Porträt

Stefan Nimmesgern: Mit Spenderherz auf Himalaja-Gipfel

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„Geh’ raus und wage es zu leben“: Das ist der Leitspruch des Abenteurers Stefan Nimmesgern.

Der Fotograf Stefan Nimmesgern schafft den „Wiederaufstieg“ und schreibt darüber ein Buch.

Ammerland – Seine Landschaftsfotos sorgen weltweit für Aufsehen. Seine Leidenschaft sind die Berge, die er samt ihrer Bewohner in außergewöhnlichen Bildern porträtiert. Mehrere 5000er und 6000er hat er erklommen. 2005 umrundete er zusammen mit Reinhold Messner den Nanga Parbat im Westhimalayagebirge. Dass der Ammerlander Stefan Nimmesgern (63) immer noch auf Gipfel kraxeln kann, ist alles andere als selbstverständlich. Vor zehn Jahren versagte sein Herz.

Nur ein Spenderorgan konnte sein Leben retten. Nach Monaten bangen Wartens bekam er das Herz eines sechs Jahre jüngeren Mannes implantiert. Es funktioniert bis heute, und zwar so gut, dass Nimmesgern kürzlich den Kilimandscharo bestieg. Seine Mut machende Geschichte hat der Ammerlander zusammen mit Günter Kast in einem Buch mit wunderschönen Fotos aufgeschrieben. „Wiederaufstieg“ heißt es. „Wie ich mit einem Spenderherz neue Gipfel bezwang.“

Gelernt hat der gebürtige Saarländer eigentlich Porträtfotografie. Er machte sich einen Namen, indem er Prominente wie Barbara Rudnik, Loriot, Ulrich Tukur und Wim Wenders ablichtete. Mit Werbefotos verdiente und verdient er seinen Lebensunterhalt. Dazwischen bereist er die Kontinente. Für das Magazin GEO lieferte er eine Zeitlang beeindruckende Naturaufnahmen.

Die Bergfotos kamen hinzu, nachdem Stefan Nimmesgern mit seiner Frau, der Theaterschauspielerin und Triathletin Angelika Fanai-Nimmesgern, nach Ammerland an den Starnberger See gezogen war, und in den nahe gelegenen Alpen das Wandern und Klettern entdeckt hatte. Sein Vermieter und Hausarzt Dr. Georg Vogt hatte in ihm die Leidenschaft für dieses Hobby geweckt. Beim Deutschen Alpenverein (DAV) absolvierte der Saarländer mehrere Kletterkurse. Immer höher wollte er hinaus, auf die Zugspitze, das Ettaler Mandl, später auf Ziele außerhalb Europas wie den Mount Kinabalu in Borneo.

2002 nahm Nimmesgern als Fotograf an einer Expedition nach Franz-Josef-Land teil, dem nördlichsten Archipel der östlichen Hemisphäre. Auf dieser Reise lernte er sein Vorbild Reinhold Messner kennen. Die beiden freundeten sich an und 2005 umrundeten sie von Pakistan aus gemeinsam den Nanga Parbat. Nimmesgern ahnte nicht, dass Messner auf dem Trek endlich die seit langem von ihm gesuchten Leichenteile seines 1970 abgestürzten Bruders Günther finden würde. Einheimische hatten die Knochen und einen Schuh zuvor entdeckt. „Eine DNA-Analyse ergab zu 99 Prozent, dass die Überreste von Günther stammten“, erzählt Nimmesgern. Damit sei bewiesen gewesen, dass Messner seinen Bruder damals nicht im Stich gelassen habe, sondern gemeinsam mit ihm abgestiegen sei. „Das habe ich persönlich nie bezweifelt“, sagt der Ammerlander über sein Idol.

Die Aufnahmen brachten ihm internationales Ansehen. Seine Lust auf weitere Extremtouren war geweckt. In dem Buch finden sich noch spektakuläre Bilder von schneebedeckten Felsen unter blauem Himmel, dem Aconcagua in Südamerika, einer der „Seven Summits“. Doch sie sollten vorerst die letzten sein. Auf den knapp 7000 Meter hohen Gipfel schaffte es der damals 50-Jährige wegen seines Herzens nicht mehr.

Dass er an einer Herzinsuffizienz litt, wusste er bereits seit einiger Zeit. Dank Medikamenten kam er mit der Krankheit jedoch gut zurecht. „Es gab bessere und schlechtere Tage. Im Nachhinein weiß ich aber, dass ich nie hundertprozentig fit war“, sagt Nimmesgern. Schon damals habe er, selbst Inhaber eines Organspenderausweises, an eine Herztransplantation gedacht. Mehrere Kardiologen rieten ihm jedoch ab.

Der Zusammenbruch erfolgte am 6. Juni 2009. Stefan Nimmesgern war bei Carolin und Georg Vogt zum Essen eingeladen. Plötzlich klappte er nach vorne über, Herzstillstand, „mit dem Gesicht in den Salat sozusagen“, erzählt er und beschreibt es genau mit diesen Worten in seinem Buch. Der Gastgeber organisierte sofort den Defibrillator von der Ammerlander Wasserwachtstation, die sich – was für ein Glück – gleich um die Ecke befand. Nach fünf oder sechs Versuchen gelang die Reanimation.

Später auf der Intensivstation stand fest, dass jetzt nur noch ein neues Herz helfen konnte. Ein Arzt meinte ganz nüchtern, die Chancen dafür stünden gut im Moment. „Das Wetter ist schön. Es sind viele Motorradfahrer unterwegs, und es wird zu Hirntoten kommen. Die meisten Biker besitzen einen Spenderausweis“, erinnert sich Nimmesgern an die Aussage des Mediziners. Seitdem ist er ein heftiger Verfechter der sogenannten Widerspruchslösung. Sie besagt: Wer zu Lebzeiten nicht widerspricht, ist nach dem Ableben automatisch Organspender.

Diese gesetzliche Regelung gilt bereits in 18 Ländern. Wann immer Stefan Nimmesgern in Talk-Shows oder bei anderen Veranstaltungen auftritt, setzt er sich dafür ein, dass die Widerspruchslösung auch in Deutschland eingeführt wird.

Seinen „zweiten Geburtstag“ feierte der Organempfänger am 14. September 2009. An diesem Tag wurde ihm erfolgreich von Professor Bruno Reichart, dem Chefarzt der Herzchirurgie Großhadern, das Herz eines sechs Jahre jüngeren Mannes eingesetzt. Die Transplantation verlief einwandfrei, auch im Nachhinein gab es keine Abstoßungsreaktionen. „Ich habe kein Problem mit der Vorstellung, dass da jetzt ein fremdes Herz in mir schlägt“, sagt der heute 63-Jährige. Es sei „eine Pumpe“, nicht mehr und nicht weniger.

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Weil die Herzfrequenz nach der Operation etwas niedrig war, beschloss der passionierte Bergsteiger noch im Krankenhaus, dies zu ändern, indem er seinen Puls mit Treppensteigen in die Höhe jagte. „Ein Pfleger erklärte mich für verrückt“, erinnert er sich grinsend. Der ungeduldige Patient entließ sich selbst im November aus der anschließenden Reha und stand im Dezember schon wieder auf Skiern.

„Mein zweites Leben“ heißt das letzte Kapitel von „Wiederaufstieg“. Es erzählt von Touren in den Alpen, vom Klettern in Arco, von Treks auf den Dolpo-Pass in Nepal, auf den Mount Kenya und den Kilimandscharo in Afrika, jeweils mit großartigen Bildern von Natur und Menschen illustriert. „Ich bin dankbarer und gelassener geworden“, sagt der 63-Jährige bei einer Tasse Cappuccino in seinem idyllisch gelegenen Haus in Wimpasing, einem Ortsteil von Ammerland, wohin er mittlerweile mit seiner Frau gezogen ist.

Natürlich passe er auf sich auf. Indem er seine Medikamente nehme, sich gesund ernähre, regelmäßig trainiere und den Kontakt mit Kranken meide, um sich nicht anzustecken. „Aber Genuss gehört dazu“, ergänzt er. Mal ein Glas Rotwein, selten mal eine Zigarette – das gönne er sich. „Ich muss nicht 100 werden. Lebensqualität geht vor Lebensquantität“, findet der Mann mit dem gespendeten Herzen.

Ein paar Traumziele stehen noch auf seiner Liste, zum Beispiel der Mount Vinson in der Antarktis mit 4892 Metern oder die Nordschulter des Mount Everest. In Afrika hat der Ammerlander Abenteurer ein Sprichwort gelernt, das er eigentlich schon immer gelebt hat, das aber jetzt umso mehr Bedeutung für ihn besitzt: „Leave your house and dare to live – Geh’ raus und wage es zu leben.“

Info

„Wiederaufstieg – Wie ich mit einem Spenderherz neue Gipfel bezwang“ , erschienen im teNeues-Verlag, 192 Seiten, 97 Farbfotografien, Preis 25 Euro,
ISBN 978-3-96171-183-3.

Tanja Lühr

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