VonChristiane Mühlbauerschließen
Andreas Steppanschließen
Der Tölzer Knabenchor hat derzeit keine Auftritt. Kreativ sind die Sänger dennoch.
Bad Tölz – Auch der Tölzer Knabenchor hat am Montag den Musikunterricht wieder aufgenommen. Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden hat ein Konzept ausgearbeitet, wie man Kinder und Lehrer jetzt am besten aufteilt. „Wir haben in unseren Studios vier große Räume, da können wir ausreichend Abstand halten“, sagt sie. Beim Einzelunterricht war zuletzt vorgesehen, dass die Kinder vor einem großen Spiegel singen – damit sie sich und den Lehrer sehen. „Einen Spiegel kann man ja auch gut desinfizieren“, sagt Schmidt-Gaden und meint lächelnd: „Man wird kreativ in diesen Zeiten.“
Tölzer Knabenchor veröffentlicht täglich ein Kinderlied
Wie berichtet, veröffentlicht der Knabenchor derzeit täglich ein Kinderlied auf seinem YouTube-Kanal und bekommt dafür positive Rückmeldungen. Auch der Männerchor hat sich jetzt etwas einfallen lassen. Um die Zeit ohne Konzerte zu überbrücken, haben die 48 Erwachsenen „V’amo di core“ von Mozart einstudiert. Der Clou: Jeder Sänger tat dies zu Hause an einem besonderen Ort und nahm sich dabei mit der Videokamera auf. Das Bildmaterial wurde dann von Sänger Kastulus Forchheimer geschnitten. Man sieht also viele kleine Bildchen, die ein großes Ganzes ergeben, während man den Gesang hört. Chorleiter Clemens Haudum, der das Tempo vorgab, sitzt im Wohnzimmer an seinem Rudergerät, andere Sänger sieht man in Meditationspose, auf der Gartenliege, aus dem Führerhaus eines Lkw oder mit einer Gurkenmaske im Bett liegen. „Sie waren alle sehr einfallsreich und haben sich große Mühe gegeben“, freut sich Schmid-Gaden. Bislang haben mehr als 3000 Menschen das Video im Internet gesehen.
Auch beim Knabenchor hofft man, dass in absehbarer Zeit wieder Konzerte stattfinden können. „Ich schätze, es gibt ein Revival der Kammermusik“, sagt Schmidt-Gaden in Bezug auf die kleinen Besetzungen in diesem Genre. Die Tölzer planen unterdessen schon in Richtung Winter. „Wenn diese Konzerte auch noch ausfallen, wäre das für uns verheerend“, sagt die Geschäftsführerin.
Unterstützung aus dem Bayerischen Kulturfonds
Bekanntlich jährt sich heuer zum 125. Mal der Geburtstag des Komponisten Carl Orff. Der Knabenchor arbeitet gerade daran, im Winter dessen Weihnachtsgeschichte aufzuführen. Für dieses Projekt gab es vor Kurzem eine Unterstützung von 45 000 Euro aus dem Bayerischen Kulturfonds. Sie sei „sehr froh und glücklich darüber“, sagt Schmidt-Gaden. Geplant sind Auftritte in ganz Bayern, unter anderem in Bad Tölz und in Wolfratshausen im Dezember.
Gemeinsam mit dem Dresdner Kreuzchor, den Augsburger Domsingknaben, den Regensburger Domspatzen und dem Windsbacher Knabenchor wandte sich Schmidt-Gaden am Montag mit einem Appell an die Öffentlichkeit. Die Ensembles fordern „dringend klare Rahmenbedingungen und einen Zeitplan“ für die Wiederaufnahme des Konzertbetriebs und der Proben in Gruppen oder mit dem ganzen Ensemble. Der Shutdown der klassischen Musikbranche bedrohe die bis ins Mittelalter reichende musikalische Tradition der Knabenchöre. müh/ast
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