas ruhiger geworden im Landkreis. Seit Februar hat das zuständige Landesamt für Umwelt (LfU) keine Sichtungen mehr veröffentlicht. Bei einem toten Fohlen, das Ende Mai im Landkreis entdeckt wurde, hat sich der Verdacht gegen einen Wolf als Täter nicht bestätigt, da wurde laut LfU Hunde-DNA nachgewiesen.
Auch beim aktuellen Fall ist noch nicht geklärt, was das Kalb getötet hat. Doch sowohl Landwirt Robert Miller als auch der zuständige Jagdpächter Arno Bachhofer sind sich sicher: Das kann nur ein Wolf gewesen sein, und zwar ein großer.
Böbing: Kalb lag nur 50 Meter vom Haus entfernt
Montagfrüh hat Miller entdeckt, dass auf der Weide mit einem Kalb etwas nicht stimmt. Der 34-Jährige, der als Hausmeister bei Tabaluga arbeitet, ist Nebenerwerbslandwirt, hat fünf Kühe und fünf Kälber zur Direktvermarktung. Die fünf Kälber, die schon rund ein halbes Jahr alt und schon eher Rinder sind, stehen direkt neben dem Hof auf der Weide. Ein Kalb lag 50 Meter vom Haus entfernt im Gras. „Ich habe zuerst gedacht, dass es krank ist. Bis ich gesehen habe, dass da schon Raben und Krähen aktiv sind.“
Miller eilte herbei – und war schockiert von dem Anblick: Die Kehle des Rinds war aufgerissen, ebenso der Magen, Innereien wie das Herz waren gefressen worden, ein komplettes Bein fehlte ganz. Laut Miller und dem von ihm sofort verständigten Jagdpächter Bachhofer hat es das Raubtier auch noch geschafft, das rund 100 Kilo schwere Rind rund 20 Meter in Richtung Wald zu ziehen, was anhand der Spuren deutlich zu sehen war.
Zaun war doppelt elektrisch - oben und unten
Wann das Rind getötet wurde, ist noch unklar. „Um 20 Uhr waren noch alle munter auf der Weide. Nach Mitternacht ist meine Frau mal aufgewacht, da könnte es passiert sein.“
Seit dem Vorfall vom November, als nur Luftlinie rund 800 Meter entfernt bei einem Landwirts-Kollegen ein Schaf auch nahe des Hofes getötet wurde, hat sich Miller Gedanken gemacht. Der Zaun, der die Kälber auf der Weide beschützt hat, war doppelt elektrisch, das heißt, es gab unten und oben eine Absicherung. Der Zaun ist auch intakt, das hat Miller sofort überprüft. Der Wolf muss sich also entweder ganz flach gemacht haben, um unter der unteren Stromsicherung drunterzukriechen, oder er ist drübergesprungen, was Miller vermutet.
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„Früher sind wir als Kinder immer im Wald zum Spielen gewesen. Heute traue ich mich nicht mehr rein“
Auch Bachhofer war vom Anblick des zerfetzten Rindes erschüttert, „so etwas sieht man nicht alle Tage“. Reagieren könne man auf so einen Vorfall nicht – das sei Aufgabe von Gesellschaft und Politik. „Es gibt Kinder, Touristen, das Tierwohl ist ein Thema – darüber muss man sich mal Gedanken machen“, sagt er. Und Miller ergänzt: „Früher sind wir als Kinder immer im Wald zum Spielen gewesen. Heute traue ich mich selbst als Erwachsener nicht mehr rein.“
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Miller hat auch gleich das LfU informiert, noch am Nachmittag sollte ein Fachmann Spuren sichern und DNA-Proben entnehmen. Die durchschnittliche Auswertungszeit einer Probe beträgt in etwa zehn Werktage, teilte ein LfU-Sprecher mit, wobei genetische Proben an Nutztieren priorisiert behandelt werden. „Über eine Individualisierung können gegebenenfalls weitere Aussagen zum Tier wie Herkunft, Geschlecht und Individuum gemacht werden“, so der Sprecher.
Kälber bleiben weiter auf der Weide
Falls es ein Wolfsriss war, bekommt Miller eine finanzielle Entschädigung. Doch die bringt ihm wenig, sagt er: „Die Kälber sind zusammen aufgewachsen, die kennen sich. Wenn ich jetzt ein Kalb dazukaufe, wird es von den anderen nicht angenommen, oft gejagt und durchbricht leicht den Zaun. Es ist tagelange Arbeit, bis ein Kalb zu einer bestehenden Gruppe passt.“ Weil er gerade seinen Hof auf Laufstallhaltung umbaut, hat er auch keine andere Möglichkeit, als die verbliebenen vier Kälber auf der Weide zu lassen – und zu hoffen, dass der Wolf nicht nochmal zuschlägt.
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Rubriklistenbild: © Werner Schubert (ARCHIV)

