VonNora Linnerudschließen
Ein Schlaganfall und eine Folgeerkrankung warfen einen alleinerziehenden Vater völlig aus der Bahn. Statt von einem Urlaub träumt er heute von einem Leben ohne Schmerzen.
Bad Tölz – „Irgendwohin fahren, wo’s warm ist.“ Das war bis vor einem guten Jahr der Wunschtraum von Martin Süß (Name geändert). 1984 hatte er Urlaub in Thailand gemacht und die Sonne genossen. So etwas wollte der 54-Jährige noch einmal erleben. Doch im August 2017 wurde für den Tölzer alles anders. In den Urlaub fahren zu können, ist inzwischen zweitrangig. Ein Ende seiner Schmerzen, Winterkleidung, ein Kühlschrank und ein Herd: Das sind die Dinge, die ihm heute wichtig sind.
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„Es kam aus heiterem Himmel“, erzählt der Tölzer. Süß wollte wie immer morgens zur Arbeit gehen. Doch der gelernte Schreiner merkte schnell, dass etwas nicht mit ihm stimmte. „Irgendwas war mit meinen Füßen“, sagt Süß. Das „Irgendwas“ wurde im Krankenhaus als Schlaganfall diagnostiziert. Wenige Monate später kam eine weitere Erkrankung hinzu: „eine Spinalkanal-Verengung“, so Süß. Dabei verengt sich der Kanal der Wirbelsäule, indem sich das Rückenmark befindet. Die Folge sind starke Schmerzen, die in die Beine von Martin Süß ausstrahlen. Einige wenige Minuten kann er am Stück gehen. „Dann muss ich stehen bleiben und Pause machen“, sagt er.
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„Ich hatte so viel durchgearbeitet und Geld angespart, um nach 30 Jahren noch mal in den Urlaub fahren zu können“, erinnert sich der 54-Jährige. Dann kam der Schlaganfall. Das gesparte Geld brauchte Süß für die Zeit der Krankheit, der Reha und der darauf folgenden Arbeitslosigkeit.
In seinen alten Beruf kann er nicht zurück
Zurück in seinen alten Beruf kann Süß nicht mehr. Die schwere körperliche Arbeit ist für ihn nicht zu bewältigen. Doch Süß will unbedingt wieder arbeiten. Mit 16 Jahren stieg er ins Berufsleben ein, hat seitdem immer sein eigenes Geld verdient. „Und dann sitzt man plötzlich daheim und kann nicht mal etwas an der Wohnung herrichten, weil selbst dafür das Geld fehlt.“
Seit August 2017 wohnt seine Tochter bei ihm. Süß sagt es nicht mit Worten, aber der Klang seiner Stimme verrät: Die 17-Jährige bedeutet ihm alles. In der Zwei-Zimmer-Wohnung schläft er seit ihrem Einzug im Wohnzimmer auf der Couch, damit die Auszubildende ihr eigenes Zimmer hat. „Es ist gut, dass sie da ist“, sagt Süß.
Eigentlich wollte er im Wohnzimmer eine kleine Mauer einziehen und ein Bett dahinter stellen, um sich ein wenig Privatsphäre zu schaffen. Doch das alles ist für ihn gerade unbezahlbar. Einen Kühlschrank hat Süß ebenfalls nicht mehr, die Lebensmittel kühlt er auf dem Balkon. Zumindest jetzt im Winter ist das eine Notlösung. „Der Herd ist auch kaputt, die Platten gehen nur noch manchmal“, sagt Süß.
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Winterkleidung ist derzeit unerschwinglich für ihn. Alles, was er hat, ist eine dünne Übergangsjacke und Turnschuhe. Auch der Tipp seiner Beraterin bei der Diakonie half ihm nicht weiter. „In der Kleiderkammer gibt es keine Winterkleidung in meiner Größe 68/70.“
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