Die Brandserie von 1993 (Bericht Seite 1) ist den beiden damaligen Tölzer Feuerwehr-Kommandaten Hermann John und seinem Vize Ludwig Bernhard auch 25 Jahre später noch gut in Erinnerung. Der 64-jährige John und der 75-jährige Bernhard sitzen in der Redaktion des Tölzer Kurier, blättern im Feuerwehr-Album und lassen die dramatischen Tage vor 25 Jahren Revue passieren.
Bad Tölz –Unvergesslich war die Brandserie schon deshalb, weil die Marktstraße für Feuerwehrler ein „gefürchtetes Objekt“ war und ist, wie Bernhard sagt. Zum anderen feierte die Wehr damals 125-jähriges Jubiläum und bangte während des Monats vor dem Festakt, dass die, wie sich später herausstellte, zwei Feuerteufel, genau am Tag des Festakts zuschlagen würden. So war es nicht. Der 22-jährige Spanier Juan D. sowie der 20-jährige Kroate Zeljko Z. wurden vorher gefasst.
Die Verhaftung war für die Tölzer Feuerwehr auch aus einem ganz anderen Grund wichtig. Wie immer bei Brandserien nahm die Polizei auch die örtlichen Floriansjünger genau unter die Lupe. Es ist nicht so selten, dass Feuerteufel aus den Reihen der Brandbekämpfer stammen und sich beim Löschen besonders hervortun wollen. Genau deshalb hat die Kripo 1993 einen jungen Tölzer Feuerwehrmann verdächtigt, der nach dem Alarm verblüffend schnell als Erster am alten Feuerwehrhaus eintraf. Wie Hermann John erzählt, konnte er aber nachweisen, dass er just beim Hinauslaufen auf die Straße auf ein Taxi getroffen war, das ihn in Windeseile zum Einsatz fuhr.
Nach dem Brandanschlag auf das Kino am 21. Juli nahmen die Beamten einen Tölzer Feuerwehrmann sogar fest. Er hatte sich verdächtig gemacht, sagt John, weil er die Polizei in den Tagen zuvor darauf aufmerksam gemacht hatte, dass viele Marktstraßen-Häuser nicht verschlossen seien. Dieses Insiderwissen hatte er freilich nicht, weil er ein Brandstifter war, sondern Kaminkehrer. Das hingegen wusste die Polizei nicht.
Der gefährlichste der sechs Brandanschläge in einem Monat war zweifelsohne der in der Nacht zum 11. Juli. Die Täter hatten mit Spiritus die Holztreppe im Alten Rathaus angezündet. Um 3.38 Uhr, so erinnert sich John, war der Alarm. 13 Stunden sollte der Einsatz dauern, bis die 53 Mann der Tölzer Wehr und weitere 250 Floriansjünger der Wehren rundherum den Brand unter Kontrolle hatten. Erst mit normalen Leitern, dann mit Drehleitern wurde hinter dem Alten Rathaus und davor versucht Zugang zum Gebäude zu bekommen, um Hausbewohner zu suchen. Zwei Personen, darunter eine junge Frau, konnten so tatsächlich über die Leitern in Sicherheit gebracht werden. Löschtrupps wurden, so Bernhard, gleichzeitig in den Häusern links und rechts vom Alten Rathaus in Stellung gebracht, um ein Ausbreiten der Feuersbrunst zu verhindern. Es war zudem ein glücklicher Umstand, dass Hausbesitzer Martin Zach kurz zuvor renoviert hatte und Brandschutzmauern errichtet hatte, berichtet John. Eigentlich sollten sie Schutz vor Bränden in der Nachbarschaft dienen. Jetzt, so John, nützten sie die Nachbarn.
Für die zwei altgedienten Tölzer Feuerwehrmänner ist der Rathausbrand auch noch aus einem anderen Grund unvergesslich. Es gab einen Schwerverletzten in ihren Reihen. Hans F., der mit schwerem Atemschutzgerät über die hintere Drehleiter in den dritten Stock vorgedrungen war, kroch auf den Knien durch die völlig verqualmte Wohnung, um nach einem vermissten Ehepaar zu suchen. Das Ehepaar war glücklicherweise verreist, stellte sich später heraus. Irgendwie gelangte Hans F. ins brennende Treppenhaus und stürzte samt schweren Atemschutzgerät aus dem 3. Stock in die Tiefe. Sein Glück war, entsinnt sich John, dass der gefüllte Löschschlauch den Sturz ein bisschen bremste. Hans F. schlug mit dem Rücken auf und erlitt einen Halswirbelbruch. „Der Arzt hat uns später gesagt, dass er ganz knapp an einer Querschnittlähmung vorbeigeschrammt ist“, sagt Bernhard und erinnert sich schaudernd an den Moment, als er den fest eingepackten Hans F. auf der Krankenwagen-Liege sah. „Da ist mir fei schon anders geworden.“
Es gibt auch einen rundherum positiven Aspekt, der den beiden Alt-Kommandanten unvergesslich ist. Am nächsten Tag hätten die Nachbarn und Tölzer Bürger jede Menge Kaffee, Kuchen und Brotzeit aufgefahren. „Am Dorf ist das üblich, in der Stadt eher nicht mehr“, meint John und lächelt noch 25 Jahre später: „Das war wie eine große Familie.“
Von Christoph Schnitzer