Statistik wenig aussagekräftig

Motorrad-Raser am Sudelfeld: Kontrollgruppe der Polizei von G7-Gipfel ausgebremst

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Beliebter Szenetreff: Motorräder parken am Schnauferlwirt am Oberen Sudelfeld. Die Strecke bleibt weiterhin stark frequentiert.
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Sie schauen den Bikern am Sudelfeld genau auf die Reifen: Die Polizisten der Kontrollgruppe Motorrad haben die Raserszene im Visier. Doch heuer wurden die Beamten selbst ausgebremst.

Bayrischzell – 13 statt 66 Ordnungswidrigkeiten, 16 statt 90 Verwarnungen, 14 statt 70 Fahrzeugmängel: Liest man die Saisonbilanz der Kontrollgruppe Motorrad fürs Sudelfeld, könnte man meinen, die Raserszene hätte die beliebte Bergstrecke weitgehend gemieden. Doch der Vergleich mit dem Vorjahr hinkt. Nur acht statt 21 Kontrollen haben die Beamten der Autobahnpolizeistation Holzkirchen heuer durchgeführt. Folglich nahmen sie auch nur 97 statt 452 Bikes unter die Lupe. Ausgebremst hat sie die Weltpolitik: Der G7-Gipfel auf Schloss Elmau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) habe alle personellen Ressourcen der bayerischen Polizei aufgebraucht, berichtet der Leiter der Kontrollgruppe, Hauptkommissar Roman Gold. Die obendrein aufgebauten Überstunden hätten die Sonderkontrolltätigkeiten wie am Sudelfeld stark eingeschränkt.

Polizei geht eher von Anstieg aus

Objektiv könne man daher keine Angaben machen, wie sich die Aktivitäten der Biker heuer entwickelt hätten, erklärt Gold. Subjektiv könne man aber keinesfalls von einem Rückgang der Hobby-Rasereien ausgehen. Die seien bestenfalls gleichgeblieben, eher sogar ein bisschen mehr geworden, meint der Hauptkommissar. Gerade an den Wochenenden, wenn die Kesselbergstraße im Nachbarlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen immer nur in eine Richtung befahrbar sei, würden die Biker verstärkt die Sudelfeldstraße unter die Räder nehmen. Letztlich handle es sich an beiden Orten um dieselbe Szene. Motorradfahrer aus dem Münchner Umkreis und mittlerweile auch immer mehr aus dem benachbarten Tirol, die ihre Maschinen gern mal im sportlichen Grenzbereich bewegen – und dabei die Grenzen des Verkehrsrechts durchaus in ihrem Sinne ausdehnen.

Lärm schwierig zu ahnden

Während sich Geschwindigkeitsüberschreitungen laut Gold noch relativ leicht nachweisen und damit ahnden lassen, wird es bei technischen Themen wie vor allem des in erster Linie von Anwohnern als sehr belastend empfundenen Lärms schon deutlich schwieriger. „Sämtliche Spielräume des Gesetzgebers werden rigoros ausgenutzt“, berichtet Gold. Dabei müsse es sich nicht mal um Tuning handeln. Schon im Originalzustand würden die Hersteller beispielsweise mit spezieller Auspufftechnik den Klang im Sinne ihrer Kunden verbessern. Den Rest würden dann die Fahrer erledigen, erklärt Gold. „Wenn man die niedrigen Gänge auf Kette fährt und richtig hochdreht, wird’s laut.“ Ohne, dass die Polizei technisch etwas beanstanden könne.

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Um hier eine Handhabe zu bekommen, müsste die EU die rechtlichen Vorgaben dafür schaffen. Und selbst diese würden nicht sofort nach Inkrafttreten spürbare Entlastung auf der Straße bringen. Grund: die sogenannte Besitzstandswahrung. Vereinfacht ausgedrückt: Wer sein Bike vor dem Stichtag gekauft hat, für den gilt quasi ein Bestandsschutz nach altem Recht. Und den könnten die meisten Fahrer lange genießen, schließlich würden Motorräder im Vergleich zum Auto deutlich länger halten, weil sie meist nur im Sommer gefahren werden.

Immer mehr Motorräder im Alltagsverkehr

Dass dies aber längst nicht mehr nur zum Spaß geschieht, stellt die Polizei auch im Alltagsverkehr abseits der bekannten Szene-Hotspots fest. Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie hätten den Wunsch nach „Flucht und Freiheit“ verstärkt, so Gold. Werte, die gemeinhin mit Motorradfahren in Verbindung gebracht werden. Die hohen Spritpreise würden den Trend noch verstärken, da ein Bike im Schnitt nur drei bis vier Liter Benzin auf 100 Kilometer und damit deutlich weniger als ein Auto schluckt. Die Folgen schlagen sich jedoch nicht nur in den Zulassungszahlen, sondern auch in der Unfallstatistik der Polizei nieder, erklärt Gold. Klar: „Wenn mehr Motorräder unterwegs sind, passiert auch mehr.“ Unabhängig von Lärm und Raserei.

sg

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