Landwirt Anton Stürzer aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn steht vor einem Scherbenhaufen. Beim Hagelsturm hat der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes im Landkreis München seine gesamte Ernte verloren.
Höhenkirchen-Siegertsbrunn - Getreide, Raps, Mais: Nichts ist verschont geblieben nach dem Hagelsturm in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Über das Erlebnis und die Folgen spricht Kreisobmann und Landwirt Anton Stürzer im Interview mit dem Münchner Merkur.
Herr Stürzer, wie geht es Ihnen nach dem schwarzen Freitag der Verwüstung in Höhenkirchen, Brunnthal und Schäftlarn?
Ich muss jetzt erst einmal meine Schockstarre überwinden. Wir waren gegen 19 Uhr noch auf den Feldern und haben noch begutachtet, wie super alles steht. Dann kam die Gewitterzelle, der Hotspot, der über uns gegangen ist. Das war noch viel schlimmer, als wenn man nach langen Dürrephasen mit einem reduzierten Ertrag zurechtkommen muss, wie im vergangenen Jahr. Wenn man ohnehin nichts Gescheites auf dem Feld stehen hat, dann kann man sich leichter damit abfinden.
„Haben immer mehr mit Starkregen und Dürre zu kämpfen“
Die Unwetter werden mehr?
Ja, wir haben immer mehr mit Starkregen und Dürre zu kämpfen. Die Spitzenjahre sind jetzt eher die Ausnahme. Der Regen in den vergangenen Wochen in Bayern hat uns hier in der Münchner Schotterebene nicht weh getan, denn wir haben hier einen Kiesboden und das Wasser versickert schnell. Wir haben hier keine Staunässe oder Hochwassergefahr wie woanders. Wenn es bei uns einmal mehr regnet, ist das kein Nachteil.
Ja, heuer haben wir endlich wettermäßig für unsere Verhältnisse ein geiles Jahr mit der richtigen Abwechslung von Sonnenschein und genügend Wasser. Nur wenige Tage hatten bisher eine Temperatur von über 30 Grad. Das mag Getreide nämlich überhaupt nicht. Somit hatten wir Spitzenernten auf dem Feld. Es wären es noch ungefähr 14 Tage bis zur Ernte gewesen. Und wir dachten: Endlich einmal werden Aufwand und die Leidenschaft zu Landwirtschaft wirklich belohnt.
Unterstüzung bei Aufräumarbeiten
Das Unwetter am Freitagabend hat eine Spur der Verwüstung in Höhenkirchen-Siegertsbrunn hinterlassen. Auch den Siedlerverein Höhenkirchen hat es getroffen. Er muss den für Samstag, 20. Juli, geplanten Baumschneidekurs im Siedlergarten absagen, denn es steht kein Obstbaum mehr im Garten. Die Aufräumarbeiten im gesamten Ort werden wohl noch Tage in Anspruch nehmen. Die Gemeinde will die Bürger laut Pressemitteilung dabei unterstützen. Grüngut kann daher ab sofort an den Werktagen ganztägig (bis 16 Uhr) beim Bauhof abgegeben werden. Im Ortsteil Höhenkirchen und in Straßenzügen des Ortsteils Siegertsbrunn finden heute und am Dienstag die gewohnten Sperrmüllsammlungen des Zweckverbands Südost statt.
Auf Rückfrage beim Zweckverband, hat sich ergeben, dass für die Bereiche im Ort, bei denen die Sperrmüllsammlung gerade erfolgt ist, keine Zusatztermine angeboten werden können. Daher hat die Gemeinde einen Container für Sperrmüll organisiert, der auf dem Parkplatz des Gemeindestadls in Siegertsbrunn steht. Der Wertstoffhof in Ottobrunn, (Haidgraben 1) nimmt den Sperrmüll zu den gewohnten Öffnungszeiten entgegen, Montag bis Donnerstag 7 bis 19 Uhr, Freitag 7 bis 12 Uhr). Die Gemeinde arbeitet daran, die öffentlichen Straßen und Grünanlagen so bald wie möglich in einen gepflegten Zustand zu bringen, weist aber darauf hin, dass dies etwas Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Gemeinde bittet die Bürger, sich gegenseitig zu helfen und Betroffenen Hilfe anzubieten.
Im ideellen Sinn, meinen Sie?
Ja, denn jetzt reden wir als Landwirte noch lange nicht von Preisen. Wir wissen schließlich nicht, welche es sein werden. Aber der Landwirt weiß, dass er alles Menschenmögliche getan hat und für sich behaupten kann, dass er eine gute Ware und Menge produziert hat. So, und dann kommst du nach Hause und siehst, wie alles dunkler und dunkler wird. Dann zieht diese Front dermaßen auf Höhenkirchen zu, dass ich mir noch gedacht habe: Wie soll das gut gehen? Dann fängt es mit einer rohen Gewalt, mit Sturm und Hagel und Starkregen eine halbe Stunde zu toben an. Da war mir klar: Da draußen steht nichts mehr.
Hat keine Sorte das Unwetter überstanden?
Nein. Getreide, Raps, Maisfelder, alles ist abgeschlagen. Natürlich bekommt man auch um seine Gebäude Angst. Zu dem ganzen Unmut in der Landwirtschaft musste man sich bis morgens um 5.30 Uhr nur noch um die Gebäude kümmern und die Keller auspumpen sowie die Schäden reparieren. Am nächsten Tag sind wir aufs Feld gekommen. Da fällt dir einfach nichts mehr ein. Du bleibst mit dem Auto am Straßenrand stehen, schaltest den Motor ab und gehst noch einmal durch, was da eigentlich los war. Du siehst Felder, die vor Stunden im Hochertragsbereich gestanden haben. Und dann die komplett niedergemähten Bestände. Es ist klar: Da fährst du nicht mehr mit dem Mähdrescher durch.
Höhenkirchen-Siegertsbrunn: Hagel zerstört Ernte – „Nicht eines ist übrig“
Die Feldfrüchte sind nicht mehr nutzbar?
Nein, sie sind komplett ausgeschlagen mit Hagel. Der Hagel arbeitet wie ein Mähdrescher, er haut die ganze Körner aus den Ähren und knickt alle Halme ab. Normalerweise fährst du deine Felder ab und siehst zwei bis drei, die es erwischt. Der Rest ist noch nutzbar. Aber bei uns sind über 110 Hektar komplett kaputt. Nicht eines ist übrig.
Die Versicherung übernimmt den Schaden, oder?
Die meisten Landwirte sind versichert. Aber die Summe kann man selbst festlegen. Und weil im Landkreis solche Wetterereignisse bisher sehr selten waren, sahen viele aufgrund der Erfahrung darin keine Notwendigkeit und versicherten nur das zwingend Notwendige. Aber das Schlimmste ist, dass der Jahresaufwand an Einsatz und Zeit dahin ist. Du hast Samstag und Sonntag bei schönem Wetter gearbeitet, um eine Ernte zu ermöglichen. Und das ist dann innerhalb weniger Minuten alles weg. Das tut weh und man braucht Zeit, um darüber hinwegzukommen.